Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum 7. Sonntag der Osterzeit Lesejahr A 2017 (Johannes)

28. Mai 2017 - Kleiner Michel (St. Ansgar), Hamburg

1. Freiheit sehen

  • Gott überwältigt nicht. Gott schenkt Freiheit. Wo immer Christentum zur Sekte wird, die psychisch und emotional abhängig macht, geht diese Freiheit verloren. Ich verstehe, dass sich viele eine Kirche wünschen, die mehr begeistert. Oft wird dann auf charismatische Gemeinden und Gruppen verwiesen.
  • So sehr unsere katholische Falle ist, dass Kirche zu sein trocken ist und zu formal, so sehr ist für diese Gruppen und Gemeinden das Problem, dass sie in die Abhängigkeit führen. Was zurück bleibt ist oft enttäuschte Leere. Am ehesten geht es dort gut, wo solche Gruppen sich als Teil eines größeren Ganzen verstehen. Die eigene Begeisterung ist dann ein Geschenk, durch das die Gruppe auch dem Ganzen der Kirche dient, sie vorantreibt und kräftig aufmischt, aber die Gruppe immer weiß: Wir sind nicht schon das Ganze.
  • Mir scheint, dass die Weise, wie wir den Osterfestkreis feiern, von der Karwoche über Oster und Himmelfahrt bis Pfingsten, ein Versuch ist, die Freiheit, die Gott schenkt, zu bewahren.

2. Weise Gottes

  • Es beginnt mit Jesu Auftreten. Nie sind seine Wunder spektakulär, überwältigend. Immer können Menschen skeptisch bleiben. Die Wunder Jesu sind Zeichen, die auf eine andere Wirklichkeit verweisen. Dort wo Petrus und die anderen meinen, jetzt würde Jesus sicher durchstarten, alle überzeugen und die Macht ergreifen, dort beginnt Jesus anzukündigen, was am Karfreitag geschehen wird.
  • Besonders auffällig ist, was uns über die Erfahrungen mit dem Auferstandenen berichtet wird. Die Berichte bleiben immer sehr nüchtern, geradezu formal. Es wird betont, dass es einen inneren Weg der Jünger braucht, bis sie ihn erkennen. Bei aller Osterbegeisterung, bleibt der Auferstandene einer, den man nicht festhalten kann.
  • Das Bild von der Aufnahme Jesu in den Himmel, das Grundlage unseres Festes Christi Himmelfahrt ist, drückt genau das aus: Der auferstandene Herr Jesus Christus, ist nur aus der Wirklichkeit Gottes heraus gegenwärtig: Er ist im Himmel. Deswegen können wir nicht mehr von Gott sprechen, ohne zu erkennen, dass er in Jesus sein innerstes Herz gezeigt hat. Aber auch umgekehrt ist Jesus für uns nicht mehr einfach ein Teil der Welt. Kein Punktum und Schluss, hier ist Jesus und Halleluja.
    Vielmehr ist Jesus Christus immer auch der Verborgene, von den Wolken den Blicken entzogen. In der Gestalt des Brotes gegenwärtig für die, die glaubend vertrauen, aber eben nur in der Verborgenheit dieses Zeichens. Wie populär sind doch Wunder, die angeblich alle Zweifel beseitigen, wo das Brot sich verfärbt und das Blut sich verflüssigt, die Marienfigur weint oder die Sonne stehen bleibt. Ich glaube schon, dass es auch heute echte Wunder gibt. Aber wenn es von Gott gewirkte Wunder sind, erkennt man sie immer daran, dass sie nach der Weise Gottes nicht überwältigen, sondern Zeichen sind für einen Weg, der erst zu gehen ist - in Freiheit.

3. Freiheit leben

  • Lesen Sie vor diesem Hintergrund das heutige Evangelium. Dort wo Jesus von den Jüngern fort genommen wird, dort und erst dort erweist sich die Herrlichkeit des Vaters. Diese Einheit von Jesus mit Gott, seinem Vater, wird im ganzen Evangelium erst hier ganz deutlich genannt. Nur dort, wo er seine Jünger verlässt, können sie begreifen, dass Jesus aus Gott ist: "Sie haben wirklich erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie sind zu dem Glauben gekommen, dass du mich gesandt hast." Zwei Fragen stellen sich mir.
  • Die erste lautet: Bewahren wir als Kirche diese Freiheit? Leben wir so, dass wir das ganze Evangelium verkünden und bekennen können, ohne versteckten Gruppenzwang oder offenen Druck der Institution. Beides gab und gibt es in den christlichen Kirchen. Manche in Deutschland meinen, die Lösung sei, das Glaubensbekenntnis abzuschaffen und nur noch nett zu einander zu sein. Aber Nur-nett-sein schenkt keine Freiheit, schon gar nicht die Freiheit in Gott.
    Die zweite Frage lautet: Wie lebe ich persönlich diese Freiheit? Ich kann Gott vergessen oder auf eine Sonntagsübung zurechtstutzen. Aber dann verpasse ich vielleicht die Begegnung mit Gott, die mich überhaupt erst ahnen lässt, zu welcher Größe und welcher weltumwälzender Liebe mich Gott berufen und führen will.
  • An Himmelfahrt wurde Jesus den Augen der Jünger entzogen. Sie hätten sich damals zerstreuen können, jeder seiner Wege gehen. Aber an dem Punkt hatten sie Jesus schon so weit vertraut, dass sie zusammen blieben und um den Heiligen Geist gebetet haben: Der Geist in dem Gott gegenwärtig ist, typisch Gott: nicht überwältigend, aber begeisternd. Amen.