Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum Sonntag Christkönig im Lesejahr B 2006 (Johannes)

26. November 2006 - Universitätsgottesdienst St. Ignatius Frankfurt

1. Der Statthalter

  • Da wird einer dem Statthalter vorgeführt. Pilatus vertritt den Großkönig in Rom, den Kaiser. Er versucht noch, die Angelegenheit zur innerjüdischen zu erklären, weil er sich auf dieses Minenfeld nicht wagen möchte. Aber mit der Auslieferung an Pilatus wird die religiöse Sache zur politischen. Der Angeklagte Jesus tritt vor den weltlichen Richter. Der Fall wird öffentlich.
  • Der Königsstatthalter Pilatus befragt den, der ihm als ein angemaßter König vorgeführt wird. Es bleibt Pilatus nichts übrig, als seines Amtes als Richter zu walten. Denn dies ist Aufgabe eines Königs oder Kaisers - und damit auch seines Statthalters. Er befehligt nicht nur die Armee und Verwaltung. Er ist auch oberster Richter. Dieses Verfahren aber entgleitet ihm. Dieser Angeklagt stellt ihn zur Rede und stellt ihn damit in Frage. Jesus fragt nach der Legitimität des weltlichen Herrschers.
  • Im Verlauf des kurzen Verhöres beantwortet sich die Frage des Pilatus. Dieser, der da wehrlos vor ihm steht, spricht wie ein König. Sein Königreich ist nicht von dieser Welt. Es ist aber ein Königreich, das hier, vor Pilatus, präsent ist. Das Königreich des Menschensohnes fährt keine bewaffnete Armee auf, aber Jesus waltet seines Amtes als königlicher Richter. Er ist vom göttlichen Vater in die Welt gekommen, um zu richten. Er ist "dazu geboren und dazu in die Welt gekommen" dass er "für die Wahrheit Zeugnis ablege". Vor diesem Zeugnis entscheidet sich, wer "aus der Wahrheit ist" und wer seinen Anspruch nur auf Waffen und Lüge baut. Denn nur, wer "aus der Wahrheit ist" hört und versteht die Stimme des neuen Königs. Mit seiner skeptischen Frage, "Was ist Wahrheit?", richtet sich Pilatus selbst.

2. Der Richter

  • Wir müssen uns Jesus als dem königlichen Richter erst wieder nähern. Zu sehr ist dem Denken und Glauben der meisten von uns die Rede vom Gericht fremd. Zwar hören wir überall im Evangelium vom "Reich Gottes", wörtlich also von Königsherrschaft Gottes. Aber dass für die Bibel die wichtigste Aufgabe des Königs ist, Recht zu sprechen im Land, das ist uns zumeist nicht bewusst. Es sind aber zumeist diese Aspekte der Bibel, die uns Heutigen besonders abwegig erscheinen, die aber zugleich für uns auch besonders Wichtiges zur Sprache bringen.
  • Das erste ist: Gott spricht Recht dem Armen. Es fällt leicht, auf das Richteramt Gottes zu verzichten, wenn man sich selbst in die Position gebracht hat, sein Recht durchzusetzen. Über die Kosten dieser Durchsetzungskraft braucht nicht lange gesprochen zu werden. Die innere und äußere Verhärtung spüren die Betroffenen selber. Der Gott der ganzen Bibel aber spricht Recht den Armen, die die Richter auf Erden links liegen lassen. Sie können darauf vertrauen, dass sie in Gott einen haben, der sie sieht. Und sie sollten darauf hoffen können, dass nicht erst nach diesem Leben Gottes Reich erfahrbar wird, sondern Christen schon hier Gottes Perspektive einnehmen und handeln.
  • Das zweite aber ist: Es entspricht der Würde des Menschen, dass Gott unser Richter ist. Es klingt so verlockend, nie vor einem Gericht erscheinen zu müssen. Aber damit wird unser Leben unterschiedslos belanglos. Das griechische Wort für Gericht aber bedeutet wörtlich krisis - "Unterscheidung". Keiner von uns muss deswegen "die Krise bekommen", denn nur durch Unterscheidung können wir erkennen, was wertvoll ist und was nicht. Gottes Gericht bringt es an den Tag.

3. Der ewige König

  • Der Psalm 72 betet "Verleih dein Richteramt, o Gott, dem König, dem Königssohn gib dein gerechtes Walten! Er regiere dein Volk in Gerechtigkeit und deine Armen durch rechtes Urteil." Im christlichen Gebet sehen wir diese Bitte erfüllt: Der Vater hat das Gericht dem Sohn übertragen (Joh 5,22). Auch das feiern wir am Christkönigssonntag. Denn dadurch bekommt das Gericht Gottes ein neues Gesicht.
  • Denn nicht Drohbotschaft ist die Bibel, sondern Frohe Botschaft. Das Evangelium verkündet die Frohe Botschaft, dass Christus unser Richter ist. Durch die Begegnung mit ihm kommt ans Licht, wer "aus der Wahrheit ist". Diese Botschaft befreit uns davon, uns in einem Kokon von selbstgemachten Idealen einzukapseln. Vor dem menschgewordenen Gott können wir selbst Menschen sein und müssen uns nicht daran überheben, ein anderer sein zu wollen, als wir sind.
  • Vor allem aber hat Christus uns offenbart, was im Gericht zählt. In dem großen Bild von Weltgericht, das uns das Matthäusevangelium überliefert, läuft die Unterscheidung nicht zwischen denen, die fromm "Herr, Herr" rufen und denen, die scheinbar Gott fern sind, sondern zwischen denen, die Christus in den Hungernden, Einsamen und Gefangenen besuchen, und denen, die in ihrem Herzen keinen Platz für die Liebe haben. Dieser König, der im Antlitz des Menschen gegenwärtig ist, wird dann rufen: "Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist" (Mt 25,43). Amen.