Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum Dreifaltigkeits-Sonntag im Lesejahr B 2000 (Römerbrief)

18. Juni 2000 - Katholische Hochschulgemeinde Göttingen, Universitätskirche St. Nikolai

Diese Predigt ist angeregt durch den Film von Larry und Andy Wachowsky:
"The Matrix" (1999). Die Metaphern vor allem im ersten Teil greifen Bilder aus diesem Film auf.
Die Abschnitte in eckigen Klammern [ ] können überlesen werden, ohne dass der Zusammenhang verloren geht.

-------->> Info zum Film

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1. Herrschaft des Fleisches

  • "Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden. Darum tauft aus allen Völkern Menschen im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes". [Leute, die Bücher schreiben, haben das Problem, wie sie einen guten Abschluss finden, nachdem das eigentliche Buch schon fertig ist. Daher meinen viele, dieser Abschluss des Matthäusevangeliums sei auch irgendwie nachträglich drangefügt und hätte mit dem Evangelium sonst nichts zu tun. So wie sie meinen, die ganze Rede von der Dreifaltigkeit Gottes sei etwas Nachträgliches, Zusätzliches und daher eigentlich Entbehrliches. Wie falsch! In diesem Satz geht es um nicht weniger als um das ganze Neue Testament. Im Wortsinn. "Tauft aus allen Völkern Menschen im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Denn mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden".]
  • Vermutlich haben wir andere Vorstellungen darüber, wem alle Macht gegeben ist, wenn schon nicht im Himmel, so doch sicher auf Erden.
    Früher, ja früher konnte man diese Mächtigen ja recht einfach daran erkennen, dass sie offen diese Macht mit Waffen und Herrschaftszeichen in Anspruch nahmen.
    Heute vermutet man die Herren, die die wirkliche Macht ausüben, eher in grau, dezent auffällig-unauffällig wie FBI-Beamte. Und auch die Macht selbst wird heutzutage in unseren Breiten nicht mehr durch Panzer ausgeübt. Es geht dezenter. Die Macht wird ausgeübt und niemand soll es merken. Am besten ist, den Menschen wird ein Kabelanschluss in den Hinterkopf platziert, durch den ihnen eine normale Welt vorgegaukelt wird, in der sie ihr Leben scheinbar selbstbestimmt leben. Alles ganz normal. Aber dort, im Hinterkopf, werden die eigentlichen Programme und Daten eingespeist. Trau Deinem Geschmack!, lautet die Botschaft, Und finde dich wieder in einer Sektion der Konsumentenstatistik!, lautet die Realität.
    [Machtstrukturen, die man nicht durchschaut, und Macht, die man kaum wahrnimmt, stehen immer im Verdacht, besonders stark zu sein. Für die Rechten waren es vor zwanzig Jahren die Kommunisten, die wohlorganisiert alles in der Hand haben. Wer bestimmt heute das Netzwerk der Macht, die Regeln der Matrix? Wer kennt all die personenbezogenen Daten, die heute in die verschiedensten Datensysteme gelangen? Sublime, ätherische Macht, ungreifbar, unangreifbar.]
  • Die Lesung aus dem Römerbrief spricht von der Herrschaft des Fleisches, an die wir bis zu unserer Taufe versklavt gewesen sind, und verkündet den Geist, in dem wir von Gott an Kindes statt angenommen wurden.
    Diese Sprache verschleiert für uns fast mehr worum es geht, als dass wir es sehen. Denn die Herrschaft des Fleisches kommt heute so ungemein vergeistigt daher. Versuchen Sie - um Gottes Willen! - einmal den pietistischen Grundton zu überhören, der allzu oft und allzu lange dem "Fleischlichen" aufgesetzt wurde. Es geht dabei nicht nur, ja, nicht einmal in erster Linie um das Geschäftsfeld von Frau Uhse und Herrn Dr. Müller. Es geht um die Verletzlichkeit von Menschen, die "im Fleisch sind". Wir Menschen "im Fleisch" hängen heutzutage von ganz unstofflichen Mächten ab, und je mehr wir "im Fleisch sind", desto mehr.
    Wenn daher bei Paulus von der Sklaverei im Fleisch gehandelt wird, ist nicht Sex das Problem, sondern der Mensch, der mit seiner ganzen Existenz in der Abhängigkeit seiner empirischen Existenz steckt. Wo der Mensch "Schuldner des Fleisches" ist, da muss er an diese empirische, stets bedrohte Existenz seinen Tribut zahlen. Da muss das Ich verteidigt werden gegen Angriffe, da muss Selbstbewusstsein verstärkt werden.
    Vor allem aber wird der Genuss und das Erlebnis zur entscheidenden Kategorie, wenn es außer der Zeitspanne von der Geburt bis zum Tod, außer der Zeit in der man zum Genuss fähig ist, kein Leben ist. Daher doch wird jeder Schatten des realen Todes verdrängt. Paulus meint dazu nur knapp: "Wenn ihr nach dem Fleisch lebt, dann werdet ihr sterben". Dieser Stöpsel im Hinterkopf, durch den wir mit der Erlebnis-Welt verkoppelt sind, wird eines Tages rausgezogen. Dann ist Schluss mit lustig, mit Erlebnis, mit Genuss.
    [Moderne Macht will uns als Konsument, als Interaktionspartner, braucht unsere Lebensenergie, damit die Maschinen leben können, damit die Maschinerie funktioniert. Vielleicht gibt es nicht einmal mehr die grauen Männer, die alles lenken. Vielleicht sind längst auch sie der Macht schon unterworfen.]

