Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zu Mariä Empfängnis

Zum Thema der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria.

Die Predigt wurde gehalten im Mai 2007 in Lourdes/Südfrankreich bei einer Wallfahrt mit Kranken und Behinderten und hat das Fest der Unbefleckten Empfägnis zum Thema, da die "Schöne Dame", die das Mädchen Bernadette 1858 in einer Vision und Audition gesehen und gehört hatte, sich unter diesem Namen zu erkennen gegeben hat. Vier Jahre zuvor war das Dogma verkündet worden: "Zu Ehren der Heiligen und Ungeteilten Dreifaltigkeit, zu Schmuck und Zierde der jungfräulichen Gottesmutter, zur Erhöhung des katholischen Glaubens und zur Mehrung der christlichen Religion, in der Autorität unseres Herrn Jesus Christus, der seligen Apostel Petrus und Paulus und der Unseren erklären, verkünden und definieren Wir: Die Lehre, dass die seligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch ein einzigartiges Gnadenprivileg des allmächtigen Gottes, im Hinblick auf die Verdienste Jesu Christi, des Erretters des Menschengeschlechtes, von jedem Schaden der Erbsünde unversehrt bewahrt wurde, ist von Gott geoffenbart und darum von allen Gläubigen fest und beständig zu glauben." (Pius IX., Apostolisches Schreiben 'Ineffabilis Deus', verkündet am 8. Dezember 1854)

1. Namen

  • Namen sind informativ. Frau Bauer, Herr Fischer oder Frau Kauffmann tragen Namen, von denen man sofort versteht, was sie besagen. Heute sind es nur Namen, die helfen, jemanden anzusprechen und einer Familie zuzuordnen. Aber ursprünglich haben die Namen natürlich etwas ausgesagt über den Beruf des Namensträgers: Bauer, Fischer, Kaufmann. Ihr Name offenbart den Beruf.
  • So hat auch Gott dem Mose einen Namen geoffenbart, der mehr und anderes ist, als bloß ein Name, wie Menschen einen Namen brauchen, damit man sie anreden kann. Der Eine Gott aber wird nicht eingereiht unter andere. Sein Name offenbart, wer Gott für uns ist: der "Ich bin da". Der Name macht Gott ansprechbar; er ist aber zugleich Offenbarung und Verheißung, er offenbart die Gegenwart Gottes und verheißt seine Treue. In diesem Namen begegnet das Volk Gottes zu allen Zeiten seinem Gott.
  • "Maria" hingegen ist ein Eigenname, wie jeder von uns einen hat. Als das Mädchen Bernadette die "Schöne Dame" nach ihrem Namen fragt, hätte man vielleicht erwartet, dass diese sagt "Ich heiße Maria". Hat sie aber nicht. Nicht ihr Eigenname ist wichtig für die Begegnung, sondern, als wer sie sich offenbart. Sie hätte also sagen können: "Ich bin die jungfräuliche Gottesmutter". So verehrt sie die Christenheit zu allen Zeiten. Aber auch das hat sie nicht gesagt. Denn zu dieser Zeit an diesem Ort, im Pyrenäenstädtchen Lourdes im Jahr 1858, ist es ein anderer Name, den Maria im aquitanischen Bauerndialekt mitteilt: "Què soy l'immaculada Councepciou" - "Ich bin die Unbefleckte Empfängnis". Dieser Name ist die eigentliche Botschaft von Lourdes, der Schlüssel zum Verständnis, warum Gott an diesem Ort zu dieser Zeit dieses Mädchen Bernadette die Schau der Schönen Dame hat machen lassen und hat ein Wasser finden lassen, das heilt und Menschen aus vielen Ländern hierher führt.

