Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum 5. Sonntag im Lesejahr A 2005 (Matthäus)

In Moonlight Mile (2002) erzählt Brad Silberling (Regisseur von "Lemony Snicket's A Series of Unfortunate Events, 2004) die Geschichte von Ben und Jojo Floss (Dustin Hofvman und Susan Sarandon) deren einzige Tochter kurz vor der Hochzeit tragisch ums Leben kam. Der Bräutigam (Jake Gyllenhaal) ist schon im Haus und erfüllt willig die Rolle des Lückenbüßers, indem er sich in all die Träume seiner "Schwiereltern" fügt - obwohl das ganze Szenario auf einer Lüge aufbaut. Ein ebenso tiefsinniger wie humorvoll erzählter Film.

1. Licht der Welt sein

  • Es gibt eine praktische Sache zum Vokabeln lernen: Kleine Haftnotizen mit Wörtern, die man auf die entsprechenden Gegenstände klebt. Dort sieht man sie im Alltag und lernt so ungezwungen Vokabeln: "la tavola" klebt auf dem Tisch, "la sedia" auf dem Stuhl, "la scarpa" auf einem Schuh. Die Methode hat aber Grenzen. Wohin soll man das Schildchen "la verità - Wahrheit" hängen, wohin "la speranza - Hoffnung" und wohin "il cielo - Himmel"? Für das letzte zumindest böte sich die Möglichkeit es dorthin zu kleben, wohin wir die Augen heben müssen.
  • Bevor Jesus inhaltlich mit der Bergpredigt beginnt, beruft er die Jünger. Seine Gemeinde beruft er, Licht zu sein für die Welt und Salz zu sein dieser Erde. Die Menschen - alle Menschen! - sollen die Jünger sehen und verstehen, was Licht bedeutet und was dem Leben Geschmack und Würze gibt. Die Berufung im heutigen Evangelium ist umfassend: Die Kirche, die Jesus im Sinn hat, ist Stadt auf dem Berg, sichtbar für jedermann, einladend für alle.
  • Wir leben in einer Welt, die gezeichnet ist vom Verlust des Lebens. Die Bergpredigt in ihrer Radikalität ist nicht in eine ideale Welt gesprochen, sondern in eine Welt, die immer versucht ist, das Negative und den Tod zu verdrängen, weil sie keine Hoffnung auf die Auferstehung der Liebe hat. "Ihr seid das Licht der Welt!" Als Kirche sind wir gemeinsam dazu berufen.

2. Die Wahrheit sein

  • Wir hier sind definitiv nicht vollends die Gemeinde der Jünger, die Jesus sich vorgestellt hat. Wir treffen uns ab und an, mehr oder weniger regelmäßig am Sonntag Abend und feiern die Heilige Messe. Das ist vielfach alles, was uns verbindet. Es ist nicht wenig. Es ist jedoch vielleicht entscheidend. Nur sollten wir uns nicht einbilden, dass sich darin die Gemeinschaft erschöpft, die Jesus mit der Stadt auf dem Berg im Sinn hatte.
  • Die Bergpredigt ist praktisch. Wir können nur das Licht leuchten lassen, das wir sind. Wir hier sind eine zusammengewürfelte Gemeinde aus der Uni, den anderen Hochschulen und der Stadt. Das Licht, das wir haben, ist dieser gemeinsame Abend an dem wir das Lied des Dankes singen, Eucharistie feiern und so die Gegenwart des Herrn verkünden. Es gibt die Wahrheit der Lehre die leuchtet, das ist das Wort, das wir verkünden. Im heutigen Evangelium aber geht es um die Wahrheit des Lebens. Nicht ein Ideal vortäuschen, sondern uns mit dem, was wir sind, vor Gott stellen, ist unsere Berufung.
  • Man liebt nicht, wenn man dazu vorspielen muss, ein anderer zu sein. Darin besteht die Erlösung, dass wir als Menschen unterwegs uns einander und den Menschen zeigen können, wie wir sind. Wer eine Farce vorspielt, weil er meint, damit anderen zu helfen, hat darauf vergessen "Licht der Welt" zu sein. Manche Menschen versuchen, etwas zu spielen, was sie nicht sind, weil sie meinen, damit anderen zu helfen. Dieses Konzept scheitert früher oder später. Wir können die Probleme anderer Menschen nicht lösen. Wir können nur so, wie wir leben, anderen ein Licht der Hoffnung sein.

3. Ein Ort sein zum Leben

  • Menschen geben dem Leben Sinn und Geschmack, Menschen mit dem, wie sie zusammenleben, und dem, was sie tun. Mehr als jede Botschaft beeindruckt das gelebte Zeugnis. Deswegen ist das Evangelium ablesbar und verstehbar erst am Leben der Kirche. Wir haben die Heiligen aus zweitausend Jahren Kirchengeschichte. Sie sind uns unverzichtbare Zeugen des Glaubens. Dieser Glaube wird aber bei uns nur wirklich und gibt den anderen Menschen dieser Welt nur Hoffnung, wenn er auch in der Gegenwart der Kirche sichtbar wird - und das bedeutet im Leben von jedem einzelnen von uns, wenn wir schon als Gemeinschaft außerhalb dieser Mauern so wenig sichtbar sind.
  • Die erste Lesung aus dem Buch Jesaja im Alten Testament weiß um diese Berufung. Die Berufung gilt schon Israel. Dieses Volk hat Gott sich erwählt, sein Licht zu sein. An dieser Berufung haben wir Teil: "Wenn du der Unterdrückung bei dir ein Ende machst, auf keinen mit dem Finger zeigst und niemand verleumdest, dem Hungrigen dein Brot reichst und den Darbenden satt machst, dann geht im Dunkel dein Licht auf, und deine Finsternis wird hell wie der Mittag."
  • Für das Wörtchen "Himmel" gibt es keinen festen Platz, an den wir es ein für alle mal hängen könnten, um zu wissen, was Himmel heißt. Das Vokabelschild "il cielo" müssen wir mitnehmen und an einen Platz hängen, der mit uns geht. Manches Mal mag das Schildchen locker hängen und in Gefahr sein, herabzufallen. Dann hilft es, uns daran zu erinnern, dass Gott es ist, der uns die Berufung anvertraut hat, sein Licht unter den Menschen zu sein. "So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen." Amen.