Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum 7. Sonntag der Osterzeit Lesejahr A 1999 (Johannes)

16. Mai 1999 - St. Barbara, Krakau

1. Schauplatz

  • Liebe Verwandte waren zu Besuch. Es war eine wirklich schöne Zeit. Entspannt, voll Freude, unterhaltsam. Es war auch der berühmte Onkel dabei. Ein charismatischer Mann, der begeistern kann und wirklich eine Vision von einer neuen Welt hat. Er ist auch ein tief religiöser Mensch, der wie kein anderer von Gott wie von einem vertrauten Freund redet, wie von seinem Vater. Aber jetzt sind die Verwandten abgereist. Wir haben sie noch an den Bahnhof begleitet und dem Zug hinterher gewunken. So schön es war, dem Onkel zuzuhören, jetzt ist er weg, und es macht sich wieder der Alltag breit. Der Besuch ist vorbei.
  • Ist das unsere Stimmung nach Himmelfahrt? Winken wir dem Herrn noch ein wenig nach, erinnern uns noch ein wenig, wie schön es war, ihm zuzuhören - aber jetzt macht sich der Alltag wieder breit?
  • Vermissen wir den Herrn? In welcher Stimmung waren die Jünger, jetzt nach dem Erlebnis, dass Jesus weg ist?

2. Welt, Herrlichkeit, Sendung.

  • Heute haben wir noch einmal ein Evangelium nach Johannes gehört. Es ist das Gebet, das Jesus betet, nachdem er zuvor lange zu den Jüngern über seinen Abschied gesprochen hat. Wir werden von Jesus ausführlich darauf vorbereitet, dass es eine Zeit gibt, zu der er nicht mehr unter uns ist. Und jetzt dürfen wir zuhören, wie Jesus selbst in dieser Situation zu Gott, seinem Vater betet.
    • Jesus weiß, dass er uns in der Welt zurücklässt. Er will uns nicht in ein Traumland entführen, das nichts mit unserem Leben zu tun hat. Genauso wenig hatte er auch selbst als Traumtänzer gelebt. Er hat ja um diese Welt nicht nur irgendwie gewusst, sondern sie auch am eigenen Leib erfahren.
    • Welt, das ist das, was wir kennen. Welt, das ist das Unvollkommene. Welt, das sind Hoffnungen, Versuche, Zweifel, Unvollkommenheiten. Welt, das ist das kleine Gelingen und häufig genug das große Scheitern. Welt, das sind die Schwachen und Kleinen, die an den Rand gedrängt werden. Welt, das ist der Ort wo wir leben - nolens, volens - der Ort den wir lieben und hassen, häufig zugleich.
    • Wie billig wäre das Evangelium, wenn Jesus nur gekommen wäre, damit wir uns hier ein wenig gemütlicher einrichten. Der gute Onkel, der so faszinierend erzählen kann und alles etwas erträglicher macht. Jesus will nicht, dass wir uns hier einrichten, sondern dass wir einen Weg gehen. Aber eben nicht allein, den Staub von unseren Füßen schüttelnd, sondern in und mit dieser Welt.
  • Wenn wir auf Jesu Namen getauft wurden, wenn wir zum Volk seiner Kirche gehören, dann haben wir auch ein Ziel, eine Verheißung und eine Hoffnung. Wenn wir dem Gebet Jesu zum Vater zuhören, dann ist diese Hoffnung dort benannt. Denn Jesus lebt ganz im Vater und er betet aus dieser Vertrautheit mit dem Vater für uns: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein. Das ist doch das Eigentliche am Leben der Kirche nach Jesu Himmelfahrt: Dass wir wissen, dass diese Welt jetzt nicht mehr ausweglos in sich bleibt, sondern dass ein Weg zu Gott offen ist.
    • Diese andere Welt, der Himmel Gottes, muss herrlich sein. Deswegen spricht Jesus im zweiten Teil des Gebetes (der heute nicht vorgelesen wurde) auch immer von der Herrlichkeit (doxa) des Vaters.
    • Diese Herrlichkeit ist uns nicht fremd. Denn die ganze Welt wurde von Gott, dem Herrlichen, erschaffen und hat die Erinnerung daran nicht ganz verloren. An vielen Ecken und Enden der Welt scheint die Herrlichkeit Gottes auf.
    • Aber die größte Herrlichkeit Gottes sehen wir ausgerechnet im Kreuz, in jenem gewalttätigen Werkzeug einer Hinrichtung, das für uns aber das überwältigende Zeichen einer Liebe ist, die nicht herrscht, sondern dient und daher bis zu den letzten Winkeln dieser Welt geht, um Gottes Herrlichkeit dort aufscheinen zu lassen.
  • Deswegen ist auch das dritte Wort im Evangelium Sendung. Auf Welt und Herrlichkeit folgt Sendung. Das ist schon der Name für die Menschwerdung Christi selbst. Gott ist nicht Mensch geworden, um hier einen netten Besuch zu machen.
    • Der Sohn ist vom Vater gesandt. Gott hat wiederum sein Wort gesandt, damit die Welt teilhat an seiner Herrlichkeit. Wir können das, jeder für sich und wir alle gemeinsam in der Kirche, für uns in Anspruch nehmen.
    • Der Herr wurde zu uns gesandt, damit wir das wunderbare Geschenk der Herrlichkeit Gottes empfangen. Wenn wir das wirklich annehmen, dann hat sich unser Leben auch schon verändert: denn dann leben auch wir nicht mehr für uns selbst, sondern als Männer und Frauen der Sendung.
    • Jeder von uns ist gesandt in die Welt - Deine Welt, Ihre Welt - um dort mit kleinen Zeichen der Liebe die Herrlichkeit Gottes aufscheinen zu lassen, damit alle Menschen Hoffnung haben.

3. Mit den Aposteln versammelt.

  • Nach der Himmelfahrt sind die Apostel nicht - so als wäre nichts geschehen - wieder in ihren Alltag zurückgekehrt. Das geht jetzt nicht mehr. Jetzt versammeln sie sich zusammen mit Maria und beten zusammen.
  • Wenn wir heute zum Sonntagsgebet zusammenkommen, dann schließen wir uns diesem Gebet der Apostel und dem Gebet Mariens an.
  • Es ist das Gebet der Kirche: Gott, unser Vater, Du willst die Welt in die Herrlichkeit zurückführen, in der du sie erschaffen hast. In Jesus Christus ist dein lebendiges Wort zu uns gekommen und deine Herrlichkeit erschienen. Erfülle Du uns jetzt mit Deinem Geist, damit wir in Gemeinschaft mit der apostolischen Kirche unsere Sendung erfüllen: in dieser Welt, aus der Christus uns vorausgegangen ist zu Dir. Amen.