2. Ursprungssünde

  • Warum dieser Name? Warum gerade damals, in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts? Die kleine Bernadette hatte genug Mühe, sich den Namen zu merken, den ihr die Dame genannt hat. Niemand wird sagen, dass es uns viel anders gehe. Mir scheint, verstehen können wir den Namen nur, wenn wir verstehen, was er uns - und den Menschen vor 150 Jahren - zu sagen hat. Denn erst damals hat die Kirche die alte Überlieferung von der Unbefleckten Empfängnis als Lehre der Kirche formuliert: Dass Gott die Frau, durch die Gott Mensch werden wollte, vom Anfang ihres Lebens an bewahrt hat vor dem Makel der Erbsünde. Auf dass Gott Mensch würde, war Maria unbefleckt von der Erbsünde. Alles klar?
  • Versuchen wir es mal so: In alter Zeit waren zwei Gruppen Malteser-Pilgerzüge. Um ihre Kranken vor dem Regen zu schützen, hatten sie rote Plastikschutzmäntel gekauft. Das macht man so: Wenn man es braucht, kauft man es redlich. Nun kam aber eines Tages einer aus der einen Gruppe auf die Idee: Viel praktischer, als welche mühsam zu kaufen, sei es, diese einfach bei einer anderen Gruppe einzusammeln. Niemand davor wäre auf die Idee gekommen. Jetzt war die Idee geboren. Die Sünde war in der Welt. Und jeder Nachgeborene war in der Versuchung, diesen Weg zu gehen. Das ist die Erbsünde. Sie wird nicht irgendwie biologisch vererbt, sondern, einmal in der Welt, belastet sie die Späteren, bringt sie auf dumme Gedanken und jeder muss sich entscheiden, ob er der Versuchung nachgibt. Im Lateinischen heißt diese Sünde daher Ursprungs-Sünde (peccatum originalis), denn die eine Sünde ist Ursprung der Nachahmung.
  • Die biblische Lehre von der Ursprungs-Sünde weiß, dass es Kraft braucht, sich nicht verführen zu lassen von dem scheinbar leichteren Weg der Sünde. Auf Kosten der Liebe wird der leichtere Weg gewählt - obwohl wir eigentlich wissen, wie viel Schaden dadurch angerichtet wird. Dennoch schaffen wir es vielfach nicht, die Liebe und Rücksichtnahme zu leben, die wir eigentlich wollen und uns wünschen. Wir schaffen es nicht - außer wenn wir uns selbst beschenken lassen von der Liebe. Nur wenn wir erfahren, dass wir selbst geliebt und angenommen sind, nur wenn uns offenbar wird, dass Gottes Liebe uns immer tragen wird, beginnen wir frei zu sein von der Versuchung, uns Ansehen und Vorteil zu verschaffen auf Kosten der anderen, wie es uns allgegenwärtig die Ursprungs-Sünde vorlebt.

3. Unbefleckt

  • Zurück in das Jahr 1858. Das Zeitalter war noch jung, in der die Menschen dachten, alles sei machbar. Die Revolution hatte die Vernunft von der Magd des Menschen zu ihrer Göttin gemacht. Man hatte Eisenbahnen gebaut, die dampfend vom Fortschritt künden. Die Medizin schickte sich an, den Menschen restlos zu erklären. In dieser Zeit lebte Bernadette: Unbefleckt von den großen Segnungen der Vernunft, wie sie in den Pariser Salons gepflegt wurde. Abgeschnitten von dem Fortschrittsnetz der Eisenbahn in einem unbedeutendem Pyrenäennest. Und von der Medizin, der damals schon alles machbar erschien, hatte die kränkelnde Bernadette in der Wohnhöhle der Soubirous nichts mitbekommen. Hier und diesem Mädchen offenbarte sich die Schöne Dame als die "Unbefleckte Empfängnis".
  • Das neue Zeitalter verkündete, alles machen zu können, alles heilen zu können. Noch wusste man nicht, dass man auch zur Massenvernichtung der Weltkriege fähig geworden war. In dieser Zeit des fortschrittsgläubigen Machbarkeitswahns wird die alte Lehre der Bibel aktuell: Das letztlich Entscheidende kann der Mensch nicht machen. Die Menschheit ist zu sehr gefangen in ihren Mechanismen von Macht, Habgier und Gewalt, als dass sie fähig wäre, die Botschaft der Liebe zu empfangen - Gott zu empfangen. Aus eigener Kraft können wir dies nicht.
  • Die Unbefleckte Empfängnis offenbart uns einen Namen Gottes: Gott, der "Ich-bin-da" wird nicht nur Mensch, gegenwärtig unter uns. Im Bild gesprochen: Er landet nicht nur auf Erden, er selbst baut auch die Landebahn. Es ist Gottes Gnade, die wirksam wird in seinem Volk Israel, damit es fähig wird, die Menschwerdung zu begreifen. Es ist Gottes Gnade, die das Mädchen aus Israel, Maria, davor bewahrt, im Kreislauf aus Sünde und Nachahmung verfangen zu sein. Maria wird von Gottes Liebe durchtränkt, um das eine entscheidende "Ja" sagen zu können, durch das Gott angenommen wird von seiner Schöpfung. Dieses "Ja" können wir Menschen durch noch so viel Wissenschaft und Technik und Fortschritt nicht schaffen. Wir können es nur empfangen. Jeden von uns hat Gott hineingetauft in seine Gnade, damit wir "Ja" sagen können zu seiner Liebe. Darauf verweist das Wasser, das aus dem Schlamm der Grotte hervorsprudelt: das Wasser, das heilt von dem Wahn alles selbst machen zu können und zu müssen. Das Wasser, das öffnet für Gottes Liebe. Das Wasser der Taufe. Die Unbefleckte Empfängnis ist das Vorbild dieser Taufe, denn in ihr werden wir neu geboren. Gottes Landebahn ist gebaut. Es spricht alles dafür, seiner Liebe grünes Licht zu geben. Amen.