Predigt zur Beerdigung Bremen 25. November 2025
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25. November 2025 - Bremen-Oberneuland, St. Johannes
1. Kind sein – Mann werden.
- "Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind und urteilte wie ein Kind." – Kindheit gibt es auch in schweren Zeiten. N war neun Jahre alt, als Deutschland den Angriffskrieg gegen seine Nachbarn eröffnete. Der Kampf gegen den inneren Feind hatte schon viel früher begonnen. In solchen Zeiten Menschen zu haben, die uns Kind sein lassen, ist unendlich wertvoll. Ein Kind zu sein, unbeschwert plappern zu dürfen wie ein Kind, die Dinge einfach zu sehen wie ein Kind, ja auch die eigenen Bedürfnisse an erste Stelle zu setzen wie ein Kind, das auf die Sorge der Eltern vertraut.
- "Als ich ein Kind war…" – für jeden von uns ist das mit anderen Erinnerungen und Erfahrungen verbunden. Die unbeschwerte Kindheit kann kurz sein. "Als ich ein Mann wurde," schreibt Paulus, "legte ich ab, was Kind an mir war." Damit widerspricht er Jesus nicht, der uns gesagt hat, dass wir wie Kinder werden sollen, die das Vertrauen noch nicht verlernt haben. Das dürfen wir bewahren. Doch es kommt etwas hinzu.
- Paulus macht deutlich: Es kommt der Augenblick im Leben, wo wir als Erwachsene Verantwortung übernehmen müssen in dem was wir sagen und tun. In der Partnerschaft einer Ehe, für die eigenen Kinder, für ein Haus und einen Garten die Heimat bieten wollen. Das ist die Weise, in der Liebe gezeigt und gelebt wird. Aus viel "Stückwerk", wie Luther übersetzt, besteht das. Nicht jedes der Stücke wird gelungen sein. Aber auch aus den kleinen Stücken dessen, was wir für andere tun und worin wir uns bemühen – es geht auf in dem, was allem Wert gibt und was es vollendet: die Liebe (hier hätte Luther übersetzen sollen: das Stückwerk, "es geht darin auf", nicht "es vergeht").
2. Gottesdienstregel – in allem die Liebe
- Paulus schreibt sein Hohelied der Liebe als Regel für einen charismatischen Gottesdienst. Dort kommen viele zu Wort, mit Lobpreis und anderen Eingebungen des Heiligen Geistes. Die Einzelnen können ganz Verschiedenes beitragen. Die ganze Gemeinde macht die Erfahrung, dass Gott selbst durch die anderen spricht und handelt.
- Das aber erweist sich an der durchtragenden respektvollen Liebe in allem, was die Gemeindemitglieder im Gottesdienst tun und sagen:
- Jenes vom Heiligen Geist gewirkte Wort oder dieser Beitrag – so wichtig sie sind, sie haben ihre Zeit. Doch was in allem trägt, ist die Liebe.
- Manchmal kommt uns reichlich schräg vor, was einer sagt. Doch was in allem den Glauben und das Vertrauen finden kann, ist die Liebe.
- Vielleicht gibt es Situationen, in denen einem Gemeindemitglied Grenzen aufgezeigt werden müssen. Doch was in all dem Stand hält, ist die Liebe.
- Ja, selbst wenn die anderen es uns schwer machen. Was in allem hofft, ist die Liebe.
- Paulus hat aus einem konkreten Anlass geschrieben – dem charismatischen Gottesdienst mit vielen spontanen Beiträgen. Doch dieser Text im 13. Kapitel des Ersten Korintherbriefes ist einer der schönsten des Neuen Testamentes geworden, weil er für das Zusammenleben überhaupt gilt.
Am Grab eines geliebten Menschen hat das Bedeutung: Unser Leben besteht aus vielen kleinen Stücken. Sie mögen belanglos erscheinen und vorübergehen. Aber sie sind getragen und zusammengehalten durch die respektvolle Liebe, die den anderen achtet und nicht für die eigenen Zwecke instrumentalisiert. Stückwerk und doch unendlich wertvoll.
3. Glaube, Hoffnung – und Liebe
- Liebe ist, wie der vertrauende Glaube, in zwei Richtungen. Nicht zuerst wir vertrauen in Gott, Gott glaubt zuerst an uns, das Werk, das er in uns geschaffen hat. Vor der Liebe, die wir geben, ist die Liebe, die wir empfangen dürfen – wie ein Kind.
- Wenn das Kind erwachsen wird, muss es lernen, Verantwortung zu übernehmen. Dadurch fällt es uns offenbar schwerer, die Liebe zuzulassen und anzunehmen, die uns entgegengebracht wird. Es kann sogar ganz schwer werden, loszulassen und zuzulassen und zu vertrauen. Wieder anzulegen, was Kinder können, ist für manche ein schmerzhafter Weg. Die Seite in mir freizulegen, die Liebe empfängt, wo wir tun und schaffen wollen, ist den NNs nicht in die Wiege gelegt. Ein wenig müssen wir es lernen, wenn wir alt und gebrechlich sind. Liebe anzunehmen, eigene Bedürftigkeit zuzulassen, fällt nicht leicht. Daher gibt es noch das, was die Tradition das Purgatorium nennt, das Fegefeuer, in dem uns Gott im Tode zu verwandeln vermag in das Gefäß seiner Liebe.
- Mein Glaube ist das Vertrauen, dass was nur Stückwerk zu sein scheint, von Gottes Liebe zusammengehalten wird und Gott uns in allem trägt.
Meine Hoffnung ist, dass Gott ergänzt, was uns fehlt, und heilt, wo wir einander etwas schuldig geblieben sind.
In allem ist das Größte, jene Liebe, in der wir geliebt werden. Daraus rührt auch die Liebe, die uns weitergegeben wurden von dem Menschen, von dem wir und heute verabschieden. Amen.