Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum 6. Sonntag der Osterzeit Lesejahr A 2011 (alternative Lesung aus Deuteronomium)

5. Mai 2002 - Hochschulgottesdienst im Kaiserdom Frankfurt/Main

1. Christus lieben

  • Der Anspruch ist ungeheuerlich. Der Weg, die Liebe Gottes zu erfahren, ist Jesus, den Christus zu lieben. "Wer mich liebt", sagt Jesus, "den wird der Vater lieben". Die Ausschließlichkeit dieses Anspruches ist, macht man sich das einmal klar, atemberaubend.
  • Es ist wohl auch davon die Rede, die Gebote zu halten. Der Glaube hat also sehr wohl einen sittlichen Anspruch. Eingebettet, ja überlagert ist dieser sittliche Anspruch aber von der Liebe zu diesem Einen, der als Mensch gelebt und als Christus, als Messias, als Gesalbter Gottes bekannt wird.
  • Wir haben als Lesung zu dem heutigen Evangelium einen Abschnitt aus dem Buch Deuteronomium gehört. Das Buch ist voller sittlicher und religiöser Gebote. In den zehn Geboten sind sie zusammengefasst. Aber schon von den Geboten des Ersten Testamentes ist gesagt, dass ich eingeladen bin, nicht als harte Pflicht sie zu erfüllen, sondern sie zu lieben.

2. Gebote lieben

  • Ob mein Leben gelingt, entscheidet sich an dem, wen oder was ich liebe. Wer zur Liebe nicht fähig ist, der wird durch keine Anstrengung der Welt, Heil finden. Im Gegenteil, die erhabensten Ziele führen, wenn die Liebe nicht das Entscheidende ist, zum Unheil.
  • Nicht ein Katalog rechtlicher oder sittlicher Vorschriften macht Beziehung möglich, sondern die Bewegung des Herzens. Wohl braucht Beziehung Regeln. Es muss geklärt sein, wer abwäscht und wer abtrocknet. Ohne Verlässlichkeit wird die Beziehung scheitern. Aber deswegen ist es doch nicht die Abwaschregel, die die Partnerschaft trägt, sondern die Liebe.
  • Das Zerrbild des Alten Testamentes hat auch im Christentum schrecklich genug überlebt. Die Bibel wurde und wird missbraucht, Menschen mit noch mehr Vorschriften zu erschlagen. Diese traurige Tradition hat die Bibel, das Wort der Heiligen Schrift gegen sich. Dort ist nämlich gesagt, dass das Gebot nur geliebt werden kann.

3. Eros und Agape

  • Liebe aber ist ein Wort der Beziehung. Im Unterschied zum Griechischen, der Sprache, in der das Neue Testament niedergeschrieben wurde, kennen das Deutsche und das Hebräische nur ein Wort, um die Zwiegesichtigkeit der Liebe auszudrücken. Auf griechisch wird das Überwältigende der Liebe ausgedrückt durch das Wort "Eros". In unserem Sprachgebrauch ist nur noch eine schwache Erinnerung an den ursprünglichen Sinn erhalten. Der Eros ist jene Urkraft des Menschen, in der ich überwältigt werde von der Gegenwart dessen, was der Liebe wert ist. Für jeden gläubigen Israeliten ist es die Schönheit des Gesetzes, durch die er überwältigt wird. Die Gebote sind es, die überaus liebenswert sind, weil sie das Leben ermöglichen. Das zu lieben, was Zusammenleben der Menschen und Gerechtigkeit unter den Menschen ermöglicht, gehört zum Größten, dessen ein Mensch fähig ist.
  • Die zweite Bedeutung von Liebe drückt sich aus in dem griechischen Wort Agape. Wer liebt wird fähig zur Hingabe. Agape, das ist das Sich-Schenken an eine oder einen anderen, der mir so wichtig wird, wie das eigene Leben. In Jesus Christus hat Gott seine Hingabe Wirklichkeit werden lassen. Weil Gott treu ist, ist für uns Gott selbst die Basis unserer Fähigkeit zu lieben. Der Geliebte allein ist fähig zu lieben.
  • "Wenn ihr mich liebt", sagt Jesus, wächst in Euch die Gabe, aus der Liebe zu leben und die Gebote zu leben. Dazu hat er uns seinen Geist geschenkt und dazu bricht er uns das Brot. Und daher wird die Sehnsucht Gottes nach jedem Menschen, konkret und erfahrbar denen, die Jesus, den Christus lieben.