Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum 5. Fastensonntag Lesejahr B 2024 (Hebräerbrief)

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17. März 2024 - St. Sebastianus, Sinzig-Bad Bodendorf

1. Christen ohne Christus

  • Im Religionsunterricht haben wir ein Video über den Islam gesehen. Darin erklärt eine junge deutsche Muslima, dass Muslim zu sein bedeutet, Gott als den einzigen und seine Gebote als Richtschnur zu bekennen. Gott der eine und einzige, habe auch keinen Sohn, der Mensch geworden ist. Und, fährt sie fort, in diesem Sinne seien die allermeisten Christen, die sie kenne, Muslime. Für die Christen aus ihrem Bekanntenkreis sei Jesus, was er auch im Koran ist: ein großer Prophet und nichts mehr.
  • Nun, zum Bekenntnis des Muslims gehört noch der Anhang: "...und Mohammed ist sein Prophet" und die fünf Wörter haben als Fußnote im 114 Suren mit über 6.000 Versen. Da würden die christlichen Freunde dieser Frau wohl nicht mehr mitgehen. Aber ansonsten berichtet sie wahrscheinlich korrekt, dass die meisten Christen hier­zulande in Jesus eher einen Propheten sehen als die Menschwerdung des Allerhöchsten, den einziggeborenen Sohn, den wir im Credo bekennen.
  • Dennoch hat die Muslima vielleicht nicht tief genug gefragt. Vielleicht wäre sie sonst bei ihren christlichen Freunden doch auf etwas mehr gestoßen. Viele Christen haben wahrscheinlich Schwierigkeiten damit, Muslim zu sein; denn dies bedeutet – wörtlich – sich gehorsam dem Willen Gottes zu unterwerfen. Sie erbauen sich lieber an Schubert, dessen "Heilig, Heilig, Heilig" und dessen Gloria nur den "Vater der Welten" kennen, ein wohlmeinendes allerhöchstes Wesen, wie es in der Aufklärung Mode war. In diesen meistgesungenen Schubert-Liedern wurde aus dem liturgischen Text jeder Bezug auf Christus gestrichen.
  • Denn auch die Aufklärungszeit kam nicht damit zurecht, dass Gott Mensch wird. Lieber, doch, sei Gott das höchste, ferne Wesen, das Gebote offenbart, als ein Gott, der mit den Menschen in den Ring geht, um sein Volk ringt, einen Bund schließt mit seinem Volk – und Mensch wird, um in seinem Blut den Neuen und Ewigen Bund zu verkünden. Oder, um es mit der heutigen Lesung kurz zu sagen: Für Aufklärer absurd, für Muslime skandalös: dass Gott selbst "durch Leiden den Gehorsam lernt".

2. Das Leiden Gottes

  • "Obwohl er der Sohn war, hat er durch das, was er gelitten hat, den Gehorsam gelernt." Wer einen Satz sucht, bei dem die meisten Christen abwinken, wird hier fündig. Und trotzdem denke ich, dass hier der Kern unseres Glaubens benannt wird und der Satz für mein tägliches Christsein relevant ist (oder "sein könnte" oder "sein sollte).
  • Das einleitende "Obwohl" macht deutlich: Keine Selbstverständlichkeit! Ist Jesus nicht, wenn er Gottes Sohn ist, ganz mit dem Willen Gottes verbunden? Wozu muss Jesus, wenn er wahrer Gott ist, noch etwas lernen – und gar Gehorsam?
  • Hier ist jedes Wort wichtig: Durch Leiden, durch "das, was er gelitten hat", lernt Gott selbst Gehorsam. Die Aus­legung sollte sehr vorsichtig sein. Mit der Forderung nach Gehorsam haben kirchliche Autoritäten oft genug Menschen erniedrigt und sich gefügig gemacht. Deswegen ist der Gehorsam, der hier genannt ist, nicht eine Forderung an andere. Vielmehr ist es zunächst nur das, was da steht: Der Weg des Sohnes. Jesus, der Christus, ist den Weg des Kreuzes gegangen.
  • An dieser Stelle steht der christliche Glauben nicht nur diametral zu allen Gottesbildern, die Gott fern sehen, ewig unnahbar oder allmächtig gebietend. Auch wenn dieser Glaube anknüpft an den Bundesgott Israels, erfüllt sich hier, was im Alten Testament nur in Andeutungen zu finden ist: Gott gibt in Christus seine Rolle als Handeln­der auf und wird ein Leidender. "Das, was er gelitten hat" ist das, was Menschen ihm auferlegt haben. Dabei hat Gott nicht nur am eigenen Leib "gelernt", was Menschen einander antun, sondern er hat auch "gelernt", dass diese Welt nicht die alles erschlagenden Gebote braucht, nicht den allmächtigen Gott, der die Übeltäter in die Grube fahren lässt, sondern einen, der sie in Liebe umarmt, selbst und gerade am Kreuz. In Christus hat Gott Gehorsam gelernt.

3. Gehorsam der Liebe

  • Hier wird nicht nur radikal verändert, was Gott bedeutet. Es wird ebenso radikal verändert, was Gehorsam be­deutet. Gott ist weder weltfern noch unberührbar. Und Gehorsam definiert sich nicht mehr aus der Autorität des Gebietenden, sondern aus dem Hören auf das, wozu wir gerufen sind. Gehorsam ist die Weise, wie in Chris­tus Gott selbst "lernt", sein Gott-Sein loszulassen, und Gott-Sein in der Liebe für andere zu verkünden.
  • In den letzten Jahren hat der Begriff der "Selbstwirksamkeit" Karriere gemacht. Es ist ganz offensichtlich so, dass es für Menschen wichtig ist, sich als wirksam zu erfahren. Die moderne Massengesellschaft untergräbt das. Was ich mache, so erfahren es viele, macht doch keinen Unterschied. Mit der Sehnsucht nach Selbstwirksamkeit machen im Internet Social Media ihre Umsätze und fangen Populisten die Anhänger.
  • Der christliche Glaube verspricht sozusagen das Paradox: Du bist wirksam, wo du von innen heraus das Streben nach Selbstwirksamkeit aufgibst. Du bist wirksam, wo du nicht wirkst, sondern gehorsam bist: Gehorsam der Liebe, die dich dahin bringt, ein Mensch für andere sein zu wollen. Das ist die innere Glaubenshaltung, die Gott vertraut, der selbst diesen Weg gegangen ist. Gehorsam ist daher christlich nicht, dass ich mich festmache in Regeln und Befehlen. Gehorsam ist vielmehr das Gehorchen im Hinhorchen auf jemand, der sich auf mich ein­lässt. Gott lädt uns ein, in den Kranken und den Einsamen, in denen am Rand und am Abgrund, in denen, über die ich mich sonst erhaben fühlen würde, Gott zu sehen. Diesem Gott soll ich gehorsam sein. Das ist wahrlich ein Glaube, der mich herausfordert.