2. Ergebung und Widerstand

  • "Herrschaft des Fleisches" mag für viele ganz harmlos und vergnüglich klingen. Wenn das System mir den Spaß liefert, den ich suche, was soll´s? Man meint der Kunde sei König und merkt nicht, dass das nur gilt, solange der Kunde zahlen kann. Sie machen sich nicht klar, wie konkret hier Herrschaft gemeint ist und ausgeübt wird. Das "Dabei-Sein" wird zur Überlebensfrage und die Vielen fügen sich.
    [Andere spüren die Abhängigkeit. Und versuchen Widerstand zu leisten. Aber wie? Öko-Körner zu nagen hat ausgedient. Diese Marktnische ist vom System längst besetzt.
    Als Alternative erscheint die Verweigerung. Absage an eine wie auch immer geartete Verantwortung. Das System stören, wo es nur geht; ganz in Punk-Manier zählt dabei nur, was aus den Trümmern der Zivilisation für den eigenen Genuss herangezogen werden kann, um einen Totentanz zu begehen, der die Lust am Untergang zelebriert. Aber dieser Weg funktioniert nicht. Das System wirft locker die paar Bierdosen von Aldi ab, hält die Innenstadt sauber und überlässt den Untergang sich selbst.]
  • Vielleicht hilft es, doch noch einmal genauer auf den Römerbrief des Hl. Paulus zu hören. Er benennt den Punkt genau. Wer dem Fleisch gegenüber Schuldner ist, ist der, für den nur das zählt, was hier und jetzt greifbar und erlebbar ist. Dass dies Sklaverei ist, merkt nur der, der gewahr wird, wie viel Energie dabei aufgewandt wird. "Nach dem Fleisch leben müssen", nennt das Paulus. Es hilft also gar nichts, einfach nur lächelnd der Herrschaft zu entsagen, die auf diesen Bedürfnissen aufbaut, denn die Bedürfnisse bleiben. Es hilft auch nichts, Forderungen aufzustellen: Tue dies! Lass dies bleiben! Moralische Forderungen sind genauso tödlich, weil sie uns nur brutaler vor Augen führen, dass wir sie nicht einhalten können. Das Gesetz tötet.
    Und zwischen diesem Tod und der Sünde besteht ein eindeutiger Zusammenhang. Denn Sünde ist, sich gegen Gott, gegen die Herrschaft Gottes zu sperren. Solange ich daher mein Leben nur in den Schranken von Geburt und Tod sehe, steht alles unter dem Schatten des Todes, bis dahin zur Hektik verurteilt - und zum Widerstand gegen die Herrschaft Gottes.
  • Paulus bietet als Alternative: Sich der Herrschaft Gottes zu ergeben. Seinen Geist in mich aufzunehmen. Da Gott der Schöpfer der Welt ist, geht mir nichts in dieser Welt verloren, wenn ich mich ihm unterstelle. Wenn ich mich nur dem Ausschnitt unterstelle, geht mir alles verloren. Wenn ich mich nur mir selbst unterstelle, ist das der beste Weg zum Zusammenbruch.

