Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum Hochfest Allerseelen 2003 (Kolosser)

2. November 2003 - Hochschulgottesdienst Kaiserdom Frankfurt

Darkness (Spanien, 2002) von Jaume Balagueró baut auf die Dunkelheit des Kinosaals. Mehr als die manches Mal schwächelnde Geschichte können die Bilder von Kameramann Xavi Giménez den Schrecken des Dunkels vermitteln. Eine Familie, die in ein altes Haus zieht, fällt auseinander, weil die Eltern die Dunkelheit nicht wahrhaben wollen, die die beiden Kinder mehr und mehr als Bedrohung erfahren. Das Dunkel selbst ist hier Akteur. Und es will dazu verleiten und verlocken, auch noch das letzte Licht auszulöschen.  

1. Dunkelheit

  • Die Umstellung weg von der Sommerzeit macht die Abende dunkler. Die dunkle Jahreszeit kommt. So ist es nicht verwunderlich, dass vor allem in nordeuropäischen Märchen Dunkelheit eine große Rolle spielt. Das Bild von den zwei Kindern, die verstoßen wurden und allein durch den immer dunkler werdenden Wald laufen, ist ein Urschrecken.
  • Die Erfindung der Elektrizität hat den Schrecken des Dunkeln nicht vermindert, im Gegenteil. Gerade wenn eigentlich überall das Licht der Wissenschaft leuchtet, greift die Angst vor der Dunkelheit immer tiefer. Dies zumal, wenn die Sorge besteht, dass da niemand ist, an dessen Hand ich durch den düstren Wald laufen kann. Statt dessen laufen wir einen langen Tunnel entlang, dessen elektrisches Licht bedrohlich flackert, bis langsam hinter uns die Lampen verlöschen, die Dunkelheit näher kommt, wie wir auch laufen und humpeln.
  • In seinem Unterbewusstsein weiß jeder, dass die Dunkelheit hinter uns her ist. Wir hoffen und vertrauen darauf, dass irgendwann das Licht im Saal wieder angeht und wir erleichtert feststellen, dass es nur ein Film war. Aber ein Dunkel wartet auf jeden von uns, wie sehr wir auch laufen, wie sehr wir auch Lichter anzünden. Es ist das Dunkel, in das jeder geht und in dem jeder von uns allein zu sein droht. Früher oder später ist jeder Tunnel zu Ende.

2. Botschaft und Erfahrung

  • Es gibt eine Antwort des Glaubens auf die Dunkelheit. Der Brief an die junge Kirche in der Stadt Kolossä, aus dem wir als Lesung gehört haben, formuliert diese Antwort in der besten aller möglichen Weisen: als Dank.
    Der Brief beginnt mit der Einladung zum Dank: Dankt dem Vater mit Freude! Er hat euch fähig gemacht, Anteil zu haben am Los der Heiligen, die im Licht sind. Er hat uns der Macht der Finsternis entrissen und aufgenommen in das Reich seines geliebten Sohnes."
  • Diese Sätze haben vielleicht vertraute Formeln. Als Paulus die Gemeinde einst gegründet hatte, wird er vieles dergleichen gesagt haben. Häufig genug aber sind es nur Formeln geblieben. Jetzt trifft dieser Brief in der Gemeinde ein und erinnert. Mehr noch, der Brief trifft ein in einer Zeit der Verunsicherung und deswegen kann das Alte plötzlich neu klingen: Wenn man merkt, dass das mit der eigenen Erfahrung zu tun hat.
  • Eigene Erfahrungen von Dunkelheit haben unsicher gemacht. Auf die Älteren ist kein Verlass in dieser Frage, denn mehr noch als die Jungen verdrängen sie vielleicht gerne, da die endgültige Dunkelheit des Todes oder einfach nur der Schwäche näher rückt. Aber die Dunkelheit des Versagens - vor der nächsten Prüfung - die Dunkelheit der Einsamkeit - nach einer Trennung -, die Dunkelheit einer plötzlichen Krankheit oder das wirre Dunkel der Ideen, Ideologien, Anforderungen, das erfährt jeder.

3. Die Heiligen im Licht

  • Was also genau ist der Grund, warum die christliche Antwort auf die Dunkelheit der Dank sein soll, geradezu der Dank "mit Freude"? - Die Christen sollen Gott danken, weil er uns fähig gemacht hat an dem Lebensschicksal derer teilzuhaben, die der Kolosserbrief die "Heiligen" nennt. Und damit meint er nicht die Galerie der Heiligen, die auf Podestchen ringsum in Kirchen herumstehen. Vielmehr: Dankt voll Freude Gott, eurem Vater, denn in der Taufe hat er Euch die Möglichkeit gegeben an dem Leben all derer teilzunehmen, die von Gottes Licht erfüllt sind.
  • Und so wird auch gleich gesagt, was uns - wir alle berufen Gottes Heilige zu sein! - geschenkt und passiert ist: "Gott hat uns der Macht der Finsternis entrissen und aufgenommen in das Reich seines geliebten Sohnes." Die Finsternis hat so wenig Macht mehr über uns, wie die Schergen eines Diktators über den, der in einem anderen Land wirklich Asyl gefunden hat. In der Taufe hat uns Gott aufgenommen in den Herrschaftsbereich Christi. Die Fixierung auf all die Machtansprüche und Mächte, die da sagen: du sollst dies tun!, du musst dies kaufen!, du bist nichts wert, wenn du nicht...!, ist aufgelöst durch den einen, der dir gesagt hat: du bist auf- und angenommen in ein Reich, das nicht einmal der Tod des Grabes bedroht.
  • Dieses Christentum ist nicht schwärmerisch unrealistisch. Natürlich gibt es weiterhin Dunkelheit. Noch ist Gottes Herrschaft nicht vollendet. Aber weil der Eine mit seinem Licht ganz tief hinabgestiegen ist, bis in den letzten Tod, und daraus auferweckt wurde, darum hat für uns kein Dunkel mehr letzte Bedrohlichkeit. "Gott hat uns der Macht der Finsternis entrissen und aufgenommen in das Reich seines geliebten Sohnes." Zittert nicht vor dem Dunkel. Dankt Gott - und ihr werdet entdecken, wie ein wenig Licht bereits die Macht des Dunkels, ganz real und in dieser Weltzeit, brechen kann. Amen.