Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum 23. Sonntag im Lesejahr A 2008 (Matthäus)

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7. September 2008 - St. Marien, Biesenthal,

1. Einwandererfamilien

  • Einwandererfamilien stehen doppelt unter Druck. Sie müssen schauen, wie sie finanziell über die Runden kommen. Und sie müssen zwischen mitgebrachter Identität und Eingliedern in die neue Gesellschaft ihren Ort finden. Beides wird ihnen nicht leicht gemacht. Das, was diesen Menschen bleibt, ist häufig die Familie. Und die steht unter Druck. Gerade Einwanderfamilien müssen nach außen und mehr noch nach innen als "heile Familie" dastehen. Was hat man sonst noch? Polnisches Bigos, mexikanisches Chili con Carne oder Couscous mit Fisch.
  • Die Kirche ist eine Einwandererfamilie. In bestimmter Weise ist dies jüdisches Erbe. Die "Kinder Israels" haben sich als Volk und Familie zugleich verstanden, einander Schwestern, Brüder und Kinder des Stammvaters. Sie kamen aus Ägypten und mussten erst heimisch werden im gelobten Land. Sie waren Einwanderer. Aber gleichzeitig wurden und waren sie doch ein Volk unter sich (das seinerseits Einwanderer kannte).
  • Die Kirche war nach Ostern bald unter viele Völker verstreut. Die Christen verstanden sich als das neue Volk Gottes. Sie waren einander Schwester, Bruder und Mutter (nach Mk 10,30 ohne Väter!). In einer genealogischen Metapher haben sie Gott ihren gemeinsamen Vater genannt; in einem politischen Bild ist ihnen Jesus Christus der königgesalbte Herr. Eine Familie sind sie, aber zerstreut unter die vielen Völker. Sie leben - das heutige Evangelium hat diese Situation im Blick - in kleinen Gemeinden verstreut. Einwandererfamilien sind die Menschen, die den Glauben angenommen haben, Fremdlinge durch den neuen Glauben, auch wenn sie in der selben Stadt wohnen wie früher. Dieser Erfahrung der ersten Kirche sind viele Christen heute wohl näher als zu den Zeiten, wo man sich als "christliche Nation" verstand und (fast) nur unter Christen wohnte. Deswegen kann unsere spezifische Versuchung sein, uns wie eine typische Einwandererfamilie zu verhalten - und nicht wie das Evangelium es nahe legt.

2. "Wenn dein Bruder sündigt...."

  • Als Kirche sind oder fühlen wir uns unter Druck. Nach innen wie nach außen steht die Erwartung einer heilen Familie. Die Woche über ist jeder mit seinen Geschäften zugange. Wenn wir am Sonntagstisch versammelt sind, dann muss heile Familie sein. Schön, wenn sie es ist. Aber selbst, wenn sie es nicht ist, wenn der Vater nicht mit am Tisch sitzt, wenn die heile Welt nicht stimmt, wenn manche nur mitgekommen sind, um andere nicht zu enttäuschen und um den Schein zu wahren, wenn wir doch nur deswegen hier sind, weil wir eine heile Familie suchen und uns danach sehnen und sie brauchen, wenn wir von außen immer beäugt und bewertet werden und die Umwelt zwischen hohen Erwartungen und sofortiger Bereitschaft zu beißendem Spott schwankt - wenn all dies.... - und die Familie dennoch nicht so heil ist, wie wir das wollen, dann haben wir ein Problem.
  • "Wenn dein Bruder sündigt....", so fängt das heutige Evangelium an. In der Rede Jesu an die Jünger ist im Matthäusevangelium zusammengefasst, was nach der Lehre Jesu unterscheidend ist für das Zusammenleben in der "Familie" seiner Schwestern und Brüder, der Kirche. Da gibt es eben auch den Fall, dass ein Christ sündigt. Es interessiert in diesem Stück des Evangeliums aber nicht, was für eine Sünde das ist. Im Blick ist hier nicht der Sünder, sondern ich, der ich damit konfrontiert bin, dass einer gesündigt hat.
  • Im Zentrum steht also nicht die moralische Frage, was Sünde ist. Hier geht es darum, wie ich als Christ damit umgehe, wenn einer sündigt. Dabei ist gar nicht problematisiert, woher ich das so sicher weiß und ob das nicht alles viel komplizierter ist. Jesus spielt einfach mal durch, was ich als Christ und in einer Gemeinde tun soll. Ich soll den anderen nicht gleich bloßstellen und nicht mobben. Ziel ist es, ihn zu gewinnen für die gemeinsame Gemeinschaft mit Gott. Denn das ist doch Christ sein: gemeinsam in Gemeinschaft mit Gott. Der Bruder, der durch seine Sünde da rausgefallen ist, soll wieder gewonnen werden. Nicht um meinetwillen, nicht um des lieben Frieden willens, nicht um der heilen Familie willen, sondern im liebenden Blick auf ihn. Nicht zufällig steht das Gleichnis vom verlorenen Schaf unmittelbar vor diesem Abschnitt.

3. "...wie ein Zöllner und Heide"

  • Was macht so eine Einwandererfamilie nicht alles um des lieben Friedens willen! Der den Ruf der Familie beschädigt hat, wird zur Vernunft gebracht; die Familie darf keinen Schaden nehmen. Was sollen wir als Christen machen: Dem Verlorenen nachgehen, um ihn zurück zu gewinnen. Die andere Lösung aber ist die Ausgrenzung. Und hier fordert Jesus auf den ersten Blick die Gemeinde auf das zu tun, was so manche Familie macht: ausgrenzen. Wer weder in Gegenwart von zwei oder drei Zeugen einsichtig ist noch vor dem Familienrat, der gehört nicht mehr dazu. Nur, Jesus spielt auf etwas ganz anderes an. Ja, wenn einer wirklich gesündigt hat und starrköpfig ist, dann soll er für mich sein "wie ein Heide oder ein Zöllner". Heiden und Zöllner sind die Ausgegrenzten zur Zeit Jesu. Gerade deswegen aber sind sie für Jesus die ersten Adressaten seiner Botschaft. Jesus selbst hält Mahl mit den Zöllnern und Sündern.
  • Das macht der Hinweis im Evangelium deutlich. Euch ist der Heilige Geist anvertraut. "Alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein." Damit Verweist Jesus auf unsere Verantwortung. Gott bindet sich in seinem Bund an das Handeln von uns Menschen in den Sakramenten und in der Praxis der Kirche. Deswegen dürfen wir den "Bruder der gesündigt hat" nicht verloren geben, sondern sollen immer wieder neu ansetzen. Ja, die Sünde soll Sünde genannt werden. Die liebe heile Familie kehrt die Fehltritte der Brüder gerne unter den Tisch. Das sollen wir als Christen nicht. Aber uns darf es dabei nie um das "heile Image" der Kirche gehen (Soweit nach 2.000 Jahren da noch was zu retten ist). Mit Jesus soll es uns um jeden Einzelnen gehen, ob Schwester, ob Bruder, ob Heide oder Zöllner.
  • Denn, damit schließt das Evangelium, nur in Gemeinschaft finden wir Einklang mit dem Himmel. Es mögen nur zwei sein, vielleicht sind es drei, vielleicht sind es viele in der Gemeinde. Wenn diese gemeinsam sich an den himmlischen Vater wenden, dann ist Christus unter ihnen. In der Menschwerdung hat Gott Himmel und Erde verbunden. Hier wird uns gezeigt, wie Erde und Himmel in dieser Verbundenheit leben können. Amen.