3. An Kindes statt angenommen, zu Erben bestimmt

  • So überraschend uns das vorkommen mag, Paulus sieht den entscheidenden Schritt aus dem Herrschaftsbereich des Fleisches in den Herrschaftsbereich des Geistes nicht in irgendeinem Aufschwung der Seele, sondern ganz nüchtern in der Taufe. Denn genau das geschieht in der Taufe, dass uns Gott an Kindes statt annimmt. Wir sind nicht irgendwie durch unser Brav-Sein Gottes Kinder, sondern durch das Wasser der Taufe. Aus Gnade. In diesem Akt der Taufe teilt Gott sich handgreiflich mit. Es ist der Akt, in dem der Mensch dem Herrschaftsbereich Gottes unterstellt wird.
  • In der Taufe empfangen wir gerade nicht "einen Geist, der uns zu Sklaven macht, so dass wir uns immer noch fürchten müßten, sondern wir haben den Geist empfangen, in dem wir an Kindes statt angenommen wurden, den Geist, in dem wir rufen: Abba, lieber Vater!". Ja, "Vater Unser" kann und darf nur beten, wer getauft wurde, weil nur dann aus dem allgemeinen Mensch-Sein ein besonderes Im-Geist-Sein wird. (Ich rede von uns hier, nicht von irgendwem irgendwo!). "Vater" kann nur der Sohn sagen - oder die, die vom Vater an Kindes statt angenommen wurden. Wenn Christus darum betet, dass wir in Gott sein sollen wie er in Gott ist, dann ist genau das gemeint. Der Heilige Geist ist nichts anderes, als dass wir durch die Taufe so in Gott sind und Gott in uns ist, dass wir uns nicht darum fürchten müssen, etwas zu verpassen, etwas nicht zu haben. Denn wir haben Gott.
    Taufe, im Geist Gottes sein bedeutet, dass wir uns nicht an das Fleisch verkaufen müssen oder an die Strukturen, die die Selbstvergewisserung mit vielerlei bedienen, weil wir vor solchem Verlust nicht mehr fürchten müssen, wir haben schon Gottes Geist und Gottes Geist hat uns.
  • Christus Jesus ist der Eine, weil er von Gott ausgeht und doch, wahrer Mensch, ganz unser Leben geteilt hat. Sind wir nur Adoptiv-Kinder in der Taufe, so ist er Sohn. Dieser Sohn sagt "Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden". Das heißt, er hat das Erbe des Sohnes angetreten.
    Für uns steht das noch aus. Für uns ist es Verheißung. Die Taufe setzt den Rechtsakt, in dem wir als Kinder angenommen werden. Das Testament ist unterzeichnet. Es steht aber noch aus, dass wir das Testament annehmen, dass wir im Geist Gottes bleiben, in seiner Liebe, dem einzigen Gebot. Wir leben noch im Fleisch, aber im Tiefsten sind wir nicht mehr im Fleisch. Daher gibt es keinen Grund mehr, uns den alten Herrschaftsstrukturen weiter zu unterwerfen und wie Sklaven zu leben, weil uns nichts verloren geht, selbst wenn dieses Fleisch abstirbt, dieses Erlebniss verpasst wird, dieser Computer abstürzt oder dieser Trend an mir vorübergeht. Wir können an der Auferstehung teilhaben, die an Christus Wirklichkeit geworden ist, wenn wir das Sterben lassen, was doch nur Unterwerfung unter die Herrschaft der Welt ist. Denn "sind wir Kinder, dann auch Erben; wir sind Erben Gottes und sind Miterben Christi, vorausgesetzt, dass wir mit ihm leiden, um auch mit ihm auch verherrlicht zu werden." Amen.

 


 

Literaturhinweise:
Zu Teil 1: Gibson, William: Biochips. Roman. Aus dem Englischen von Reinhard Heinz. München (Heyne) 1995. ders.: Mona Lisa Overdrive. Dritter Roman der Neuromancer-Trilologie. Deutsche Übersetzung von Reinhard Heinz. Mit einem Nachwort "Die Nullstelle der Wahrnehmung" von Michael Nagula und mit einer deutschen Bibliographie zu William Gibson. München (Heyne) 1996.
 

Zur Übersetzung Röm 8: Peterson, Erik: Der Brief an die Römer. Ausgewählte Schriften Band 6. Aus dem Nachlass herausgegeben von Barbara Nichtweiß unter Mitarbeit von Ferdinand Hahn. Würzburg (Echter) 1997.