Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt passend zum Fest Darstellung des Herrn (Mariä Lichtmess) 2003

1. Warten

  • Eine Prophetin sei Hanna, sagt das Johannesevangelium. Eine Frau, die zu anderen über Gott spricht. Eine Frau, die Gott verkündet. Sie steht neben dem greisen Simeon, von dem knapp und ohne Einschränkung gesagt wird, er sei gerecht und fromm. Fromm, das bedeutet vom Wort her: Das Gute ergreifen oder gut annehmen.
    Beide, Simeon und Hanna sind wie das Volk Israel Menschen, deren Leben Erwartung ist: Erwartung, dass Gott sich zeigt. Sie stellen das Beste an Israel dar: Ein Volk, das Sehnsucht hat nach seinem Gott und Ausschau hält nach Gottes Gegenwart.
  • Hanna ist hochbetagt. 84 Jahre ist sie alt und Witwe seit vielen Jahren. (Die Übersetzung könnte sogar gelesen werden: Seit 84 Jahren Witwe!). Und wie Simeon in seinem Alltag gerecht lebt, so tut Hanna das, was sie vermag und kann: Sie dient Gott Tag für Tag im Tempel durch Fasten und Beten. Und beide warten sie, erwarten Gott. Ein langes Leben lang. Sie halten es für möglich, dass Gott nicht nur Theorie und Abstraktion ist. Sie vertrauen der Zusage und Treue Gottes und warten.
    Schon darin ist Hanna und mit ihr Simeon für uns eine Gestalt des Glaubens. Denn, Hand auf´s Herz, es ist gar nicht so selbstverständlich, von Gott etwas zu erwarten. Vielmehr dürfte ich nicht der einzige Christ sein, der sich dabei ertappt, sein Leben vielfach so eingerichtet zu haben, dass ich nicht mehr von unvorhergesehenen Ereignissen aus der Bahn geworfen werde. Warten, gar bis in´s hohe Alter warten und vertrauen, ist ein hohes Risiko. Ob Gott so treu ist, wie die Heilige Schrift es uns verheißt? Oder ob wir nicht lieber wie weiland die Helden der Aufklärung die Hypothese "Gott" aufgeben sollten - oder es de facto schon getan haben?
  • Hanna ist die Braut, die auf Ihren Geliebten wartet, weil sie ihm vertraut, dass er kommt. Sie wartet nicht untätig. Sie bereitet sich vor. Sie spricht im Gebet mit ihm und sie fastet, wie nur Menschen fasten, die sich den Appetit auf ein fulminantes Hochzeitsgelage nicht verderben wollen.

2. Sehen

  • Simeon und Hanna, haben nicht vergeblich gewartet. Gott zeigt sich ihnen. Ein Licht nicht nur für sie selbst, nicht nur Herrlichkeit für ihr eigenes Volk Israel, sondern Licht für alle Kulturen, die Gott noch fern sind (so wäre das Wort "Heiden" - "ethnä" treffend zu übersetzen). In diesem Kind zeigt sich für Menschen, die angerührt sind von Gottes Geist, das Heil aller Menschen.
  • Insofern gehört dieses Evangelium zu Weihnachten, denn noch vor allen Predigten und Wundern Jesu zeigt sich im Kind bereits die ganze Nähe Gottes. Deswegen ist es ein zutiefst christliches und biblisches Tun, wenn Christen zur Krippe gehen und schauen und wenn wir vor der Einfachheit des Allerheiligsten knien und nichts tun denn: schauen.
  • Simeon betont in seinem Dankhymnus an Gott, dass das Heil, das sich da zeigt, schrankenlos ist. Gott zeigt sich allen Sprachen, Völkern und Kulturen. Es gibt keinen Menschen, der von sich sagen müsste, dass ihm das Evangelium verstellt ist - wenn wir nur das eine tun: sehen, was Gott getan hat und in Bereitschaft leben. Hanna, die Wartende, wird zu Hanna, der Sehenden.

3. Reden

  • Kein Wort dieser Frau ist uns überliefert. Aber sie war keine Schweigende, sondern hat über das gesprochen, was ihr Leben erfüllt hat. Diese Frau muss solchen Eindruck gemacht haben, dass noch Jahrzehnte später, als das Evangelium von Lukas schriftlich notiert wurde, von ihr gesagt wird: "Sie sprach über das Kind zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten".
  • Vielleicht ist es kein Zufall, dass - im Unterschied zum Lied des Simeon - das Evangelium Hanna nicht mit einem Psalmengebet vorstellt, sondern es bei der schlichten Feststellung belässt, Hanna habe über Jesus gesprochen. So können wir unschwer den Klang ihrer Stimme uns vorstellen und uns an Menschen, oft Frauen wie Hanna, erinnern, die auf eine sehr persönliche und glaubwürdige Weise zu uns über Jesus gesprochen haben.
  • Hanna sprach zu allen, "die auf die Erlösung Jerusalems warteten". Dies ist uns, der Kirche gesagt. Auch und gerade, wenn wir das Buch der Heiligen Schrift in Händen halten und uns das Evangelium schon verkündet wurde: Christus ist der Herr!, auch dann beginnt für uns der Glaube beim Warten. Nicht beim tatenlosen Warten, sondern beim gerechten Leben, beim Ergreifen des Guten, in dem Gott sich zeigt, und beim Hören auf die Rede dieser Frau. Dann, da ist sich das Evangelium sicher, werden wir ganz gewiss diese Freude erfahren, die für Hanna und Simeon die Erfüllung ihres ganzen Lebens war. Amen.