Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum 2. Sonntag nach Weihnachten 2015 (Johannes)

4. Januar 2015 - Kleiner Michel (St. Ansgar), Hamburg

1. Das Wort ist Fleisch geworden

  • Gottes einziggeborener Sohn, gezeugt vor aller Zeit, wird durch den Heiligen Geist von einer Jungfrau empfangen, wächst in ihrem Leib heran und wird geboren als ein Mensch. Ein singuläreres Ereignis ist kaum vorstellbar. "Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt." Einzigartig.
  • Doch das Evangelium trägt seinen Namen - Frohe Botschaft - nicht zuletzt deshalb, weil die Erfahrung der Christen ist, dass dieses Ereignis zwar einzigartig, aber nicht folgenlos ist. "Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht." Der Inhalt dieser Kunde ist die Einladung teilzuhaben an diesem einzigartigen Verhältnis zu Gott: "Allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind."
  • Mit dieser Kunde sind Christen seit zweitausend Jahren ausgezogen und haben das Evangelium in alle Völker und Kulturen gebracht. Denn dieses besondere Verhältnis zu Gott, gleichsam durch Adoption den Status eines Erben zu erhalten, ist keinem Menschen fremd. Jeder Mensch ist von Gott geschaffen und dadurch von Gott her sein Kind. In der Verkündigung und Annahme des Evangeliums wird das, was für alle und immer gilt, nur offenbar. Öffentlich vor aller Welt wird verkündet: Du bist Gottes Kind, hast Anteil an dem einziggeborenen Sohn Gottes, Jesus Christus.

2. Als Menschen sind wir Kinder Gottes

  • Wo das geglaubt wird, bleibt das nicht ohne Folgen. Wo Menschen auf diese Botschaft vertrauen, verändert das nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch die Kultur und Gesellschaft, in der sie sich bewegen. Natürlich geht es nicht darum, mal irgendwie gehört zu haben, dass ich Kind Gottes bin. Auch die Taufe bleibt ohne Folgen, wo die Gotteskindschaft nicht in tagtäglicher Praxis des Gebetes und des Vertrauens gelebt wird. Wir wachsen in die Gotteskindschaft hinein, wie wir auch in andere Beziehung hineinwachsen. Zugleich gibt es die Erfahrung, dass diese eine Beziehung, die Beziehung zu Gott als unserem Vater, alle anderen Beziehungen verwandeln und prägen kann.
  • Die Zusammenhänge sind heute kulturgeschichtlich gut erforscht. Es lässt sich zeigen, welchen Einfluss das Christentum auf die antike Kultur (und umgekehrt) genommen hat. Es ist deutlich, dass der Zusammenbruch der römischen Reichsherrschaft im Westen viele, auch von den Christen errungene Standards in Bezug auf das Verständnis des Kindes und seiner Würde wieder zerstört hat. Und es lässt sich zeigen, wie von dem Ringen engagierter Christen in der ersten fränkisch-germanischen Zeit nach der Völkerwanderung über das Mittelalter und die Aufklärung bis zur Gegenwart Linien zu unserem heutigen Verständnis von Kinderrechten und Menschenrechten führen. Nur sind das keine geraden, immer nur ansteigenden Linien. Vielmehr mussten immer wieder Rückschläge überwunden werden. Herrschaftstraditionen und Wirtschaftsinteressen sind stark und der Glaube ist nie 'rein verwirklicht'; jede Epoche, jede Kultur und jeder Mensch muss immer wieder von den Ursprüngen des Glaubens her die Erneuerung und den Neuanfang wagen.
  • Drei Beispiele könnten das illustrieren: Die Sorge um Waisen und Findelkinder, der Umgang mit behinderten Kindern und die christliche Ablehnung der Abtreibung.
    In der Antike rund um das Mittelmeer und später im Nordeuropa der Franken, Germanen, Kelten und Slaven (und anderen Kulturen) gab es eine von der biblischen Tradition grundverschiedene Vorstellung von der Würde des Kindes - und vor allem von der Rolle des Vaters. Er war es, der über Wohl und Wehe, ja Leben und Tod von Kindern wie seinem Besitz entscheiden durfte. Ob er Säuglinge abtreiben ließ oder aussetzen, ob sie (wie extrem in Sparta) auf den Müllhaufen geworfen wurden, weil sie den väterlichen Idealen von männlicher Stärke nicht entsprachen, ob Kinder als Sexsklaven herangezogen und gehalten oder verkauft wurden - all das war letztlich im Ermessen des Vaters.
    Von daher kam es einer kulturellen Revolution von unten gleich, wenn Christen (und Juden) eine konsequent andere Praxis dagegen gesetzt haben. Das Aussetzen von Kindern war verpönt, Waise wurden in der Tradition des Alten Testamentes als besonders unter Gottes Schutz stehend aufgenommen, Kinderprostitution war wie Prostitution überhaupt nicht legitimierter Bestandteil der Alltagskultur sondern geächtet, Abtreibung galt als mit dem Glauben nicht vereinbar. Behinderte Kinder wurden als Kinder Gottes gesehen und angenommen.
    Wir haben keine Statistiken, ob all das gelebt wurde. Wir können aber in der Kulturgeschichte nachverfolgen, wie Juden und Christen seit den Anfängen durch ihre Praxis Standards gesetzt haben, die erklären, warum es gerade im jüdisch-christlich Kulturkreis zu der Proklamation von Kinder- und Menschenrechten kam, wie sie uns heute selbstverständlich sind.

