Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt 4. Adventssonntag Lesejahr B 2023 (Lukas)

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24. Dezember 2023 - St. Peter, Sinzig

1. Rosenkranzmeditation

  • "Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit Dir". Das wichtigste Meditationsgebet im Westteil der katholischen Kirche beginnt mit den Worten des Engels aus dem Lukasevangelium.
  • Immer und immer wieder wiederholt das Rosenkranzgebet diese Worte, bis die Worte ganz hinter dem Verschwinden, was sie bezeichnen: Dass Gott, der Herr Adonai, gegenwärtig erfahren wird. Das Rosenkranzgebet ist wie viele Formen der Meditation ein Weg, das Herz unterhalb aller Worte (oder über alle Worte hinaus) für Gott zu öffnen.
  • Das typisch Christliche an dem Gebet ist, dass wir in der Meditation nicht allein vor der Leere stehen. Die Meditation führt hin zu Christus. In ihm hat Gott sich auf Erden inmitten seines Volkes bezeugt. Christus ist das Angesicht Gottes für uns, wenn wir beten. Das Besondere an dem Rosenkranzgebet der westlichen Kirche ist zudem, dass es auch in Gemeinschaft gesprochen werden kann. Wir stützen einander im Gebet. Nicht zufällig ist daher die Anrede an Maria. Sie ist die Frau, durch die Gott Mensch wurde. Sie begleitet daher unser Gebet.

2. Gott mit uns

  • עִמָּנוּ אֵל – Die Worte, mit denen der Engel Maria begrüßt, sind uns sogar auf Hebräisch vertraut. Sie sind zum Namen geworden: "Immanuel", zu deutsch: "Gott mit uns!"

Dieser Name ist in der Bibel gar nicht so häufig genannt. Aus den Adventsliedern ist er uns dennoch geläufig. Dahinter steht die Grunderfahrung des Volkes Israels und der Bibel: Auf diesen uns so wirren Pfaden des Lebens ist Gott, Gott der da ist, JHWH, der Herr.

  • Im Rosenkranz meditieren wir den Gruß: "Der Herr ist mit dir!". Ihr Ziel hat diese Meditation, dass das Herz den Gruß aufnimmt und so, wie eine Gitarren-Saite bei einem bestimmten Ton zu schwingen anfängt, das Her gestimmt ist, um Gottes Gegenwart zu spüren. In den schönen Momenten, die dankbar stimmen. In den schweren Momenten, in denen wir seine Kraft spüren. Ja, sogar in der Verzweiflung und im Tod, denn der Rosenkrank meditiert auch das schmerzhafte Kreuz.
  • Für Maria ist es dieser Augenblick, in dem der Engel mit einem ganz alltäglichen Gruß bei ihr eintritt. „χαίρετε“ ist ein alltäglicher Gruß, wie das "Moin" im Norddeutschen, das "Servus" im Süden. So begrüßt der Engel Maria. Sie hört und spürt: Gott ist mit ihr. Und sie versucht zu verstehen, wozu Gott sie berufen hat.

3. Zusage und Segenswunsch

  • Das "Immanuel" – "Gott mit euch!" ist nicht nur der Gruß des Engels an Maria, sondern steht am Anfang unseres Gottesdienstes. Das fällt vielleicht nicht gleich auf, denn bei der Übersetzung in viele moderne Sprachen braucht es ein Verb, das eingefügt wird. "Der Herr mit dir!" übersetzt unsere Bibel im Lukasevangelium mit "Der Herr ist mit Dir!", in der Messe hingegen steht ein Wunsch: "Der Herr sei mit euch!". In der lateinischen Messe heißt es dort "Dominus vobiscum" – "Der Herr mit Euch!".
  • Der Unterschied ist nicht groß. Beides meint dasselbe. Wenn der Gruß in den Briefen des Heiligen Paulus am Ende steht, dann ist es sicher ein Segenswunsch: Ich wünsche Euch alles Gute! Der Herr sei mit Euch (Röm 15,33, 2Thess 3,16, vgl. Phil 4,15. Meist verwendet Paulus in seinem Schlussgruß die Wendung "die Gnade Gottes mit euch", was die Zuwendung Gottes betont).
    Was Schöneres können wir einander wünschen, als dass es keinen Augenblick gibt, in dem wir nicht spüren: Gott ist mit uns.
  • Doch nicht nur bei Maria ist ausdrücklich mehr gemeint: Gott ist mit dir. Gott hat dich auserwählt und berufen. Gott will durch dich, Maria, zu den Menschen kommen.
    Das "Dominus vobiscum" der Messe meint, wo es am Anfang steht, eben dies auch für einen jeden von uns. Uns wird gesagt, dass Gott bei uns ist, dass Gott uns berufen hat. Gott möchte durch dich in die Welt kommen. Der Gott des Erbarmens ist mit dir, jeden Tag.