Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum 6. Sonntag im Lesejahr A 2014 (Matthäus)

1. Erwartungen erfüllen

  • Er sei nicht gekommen das Gesetz und die Propheten aufzuheben sondern zu erfüllen.
    Das Wort "erfüllen" macht mich stutzig. Was bedeutet das? Das Wort scheint doch das Bild zu verwenden, dass - wie bei einem Gefäß - etwas Vorhandenes mit etwas Anderem ausgefüllt wird. Welchen Wert und welche Bedeutung hat dann das Gefäß, bevor es mit etwas Anderem gefüllt wird - Waren entsprechend Gesetz zum Propheten inhaltslos bevor sie sich in Jesus erfüllen? Und was ist das für ein Leben das letztlich nur etwas füllt, das schon lange davor festgelegt worden war? - Ist das Leben Jesu nur 'Erfüllung' eines zuvor schon festgelegten Ablaufes?
  • Diese Fragen interessieren mich, weil sie im Spiegel der Person Jesu mich wie jeden Menschen betreffen. Oft genug bin ich Menschen, vor allem jungen Menschen, begegnet, die das Gefühl haben, in den Augen ihrer Eltern bestünde ihr einziger Lebenszweck darin, die Hoffnungen und Erwartungen der Eltern zu "erfüllen". Sie wollen ja nur das Beste für ihr Kind, das Beste ist gerade gut genug - und wehe, wenn der längst erwachsene Sohn oder die Tochter nicht erfüllt, wo hinein die Eltern so viel investiert haben.
  • Die Grundstruktur ließe sich auch außer der Familie unzählige Male aufzeigen. Wie oft wird von uns erwartet, dass wir erfüllen, was von anderen und vor uns entworfen und geplant worden ist. Wir unterliegen einem hohen Anpassungsdruck, die Erwartungen anderer oder die Vorgaben einer bestimmten Kultur und Szene zu erfüllen - um den Preis ausgeschlossen zu werden, wenn wir sie nicht erfüllen.

2. Lebendige Formung

  • Einer bestimmten Form des äußerlichen Erfüllens hat Jesus den Kampf angesagt. Er vertritt die Gegenposition zu jeder Lebensauffassung, die meint, sie könnte Gebote abhaken, wenn man sich äußerlich und mechanisch nichts habe zu Schulden kommen lassen. Damit entspricht man zwar dem Konformitätszwang, aber hat völlig verpasst, was Leben bedeuten kann. Jesus dagegen preist die Menschen selig und glücklich, die sich auf breiter Linie weigern, die herkömmlichen Erwartungen zu erfüllen."Selig seid ihr...."
  • So konnte das Missverständnis entstehen, Jesus würde "das Gesetz"ablehnen, also die Erwartungen, die an das Volk Israel im Bund mit Gott formuliert sind und die in den Zehn Geboten ihren reinsten Ausdruck gefunden haben. "Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben." Indem Jesus das Lebenszeugnis der Propheten dem Gesetz an die Seite stellt, macht er deutlich, dass jedes Gesetz, das Gesetz Gottes zumal, lebendig gelesen werden muss. Das aber ist genau das Gegenteil von "aufheben". Diejenigen heben "das Gesetz" auf, die es zum tönernen, leeren Gefäß machen. "Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen."
  • Wenn man das Bild vom zu füllenden Gefäß, das das Wort nahe legt, noch beibehalten will, dann denke ich eher an ein organisches, elastisches Gefäß, das nur lebendig und kreativ gefüllt werden kann; ein Gefäß, dass nicht eine starre Form hat, sondern dem, das in es gefüllt wird, Form zu geben vermag, indem es Lebendigkeit empfängt.

3. Gottesbeziehung leben

  • Jesus schafft nicht ab, er erfüllt auf seine ganz eigene Art. Der Kern dieser Eigenart Jesu ist seine Beziehung zu dem Gott, den er seinen Vater nennt. Jedes Mal, wenn er sagt "Ich bin gekommen...", dann spricht er davon, was sein Leben ausmacht: Diese Beziehung zu Gott, von dem her er zu den Menschen kommt. Das Erfüllen Jesu ist deswegen auch so viel kraftvoller alles jedes kleinliche Abhaken von Geboten oder jedes pubertäre Gehabe, das meint ohne jede Voraussetzung sein Leben leben zu können. Die einzige nicht kleinlich-kleinkarierte Weise mit Vorgegebenem und Geboten umzugehen ist die, die aus einer lebendigen, liebenden Beziehung zum Ursprung der ganzen Schöpfung lebt. Wir nennen das Glaube.
  • Was Jesu mit dem Schlag auf die rechte Wange macht, das macht er auch mit den Gesetzen. Er schiebt sie nicht weg, sondern verwandelt sie von innen her und bringt so den einen Sinn zur Erfüllung, der ohne diese Verwandlung unsichtbar bliebe. Indem er die andere Wange hinhält, übt er sich darin ein, die Dinge nicht auf sich und die eigene Sicherung hin zu gestalten, sondern alles in seine Gottesbeziehung mit hinein zu nehmen. Zugleich damit verwandelt er Gewalt in die Gelegenheit zur Versöhnung. Wie reagiere ich auf die Gewalt, wenn nicht meine eigene Angst mich regiert, sondern das Vertrauen, mit dem ich Gott vertrauen will?
    Und analog: Wie erfülle ich die Erwartungen, Vorgaben und Gesetze, wenn ich ihre kleinliche Oberfläche durchstoße und mich mit Gott auf die Suche nach dem Sinn mache, den all das für mein Leben haben könnte?
  • In dem Wörtchen "erfüllen" haben wir - wieder - einen Leitfaden, der uns durch die ganze Bergpredigt (Mt 5 bis 7) führen könnte und uns erfahrbar machen kann, dass Jesus in der Bergpredigt keine Liste unerfüllbarer, über das Maß gesteigerter Forderungen vorlegt, sondern Hinweise darauf, wie wir tiefer sehen und mit unserem Leben den Sinn dessen erfüllen können, der hinter allen Geboten liegt. Amen.