3. Glaubenswege

  • Noch einmal: Das war und ist kein linearer Prozess: Alles würde immer besser. Wie es im Leben des Einzelnen Rückschritte und Rückschläge gibt, so auch in den Kulturen. So gab es auch lang nach dem Eindringen des Christentums in die fränkisch-germanische Kultur wieder Beispiele vom Rückfall in die Verachtung behinderter Kinder; besonders drastisch findet man das z.B. in Bemerkungen in Luthers Tischgesprächen. Aber wo Neuaufbruch möglich war, da geschah das aus der geglaubten und gelebten Kraft des Evangeliums.
  • Die Grundlagen finden sich alle im Glauben und in der Rechtstradition Israels. Aber es war letztlich das Verhalten Jesu, das nachweislich Christen motiviert hat, das in die eigene Praxis umzusetzen. Die Hinwendung Jesu zu den Schwachen und besonders den Kindern, wird von den Evangelien überliefert und hat Maßstäbe gesetzt. Der Satz Jesu "Lasst die Kinder zu mir kommen", hat eine Kulturrevolution ausgelöst. Vor allem aber war es immer wieder das Wort von der Gotteskindschaft, das das Verhältnis von Christen zu Kindern geprägt hat. Wo jeder Getaufte selbst ein Kind ist, ja nur wenn sie "werden wie die Kinder" das Reich Gottes finden können, da werden Kinder mit anderen, respektierenden Augen gesehen. Oder: Wo ein Kind durch das Wirken des Heiligen Geistes im Leib seiner Mutter heranwächst, wo das Evangelium berichtet von der Begegnung der schwangeren Maria mit der schwangeren Elisabeth und das Kind Johannes vor Freude im Leib seiner Mutter tanzt, da bekommt vom Herzen des Glaubens her die Würde auch des ungeborenen Lebens mächtige Beschützer.
  • Wir nehmen Vieles als selbstverständlich und ahnen nicht wie gefährdet es ist. Kinder haben in unserer westlichen Kultur einen festen Platz, das wird gerade dort deutlich, wo ihre Würde verletzt wird und das nicht als 'normal' gilt. Gewalt gegen Kinder gerade durch kirchliche Amtsträger und durch Väter - und die Vertuschung und Leugnung von Missbrauch - gilt zu Recht als abscheuliches Verbrechen. Aber das ist nicht für alle Zeiten selbstverständlich.
    Wo Abtreibung zum Mittel der Familienplanung wird, und wo auch nur möglicherweise behinderte Kinder schon im Mutterleib getötet werden, da ist etwas von der Kraft des Glaubens verloren gegangen.
    Vielleicht ist die gefährlichste Entwicklung die, dass heute Kinder vergöttert und verehrt werden - und gerade dadurch zu einem Zweck in der Biographieplanung und den Wohlfühlbedürfnissen von Erwachsenen werden, statt Kinder Gottes sein zu dürfen. Auch der beherrschende Blick auf das Kind als Konsument hat mit Würde des Kindes nichts zu tun.
  • Wie zu vielen früheren Zeiten auch sind wir als Christen kaum in der Position, gesellschaftliche Regeln einfach per Gesetz zu ändern. Vielleicht ist das auch gut so, denn weder sind Gesetze tragfähig, um Kultur zu verändern, noch sollten wir uns selbst als diejenigen sehen, die alles richtig machen und nur das Gute bringen. Genügend Beispiele lehren das Gegenteil. Aber nichts hindert uns, in unserer eigenen Lebenshaltung und Lebenspraxis neu anzufangen, uns dankbar als Kinder Gottes zu bekennen und von daher neu zu entdecken, welche Würde Gott einem jedem schenkt, besonders dem Kind. Amen.