Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum 2. Sonntag nach Weihnachten 2011 (Jesus Sirach)

02.01.2011 - Kleiner Michel (St. Ansgar), Hamburg

1. Dummheit

  • Weisheit erfreut sich nicht überall der Beliebtheit. Dabei meine ich nicht wissenschaftliche Bildung oder abstrakte Intelligenz. Weisheit ist umfassender als diese. Nicht jeder kann sie formulieren. Aber nach ihr zu streben und sie zu besitzen reicht kein Universitätsstudium und helfen nicht auch noch so viele IQ-Punkte. Sehr wohl aber gehört zur Weisheit die Wertschätzung des Wissens und der Bildung.
  • Und gerade da setzt die eigentliche Dummheit ein. Diese Dummheit herrscht da vor, wo sich jemand in seine kleine, schlicht gestrickte Welt aus Regeln und Vorurteilen einmauert. Diese Dummheit gibt es jenseits aller ideologischen Schranken. Leider gibt sie auch unter Christen. Die evangelische Variante gibt sich dabei als bibeltreu, die katholische als papsttreu. Aber das eine wie das andere ist eine leere, falsche Behauptung, von der man sich nicht beeidrucken lassen sollte.
  • Leider ist diese Dummheit oft besonders eifrig. Sie sucht sich ein paar Bibelstellen und erklärt damit allen die ganze Welt. Sie macht sich an ein paar liturgischen Formen fest und setzt alle unter Druck, die darin nicht die Rettung des Abendlandes finden. Sie erklärt, dass mit dem Herunterbeten bestimmter Gebete, mit der richtigen Auslegung von Nostradamus oder dem Sternenlauf, durch die Anhäufung von Gottesdiensten oder Rosenkränzen mit den Zusätzen der neuesten Marienoffenbarung die Probleme gelöst würden. Sie stürzt sich auf die Formalien, macht daran alles fest und wird so resistent gegen Überlegungen, die tiefer gehen. Die Dummheit fühlt sich überlegen, weil für sie Politik, Kirche, Religion, Beziehungen etc. letztlich ganz einfach gemacht werden.

2. Jesus Ben Sirach

  • Einen völlig anderen Geist atmet dagegen das Buch des Jesus Ben Sirach, aus dessen Mittelstück die erste Lesung des heutigen Tages genommen ist. Wenn Sie daheim einmal die Bibel zur Hand nehmen und die Verse aus Jesus Sirach meditieren, werden sie überrascht sein. Da ist zunächst einmal "Weisheit dieser Welt" versammelt.
  • Der Autor hat kein Problem von den Philosophen und Denkern seiner Zeit zu lernen, ihre Sprache zu sprechen und in ihrem Stil ein Weisheitsbuch zu verfassen. Er weiß, dass es außerhalb der Kirche viel Weisheit gibt, und es dem Volk Gottes gut ansteht, davon zu lernen. Die Welt ist nicht einfach dumm und schlecht. Von den Menschen gibt es viel zu lernen und wir tun gut daran, die Wissenschaften in ihrem Feld ernst zu nehmen. Denn alle Weisheit ist von Gott geschaffen als der Erstling seiner Werke.
  • Zugleich entdeckt Jesus Ben Sirach dabei aber auch den Wert der eigenen Überlieferung neu. Er findet viel von der Weisheit in den Büchern der Thora, den fünf Büchern Moses. Die Welt kann uns helfen, das Wertvolle unseres eigenen Glaubens zu entdecken und neu auszusprechen. Ein weiser Nachbar oder eine weise Arbeitskollegin, ein gutes Buch oder eine kluge Sendung können uns die Heilige Schrift manchmal besser erschließen und nahebringen, als manch gut gemeinte Predigt.

3. Gehorsam

  • Und doch hat die Weisheit einen besonderen Ort: "Gott sprach: In Jakob sollst du wohnen, in Israel sollst du deinen Erbbesitz haben." Das meint nicht, dass es außerhalb des Volkes Gottes keine Weisheit gäbe, sondern weist uns darauf hin, dass dieser vielfachen Weisheit, die es gibt, die Offenbarung Gottes einen notwendigen Ort gibt. Der Ort ist der Gehorsam. Deswegen verweist das Weisheitsbuch immer wieder auf das Gesetz. Das Zelt der Offenbarung, der Berg Zion, die Wolkensäule - all das verweist auf die Offenbarung.
  • Denn in der Offenbarung der Thora geschieht etwas, was bis heute wesentlich ist für die Weisheit: Sie muss gelebt werden. Sie kann zum toten Glasperlenspiel verkommen, wenn ich nicht im Angesicht des lebendigen Gottes erkenne, dass dies ein Weg ist, den ich gehen muss, weil er mir aufgetragen ist. Ohne den Gehorsam ist die Weisheit immer in der Gefahr, zur Technik zu werden, andere zu beherrschen.
  • Deswegen liegt hier vielleicht der Kern dessen, was der Glaube zur Weisheit beitragen kann. Wir Menschen sind so schnell gehorsam gegenüber allen möglichen Herrschern, die uns mit ihrer Macht und Popularität beeindrucken. Hier aber ist der Schöpfer der Weisheit. Er kommt uns wehrlos entgegen. Gerade das Weihnachtsfest macht das so deutlich. Im Kind die Herrlichkeit des allmächtigen Vaters zu erkennen und ihn zu loben - das ist die Haltung des Gehorsams, die uns die rechte Weisheit lehren kann. Amen.