Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum Sonntag Christkönig im Lesejahr A 1993 (Matthäus)

1. Jesus

  • Das Evangelium hat drei Bilder für Jesus: den Menschensohn, den Hirten und den König. Alle drei sind wichtig.
    Der Menschensohn steht für die Zukunft unseres Lebens. Zunächst ist der Ausdruck für"Sohn" (huios) im Griechischen ein Ausdruck, der die ganze Fälle des menschlichen Lebens meint: Der Sohn ist der, in dem der Vater sich ausdrückt und weiterlebt. Wenn Jesus sich also nicht nur Gottes Sohn, sondern auch Menschensohn nennt, dann ist darin bereits eine nicht zu überbietende Nähe zum Menschen gesagt.
  • Jesus ist nicht wie irgendein mythischer Halbgott, sondern als Menschensohn ist der Gottessohn (und Sohn Davids). Nicht zufällig erkennen die Dämonen Jesus als erste: Wo Gottes Kraft mitten in der Welt gegenwärtig wird, da führt seine Entschiedenheit für den Menschen zur Konfrontation.
  • Dass es um das ganze unseres Lebens geht macht Jesus an einer anderen Stelle im Matthäus-Evangelium deutlich. Im 16. Kapitel, auf dem Weg nach Jerusalem, spricht Jesus davon, dass die Jünger ihr Kreuz auf sich nehmen müssen: Das heißt einstehen müssen für das, was sie glauben. Dann sagt ihnen Jesus: Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? Um welchen Preis kann ein Mensch sein Leben zurückkaufen? und fügt an: Der Menschensohn wird mit seinen Engeln in der Hoheit seines Vaters kommen und jedem Menschen vergelten, wie es seine Taten verdienen.
    Dies ist die Ankündigung dessen, wovon im heutigen Evangelium die Rede ist.

2. Richter

  • Das zweite Bild spricht von der Sorge Jesu für den Menschen. Das Bild vom Hirten klingt vielleicht zu sehr nach Unselbständigkeit und blökendem Schaf. Wenn man im Evangelium genauer hinschaut, ist es ein überaus zärtliches Bild der Vertrautheit Gottes mit den Menschen. Im heutigen Gleichnis sagt es: Vertraut darauf, dass das letzte Wort über diese Welt aus einer sorgenden Vertrautheit heraus gesprochen wird.
  • Aber: Das letzte Wort wird gesprochen. Diese Welt läuft nicht in eine Beliebigkeit hinein, aus der wir uns davonstehlen könnten. Wir glauben an das ewige Leben, die Auferstehung des Fleisches. Kein Bild war drastisch genug, um zu sagen, dass es dieses Leben, jede Stunde und jeder Schritt ist, der zählt. Keine Flucht in ein"wollen wir mal ein wenig" bis zur nächsten Reinkarnation. Dies wäre das glatte Gegenteil der christlichen Botschaft und die erschreckend vielen Christen, die sagen, sie würden an Reinkarnation glauben, machen sich etwas vor.
  • Woher nimmt sich dieser König das Recht zu richten? Wir haben - zu Recht! - heute kein Verhältnis mehr zur Monarchie (es sei denn in der netten Form der konstitutionellen Monarchie). Damit haben wir aber"Übersetzungsprobleme" mit dem König in der Heiligen Schrift wie mit dem Christkönigsfest. Denn Christus nennt sich König und nicht Bundespräsident. Wenn ich für mein Verständnis von Politik ein Bild suche, dass am ehesten an die Stelle des Königs tritt, dann sind es die Gesamtheit der Menschen in meinem Land, das Volk. Mein individuelles Handeln muss sich vor der Gemeinschaft der Menschen rechtfertigen, es ist nicht privat. In der Rolle des Königs tritt Jesus mir als sichtbaren Repräsentanten dieser Verantwortung, die ich habe, gegenüber.

3. Hirt

  • Das Bild vom König ohne das des Menschensohns und ohne das des Hirten ist nicht unvollständig, sondern falsch:
    Christus ist kein König, der mir allenthalben hineinregiert. Er ist der Menschensohn, der am Ende der Zeit diese Welt vor Gott bringt.
    Christus ist kein König, der fern ab auf einem Thron seine willkürlichen Entscheidungen fällt: Er ist mit mir vertraut, kennt mich bei meinem Namen und will mein Heil.
  • So ist das Bild vom König falsch, wenn ich nicht sehe, wie Gott mich vielfältig auf meinen Leben begleitet Er will Leben fördern, nicht vernichten, zur Umkehr rufen, nicht aburteilen.
  • Deswegen auch der Maßstab, den das Weltgericht aufrichtet: Es geht um die ganz einfachen Werke der Liebe, die ein Auge hat für die Not des Menschen gleich neben mir.