Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum 2. Sonntag nach Weihnachten 2016 (Johannes)

3. Januar 2016 - Kleiner Michel (St. Ansgar), Hamburg

1. Im Anfang

  • In der Krippe verdichtet sich, was vom tiefsten Grund her die alles durchdringende Wirklichkeit ist. Hier und genau hier, in dem Augenblick in dem das Kind in diesem Futtertrog liegt, wird sichtbar, was der Grund aller Wirklichkeit ist.
  • Im ersten Buch der Bibel, zu Beginn des Buches Genesis, hieß es: Gott sprach und so ist alles geworden. Der Prolog des Johannesevangeliums lässt uns noch einmal tiefer erfahren, was der Anfang von allem ist. Gott ist nicht nur Urheber und Schöpfer, schenkend und gebend. Vielmehr ist der selbe eine Gott auch das Wort, die Weisheit, der Grund, der in allem gegenwärtig ist, empfangend und zu Eigenem berufen.
  • Dieser Anfang ist mehr als ein zeitlicher Beginn. Gott ist grundlegend mehr, als nur ein erster Beweger, der mich ins Dasein befördert, so wie man einen Ball mit einem kräftigen Tritt ins Spielfeld schießt. Vielmehr ist der vom Anfang her gegenwärtig Gott sowohl Gebender wie Empfangender, in seiner Welt gegenwärtig. In Gott ist mein Ursprung gegenwärtig. Gott ist Liebe.

2. Ein Gegenstück

  • Die Welt geprägt durch ihren Anfang und Ursprung. Das Gegenstück dazu ist die Vorstellung, man müsse alles wie eine Leiter oder wie Stufen sehen, auf denen wir immer weiter, immer höher, Raum um Raum durchschreiten und das Frühere hinter uns lassen.
  • Die Maxime lautet dann: "Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe / Bereit zum Abschied sein und Neubeginne, / Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern / In andre, neue Bindungen zu geben. / Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, / Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben." Dieses Gedicht wird so gerne zitiert, dass jedem Anfang ein Zauber inne wohne. Es klingt so verlockend, den Anfang immer dann hinter sich zu lassen, wenn er wie ein Kaugummi den Geschmack verloren hat, dankbar als geweste Erfahrung, aber auch als nichts, das mich bindet.
  • "Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne", das ist die große Selbst-Entschuldigung, um einen Menschen zu verlassen, wenn dieser für meine Selbstverwirklichung ausgedient hat. Ich selbst müsse doch nun bereit sein, mich "in andre, neue Bindungen zu geben". Ob Hermann Hesse mit solcher Selbstverwirklichungspoesie glücklich wird, weiß ich nicht. Ich weiß nur, es gibt immer die, die zurück bleiben, denen der Bund aufgekündigt wurde, die ausgedient haben und nun entsorgt werden. Die Neuzeit geht mit ganzen Epochen so um: Sie sieht alle Zeiten vor ihr als ausgedient habende Vorbereitungen ihrer selbst.

3. Sein Eigentum

  • "Im Anfang war das Wort", und dieses Wort ist Mensch geworden "und hat unter uns gewohnt" und in ihm ist der Anfang bleibend gegenwärtig. Mit der Menschwerdung hat Gott einen bleibenden Ausdruck gefunden und vollzogen, der im Anfang aller Schöpfung grundgelegt ist: Gott bindet sich an seine Schöpfung. Sie ist bleibend sein Eigentum und er gehört zu ihr.
  • Das ist Leben: Gott wird Mensch und "allen, die ihn aufnehmen, gibt er Macht, Kinder Gottes zu werden". Nicht indem wir den Anfang hinter uns lassen, sondern indem wir ihn annehmen und umarmen, wie man ein neu geborenes Kind umarmt, können wir in diesem Anfang wachsen und immer mehr der werden, der zu werden unsere Berufung ist.
  • Das ist Liebe: Aus der Kraft des Anfangs treu zu sein. Wenn Weihnachten gelungen ist, dann haben wir in diesen Tagen uns wieder in Dankbarkeit des Anfangs erinnert. Dann haben wir den Geschmack der ersten Liebe und Begeisterung wieder geschmeckt und den Geruch der Geborgenheit gespürt, die uns bleibend umgibt. Das ist etwas völlig anderes als der bloß romantische Rückblick auf bessere Zeiten und glückliche Momente; der armselige Stall von Betlehem strahlt keine glückliche, sorgenfreie Kindheit aus. Aber gerade hier, in dem Kind das sich ganz den Menschen ausliefert, liegt bleibend der wahre Anfang der Welt: der sich schenkende Gott. Woher wir das wissen? "Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht." Amen.