Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum 24. Juni: Geburt Johannes der Täufers 2012 (Lukas)

24. Juni 2012 - Kleiner Michel (St. Ansgar), Hamburg

1. Entscheidungen

  • Es gibt eine grundlegende Entscheidung, die immer die Eltern für ihr Kind treffen. Daneben sind fast alle anderen Entscheidungen zweitrangig. Dabei spreche ich nicht von der Taufe des Kindes, denn hier ist der lebendige Glaube der Eltern mit im Spiel, und der ist mindestens so sehr Geschenk wie Entscheidung. Am meisten mögen am Schluss unbewusste Entscheidungen und Gewohnheiten der Eltern das Leben des Kinder prägen. Aber eines haben die Eltern entschieden, was in den meisten Fällen das Kind ein Leben lang begleitet (oder verfolgt), das ist der Vorname.
  • Der Namenswahl ist nicht wirklich auszuweichen. Daher weiß ich nicht, ob es mehr Lust oder Freude ist, sich für den Vornamen des Kindes entscheiden zu müssen. Denn es geht ja nicht darum, was der Mutter oder dem Vater jetzt gerade eben so gefällt oder als lustiger Gedanke durch den Kopf geht. Ein Menschenkind wird damit leben müssen.
  • Für Eltern könnte es manches Mal etwas Erschreckendes haben, dass ihre Entscheidungen und Nicht-Entscheidungen, was sie tun und wie sie es tun, nicht einfach vorbei gehen, sondern Auswirkungen haben werden im Leben ihres Kindes. Das bedeutet Verantwortung, und ich habe größten Respekt davor. Ich hoffe aber auch, dass gerade angesichts der völligen Unabsehbarkeit der Folgen - wer weiß schon, was kommen wird? - die Zuversicht überwiegt: Dass da ein Gott ist, der ergänzt, was fehlt, der heilt, was verwundet ist, der die Kinder begleiten wird, was auch kommen mag.

2. Namensbedeutung

  • Das Lukasevangelium macht aus der Namensgebung Johannes des Täufers ein Ereignis. Der Vater war mit temporärer Taubstummheit geschlagen, daher war es an der Mutter zu sagen: "Er soll Johannes heißen". Und da die Verwandtschaft gegenüber dieser offenbar ungewöhnlichen Namenswahl doch lieber den Vater fragen will, ist das Erstaunen groß, dass auch dieser, als man ihm ein Täfelchen reicht, schreibt: "Sein Name ist Johannes". Der Name Johannes aber bedeutet im Hebräischen: Gott ist gnädig.
  • Mit diesem Namen wird das Kind leben müssen. "Das Kind wuchs heran, und sein Geist wurde stark", heißt es. Keiner weiß, wie oft sich dieses Kind gefragt hat, was das für ihn bedeutet, dass seine Eltern ihm den Namen "Gott ist gnädig" gegeben haben. Fakt ist, dass Johannes ganz in der Tradition der großen Propheten des Alten Testamentes zum Umkehrprediger wurde, der wortgewaltig das kommende Gericht Gottes angekündigt hat. Man hört höchst ungnädigen Zorn aus den Worten, die Lukas von ihm überliefert: "Ihr Schlangenbrut, wer hat euch denn gelehrt, dass ihr dem kommenden Zorn entrinnen könnt?" (Lk 3,7).
  • Hat Johannes sich damit gegen seinen eigenen Namen entschieden, der doch heißt "Gott ist gnädig"? Ich denke nein. Im Gegenteil: Der Name Johannes enthüllt, was das Motiv hinter der Zornespredigt ist. Wenn Johannes gegen Missstände und Korruption seiner Zeit predigt, dann gerade nicht, um zu vernichten, sondern um zur Umkehr aufzurufen. Er spendet eine "Taufe zur Vergebung der Sünden", damit die Reichen, die Zöllner und die Soldaten befreit werden aus dem Teufelskreis des Unrechts. Der Name des Täufers, "Gott ist gnädig", enthüllt den Sinn seiner zornigen Predigt. Und seine zornige Predigt ist für Johannes inhaltlich bestimmt durch seinen Namen: Gott ist gnädig.

3. Ausbuchstabieren

  • Die Namensgebung hat den Täufer also keineswegs festgelegt. Es war an ihm selbst, sich in Gebet und Nachdenken darüber klar zu werden, was sein Name für ihn bedeutet. Aus ihm ist kein "Schilfrohr, das im Wind schwankt" (Lk 7,24) geworden, der scheinbar gnädig alles mit Verschweigen bedeckt, was Unrecht zu seiner Zeit ist. Gegenüber einem direkten sanften Beiklang des Gnädig-Sein hat er sich frei gemacht, aber zugleich seinen Namen auf andere, tiefere, wahrhaftigere Weise verwirklicht.
  • Jeder von uns kann aufzählen, was uns 'in die Wiege gelegt' wurde. Über manches dürfen wir froh sein; manches ist uns Last. Manche haben gar an schweren Hypotheken zu leiden, die ihnen ihre Herkunft oder Umgebung aufgegeben hat. Aber das muss nicht bedeuten, dass wir daran gefesselt sind. Vielleicht ist gerade die Auseinandersetzung mit dem größten Unrecht, das mir angetan wurde, der Weg, meine wirkliche Berufung zu finden. Dies gilt aber auch für alles, was uns auferlegt und vorgegeben ist.
  • Wir feiern heute die Geburt des Kindes Johannes. Es ist die Perspektive vom Anfang eines Lebens. Wir aber stehen mitten in unserem je eigenen Leben. Wir alle stehen letztlich mit leeren Händen vor Gott, dessen Name und Wege uns fremd scheinen. Diese Fremdheit fordert uns heraus: Im Nachdenken und im Gebet zu rufen, zu fragen, zu bitten: Was unser Name sei, der uns auferlegt wurde. Wie sich all das, was uns mitgegeben wurde ausbuchstabieren mag, wenn ich es angehe, mit Gottes Hilfe und im Vertrauen, dass Gott gnädig ist, das liegt auch an mir selbst. Amen.