Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum Fest Christi Himmelfahrt Lesejahr A 2017 (Apostelgeschichte)

25.Mai 2017 - Kleiner Michel (St. Ansgar), Hamburg

1. Hoffen auf eine bessere Vergangenheit

  • "Was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?", fragt der Engel die Jünger, die nach oben starren, wohin der Auferstandene "vor ihren Augen" emporgehoben wurde. Gemeinhin sagt man: Das bedeute, sie sollen nicht nach oben starren, sondern zur Erde, auf das was hier zu tun ist. Aber das steht da nicht in der Apostelgeschichte, im Neuen Testament. Vielmehr heißt es: "Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Dieser Jesus, der von euch ging und in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen."
  • Wenn Christen zum Himmel schauen, dann ist das ein Blick nach vorne, nicht nach hinten. Zumindest sollte es das sein. Faktisch bringen wir statt dessen häufig unsere Zeit damit zu, auf eine bessere Vergangenheit zu hoffen. Dabei ist kein Hoffen so vergeblich wie dieses.
  • Selten wird die Hoffnung so blumig ausgeschmückt wie beim Hoffen auf eine Vergangenheit, die anders doch viel besser gewesen wäre. Da schauen Menschen vermeintlich in den Himmel und es ist nur der Abgrund ihrer Enttäuschung und das Gefängnis des Selbstmitleides. Wenn nur dieses oder jenes anders gekommen wäre, wenn du oder ich damals anders entschieden hätte, wenn diese oder jene Chance nicht ungenutzt verstrichen wäre, wäre, hätte ....

2. Schaut zum Himmel

  • Dass Jesus in den Himmel aufgenommen wurde, ist ein Versuch darüber zu sprechen, dass diese vielbeklagte Vergangenheit nicht das Scheitern ist. Selbst die Kreuzigung des Gerechten, durch uns Menschen beendet nicht die Zukunft. Es ist vielmehr dieser Jesus, der geradezu sichtbar in die Wirklichkeit Gottes aufgenommen wird, die unsere Wirklichkeit umfasst, trägt und unendlich übersteigt.
  • Schaut zum Himmel! Von dort her werdet ihr die Rettung kommen sehen. Schaut zum Himmel und begreift, dass Gottes Gedanken unsere Gedanken so weit übersteigen, wie der Himmel über der Erde ist.
  • Vor allem definiert dieser Himmel das Verhältnis von Vergangenheit und Zukunft anders als wir es auf der Erde tun. 'Frauen sind nicht nachtragend', hat unlängst eine Frau bei uns gesagt, 'sie sind nicht nachtragend, sie archivieren'. Das wird nicht für alle Frauen stimmen, wie auch nicht alle Männer so vergesslich sind, wie ich, und deswegen besser im Vergeben wären. Für uns liefert die Vergangenheit oft genug das Material, um die Zukunft zu blockieren. Gottes Zukunft dagegen ist Heilung, Vergebung, Barmherzigkeit, neue Schöpfung.

3. Christus kommt wieder

  • Das rätselhafte Wort des Engels sagt: Ihr werdet Christus ebenso vom Himmel her wiederkommen sehen, "wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen". Für die Apostel damals bedeutet das die Gewissheit, dass Jesus nicht auf und davon ist, sondern von Gott her gegenwärtig bleibt und einst Gottes Wirklichkeit unter uns vollenden wird, in diesem Kosmos, der nach Raum und Zeit gegliedert unsere Welt ist, in der wir leben. Die Apostel sollen in Erwartung dieser Wiederkunft leben und miteinander Kirche sein.
  • Daraus nun wird der eigentümliche Spagat des Christen. Wir schauen zum Himmel, fest in Erwartung, dass von dort her und nicht von der Erde her die Zukunft kommt. Aber dort, im Himmel, in der Wirklichkeit Gottes, sehen wir Jesus Christus. Er ist der Menschensohn, Gottes Gegenwart unter uns, unsere Gegenwart in Gott. Wenn wir zu Gott schauen, dann sehen wir Gottes Hinwendung zu den Menschen. Wir sehen zum Himmel und lernen die Erde zu sehen.
  • Die Botschaft des Engels von Himmelfahrt bedeutet also: Schaut zum Himmel! Schaut täglich aus nach dem kommenden Herrn, gewiss dass er kommen wird - und ihr werdet die Erde entdecken. Wenn ihr sehen wollt, wie ihr hier auf Erden als Christen und als Gemeinschaft der Kirche leben werdet, dann geht das nur, wenn ihr Gott fest in den Blick nehmt. Schaut nicht zum Himmel, um einer Vergangenheit nachzutrauern, die es so nie gegeben hat. Schaut zum Himmel um die Erde darauf vorzubereiten, ein Reich der göttlichen Liebe und Gerechtigkeit zu sein. Denn dazu ist der Auferstandene in Gottes Himmel. Amen.