Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum Fest Christi Himmelfahrt Lesejahr C 2016 (Lukas)

5. Mai 2016 - Kleiner Michel (St. Ansgar), Hamburg

1. Keine Himmelfahrt

  • Eine "Himmelfahrt Christi" hat es nie gegeben. Nie hat so etwas stattgefunden wie eine Auffahrt Jesu Christi in den Himmel. Dass die westliche Kirche - katholisch wie evangelisch - das heutige Fest so nennt, finde ich leichtfertig und nicht von der Bibel gedeckt. Zumindest scheint mir das Wort "Christi Himmelfahrt" ungenau und spirituell irreführend.
  • Ja, es gibt die Himmelfahrt des Menschen. Er besteigt Raketen und rühmt sich, das Weltall zu erobern. Dabei wird meist vergessen und verschwiegen, dass handfeste militärische Interessen auf Erden eine entscheidende Rolle spielen. Die Himmelfahrt des Menschen beginnt symbolisch schon in den großen Finanz- und Wirtschaftsmetropolen, deren Häuser in den Himmel ragen. Dort sind es nur die Größten der Großen, die in jenen Aufzug steigen dürfen, der direkt nach oben führt, in die Stockwerke, wo man sich dem Himmel ganz nahe vorkommt und auf das Gewimmel der Menschen weit unten auf Erden herabschaut. Über dieses Fußvolk sind 'die da oben' so erhaben wie auch die astronomischen Gehälter, die sie beziehen, über denen 'derer da unten' liegen.
  • All dieser Himmelfahrt des Menschen ist gemeinsam, dass da Menschen sich erheben. Sie nennen es Leistung. Aber der Himmel ist es bestenfalls auf Zeit und auch nur für sie selbst. Und oft genug noch nicht einmal dies. Gäbe es nicht die Barmherzigkeit Gottes nicht, wäre die Hölle voll von diesen Langweilern, die nichts kennen und wissen wollen als sich selbst und ihre Karriere. Kein Grund, ein Fest der Himmelfahrt zu feiern.

2. Aufnahme in den Himmel

  • Keine der biblischen Lesungen, die wir gehört haben spricht davon, dass Jesus zum Himmel aufgefahren sei, als wäre das seine Aktivität und Leistung. In der Apostelgeschichte heißt es: "Er wurde vor ihren Augen emporgehoben". Der Epheserbrief schreibt, Gott hat seine Kraft "an Christus erwiesen, den er von den Toten auferweckt und im Himmel auf den Platz zu seiner Rechten erhoben hat". Und auch das Lukasevangelium weiß: Jesus "wurde zum Himmel emporgehoben". So und nur so ist der Himmel erreichbar: indem Gott derjenige ist, der in den Himmel aufnimmt.
  • Das bedeutet nicht, dass die Aufnahme in den Himmel etwas ist, bei dem Christus rein passiv bleibt. Genauso wenig ist es rein passiv, wenn wir in unserem Leben oder in unserem Sterben teilhaben an dem, was Christus ist. Doch die "Aktivität" ist gerade nicht eine Leistung, mit der wir uns über andere erheben, sondern das Vertrauen, mit dem wir uns in Gottes Hände fallen lassen.
    Als 'Muster' dazu überliefern uns die Evangelien "alles, was Jesus getan und gelehrt hat, bis zu dem Tag, an dem er (in den Himmel) aufgenommen wurde". Es geht nicht darum, dass wir wie Jesus sein müssten. Vielmehr sollen wir im Blick auf ihn Vertrauen in Gott fassen, unser eigenes Leben auf Gott zu zu leben.
  • Das Lukasevangelium schildert all das in einer hoch symbolischen Verdichtung.
    • Es beginnt mit der Erinnerung daran, dass in den Schriften des Alten Testamentes bereits erkennbar wird, dass Gottes Gesalbter nicht als durchsetzungsstarker Machtmensch, sondern als ein Dienender kommt: "Der Messias wird leiden".
    • Zugleich aber wird an Gottes Treue erinnert, denn er wird "von den Toten auferstehen". Hingabe und Auferstehung gehören vor Gott untrennbar zusammen.
    • In diesem Namen wird der Welt ein Neuanfang ("Vergebung der Sünden") verkündet werden.
    • Aber auch für diese nun anbrechende Zeit der Kirche, in der die Jünger Zeugen Jesu sein sollen, gilt das Grundgesetz, des Empfangens. Nicht in eigener Macht, Ermächtigung und Herrlichkeit können die Christen Kirche Jesu Christi sein, sondern nur wenn die Gabe, die Jesu Vater verheißen hat, zu ihnen herabgesendet wird.
    • Die "Kraft aus der Höhe" ist Ermächtigung allein dazu, Jesus auf dem Weg des Dienens nachzufolgen. Erst dann fasst das Lukasevangelium den Abschluss des Wirkens Jesu auf Erden in das Bild der Aufnahme in den Himmel.
    • Segnend wird Jesus von seinem Vater aufgenommen. Bis in diesen letzten Augenblick lebt er aus dem Empfangen.

3. Karriere Jesu

  • Dass ich so vehement gegen den gängigen Ausdruck "Christi Himmelfahrt" polemisiere, ist natürlich übertrieben. Aber in dem Maße, in dem uns die Bedeutung dieses Tages verloren zu gehen droht, hilft vielleicht eine solche Polemik gegen die Selbstermächtigung des Menschen, der sich über die anderen erhebt und zum Himmel emporsteigt.
  • Die Alternative ist nicht die Mittelmäßigkeit. Das sollte doch deutlich sein. Das Motto 'Nur nicht auffallen!' kann sich nicht auf Jesus berufen. So sehr die Jünger mit beiden Beinen auf der Erde stehen sollen ("Was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?"), so wenig sollen sie sich unauffällig in die gängigen Trends einebnen. Im Gegenteil. Wir feiern diesen Tag Aufnahme des Herrn in die Herrlichkeit Gottes, des Vaters. Wir feiern nicht, dass er verhuscht und unauffällig sich durch das Leben gemogelt hat, um nicht aufzufallen und nicht anzuecken.
  • Und dennoch war Jesus nicht einer von denen, die ihre Stärken ausspielen und sich nach oben durchboxen. Er hatte die ungeheure Freiheit, bei diesem Spiel nicht mitzumachen. Sein Vertrauen in Gott hat ihn dazu befreit, hinabzusteigen von jeder Überheblichkeit und bei den Menschen zu sein, ihnen in Liebe zu begegnen und für diese Liebe sogar bis in den Tod zu gehen. Diesen Jesus hat Gott in den Himmel erhoben, offen vor den Augen derer, die an ihn glauben und die ihm nachfolgen im glaubenden Vertrauen auf Gott. Amen.