Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum Fest Christi Himmelfahrt Lesejahr B 2015

14. Mai 2015 - Kleiner Michel (St. Ansgar), Hamburg

1. Himmel

  • Der Himmel ist oben. Das weiß doch jeder. Nur ist das naturwissenschaftliche Zeitalter in geistlichen Dingen leider eher etwas schlicht. Mancher meinte die Frage, was der Himmel da oben sei und ob Gott in ihm wohne, wäre einfach mit einer Weltraumrakete nachzuprüfen. Als dann da oben kein alter Mann mit Bart zu finden war, meinten sie, Gott dadurch erledigt zu haben.
  • Menschen sind oft so. Sie vereinfachen alles so lange, bis alles einfach ist - um den Preis, dass sie alles rausstreichen, was in ein solch schlichtes Weltbild nicht passt. Auch manche Katholiken machen es sich einfach. Statt sich auf das Abenteuer des lebendigen Gottes einzulassen, flüchten sie sich lieber in Horoskope, Wunderheilungen oder mit Ewigkeitszement angerührte Strukturen (mit wenig Unterschied zwischen Vatikanischen Behörden, diözesanen Synodalstrukturen oder der unveränderlichen Ordnung der Gläser im Küchenschrank des Gemeindehauses).
  • Die Zeiten vor der Raumfahrt haben sich den Himmel tatsächlich ganz plastisch 'da oben' vorgestellt. Zugleich jedoch war ihnen immer klar, dass 'oben' und 'unten' nicht beliebige Raumkoordinaten sind. Unser Sprache ist heute noch davon geprägt: Wenn Herr Müller-Vorderelb aus dem Erdgeschoss seines Bungalows an der Elbchaussee in den 8. Stock eines Wohnhauses am Mümmelmannsberg umziehen muss, dann ist schon immer klar: Vom Erdgeschoss in den 8. Stock geht nach oben, ist aber kein Aufstieg; räumlich oben ist nicht alles. Auch der Himmel ist in anderer Weise oben, als es sich naturwissenschaftlich vermessen lässt.

2. Zur Rechten Gottes

  • Das 'oben' des Himmels, in den Jesus aufgenommen wird, um sich zur Rechten Gottes des Vaters zu setzen, ist weniger ein anderer Raum, eher schon so etwas wie eine andere Dimension. Es ist eine höhere Dimension, auch wenn das 'oben' und 'höher' nichts mit Geographie, aber viel mit einem Mehr an Liebe zu tun hat.
  • Das besondere dieser Dimension 'Himmel' ist, dass sie in unserer Dimension gegenwärtig und wirksam ist.
    Im Abschluss des Markus-Evangeliums wird die Aufnahme Jesu in den Himmel mit Bedacht nicht groß ausgemalt. Es macht vielmehr den Eindruck einer Formel, die bildlich auf den Punkt bringt, was die Ostererfahrung der Jünger Jesu war.
    Da gab es offenbar einen Unterschied zwischen einer anfangs irgendwie leiblichen Erfahrung der Gegenwart des Auferstandenen; wir kennen diese Osterberichte, durch die eine für die Jünger völlig reale und doch ganz andere Gegenwart des Auferstandenen ausgedrückt werden soll. Und später folgt die Formel, die eine bleibende Erfahrung auf den Punkt bringt: "Er wurde in den Himmel aufgenommen und setzte sich zur Rechten Gottes".
  • Der Himmel ist dabei nicht ein anderer Ort, sondern steht für die höhere Dimension. Der Himmel ist die Dimension der Wirklichkeit Gottes. Gott ist von dieser Welt ganz verschieden. Er ist der Schöpfer des Himmels und der Erden. Aber der Himmel ist die Dimension, von der aus Gott in unsere Dimension hinein wirksam ist. Vom Himmel her ist Gott gegenwärtig und wirksam.
    Wenn Jesus sich daher "zur Rechten Gottes" setzt, dann ist er nicht weg, sondern vielmehr ganz gegenwärtig für alle, die sich dem Himmel öffnen.
    Der Himmel ist - um ein anderes Bild zu nehmen, die Schaltzentrale Gottes; Himmelfahrt bedeutet dann, dass Jesus jetzt im Serverraum angekommen ist, um für uns da zu sein und uns von dort Unterstützung zu geben. - Zugegeben, das Bild hinkt mehr als mir lieb ist, vor allem weil es so technisch ist. Aber es macht deutlich, dass die Rede von der Himmelfahrt und dem Sitzen zur Rechten nicht eine platte Ortsangabe ist, sondern eine tiefere Wirklichkeit meint.

3. Sendung

  • Himmelfahrt ist Bild für Realität. Christen, die diese Realität erfahren, werden zu Recht widersprechen, wenn ich sagen würde, es sei nur ein Bild. Statt dessen sollte ich meine eigene Erfahrung im Licht des Bildes anschauen, um zu sehen, ob es mir hilft, meine Glaubenserfahrung zu deuten und darüber sprechen zu können. Dazu zwei anschließende Hinweise.
  • Erstens steht die Rede von der Himmelfahrt Jesu immer im Zusammenhang mit der Sendung der Jünger. Die Kraft des Auferstandenen erfahre ich nicht als wohlig kribbelnde Energiewellen im Liegestuhl, sondern als Kraft erst dann, wenn ich Sicherheiten zurücklasse, um mich auf den Weg Jesu senden zu lassen.
  • Zweitens wird die Kraft Jesu aus der Höhe nur jemand erfahren, der sich wie Jesus nicht zu schade ist, aus Liebe gering zu werden und den Weg der Hingabe zu den Armen zu gehen. Letztlich ist es daher die Biographie der Apostel und das Zeugnis derer, durch die mir der Glaube vermittelt wird, die die Wahrheit des Bildes von der Himmelfahrt verbürgen: Ja, hier ist wahrhaft der Menschensohn zur Rechten Gottes und gibt uns vom Himmel die Kraft, sein Werk zu leben. Amen.