Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum Dreifaltigkeits-Sonntag im Lesejahr B 2012 (Deuteronomium/Matthäus)

1. Für alle

  • Zu allen Völkern gehen. Alle Menschen mit hineinnehmen in die Gemeinschaft mit Jesus Christus. Alle dazu einladen, hineinzutauchen in die Gemeinschaft des einen Gottes, der Vater im Sohn ist durch den Heiligen Geist. Alles befolgen, was Jesus gelehrt hat, von Gottes Liebesangebot keine Abstriche machen. Und noch einmal das Wort "alle": "Ich bin bei euch alle Tage". Dies ist der fulminante Abschluss des Matthäusevangeliums.
  • Hier wird jede Grenze durchbrochen und überwunden. Mehr noch wird hier miteinander in lebendige Beziehung gebracht, was nach menschlichem Ermessen getrennt oder gar unvereinbar ist: Sprachen, Nationen und Gruppen, Generationen und Zeitalter, Lebensstile und alles, was aus sozialen Verwerfungen folgt bis hin zu Krieg und Elend. Die Glaubenshaltung, die wir bei Jesus von Nazareth finden, die er gelebt, verkündet und seiner Kirche aufgetragen hat, schafft es, keinen Menschen auszugrenzen. Ein Universalismus jenseits des menschlich Vorstellbaren, den Jesus schlicht 'Liebe' nennt.
  • Es ist jenseits des menschlich Vorstellbaren, nicht aber jenseits des menschlich Möglichen. Denn Jesus ist Mensch wie wir - das bekennen wir, wenn wir das Glaubensbekenntnis sprechen. Für mich als Christen ist es deswegen so zentral, dass wir uns immer tiefer mit Christus verbinden und in ihm bleiben; die alles umfassende Liebe ist nur in dem Maße möglich, wie wir in Christus diese Liebe erfahren. Denn in ihm ist alles dem Menschen Mögliche.

2. Getragen durch Gott

  • Damit dies möglich sei, hat Gott in die Geschichte der Menschen eine Spur gelegt. Auf sie stoßen wir in der ersten Lesung, die wir heute aus dem Buch Deuteronomium gehört haben.
  • Die zentrale Glaubenserfahrung des Volkes Israel ist, dass der Schöpfer des Universums sich diesem kleinen und unbedeutenden Volk in seiner Geschichte zugewandt hat. "Hat sich je so etwas ereignet?", fragt Mose den Israeliten aller Zeiten. Öffne Deine Augen und sieh, wie Gott dich gerufen und geführt, befreit und beschenkt hat - auch und gerade in den schmerzvollen Momenten deiner Geschichte.
  • Diese Worte kannte Jesus und es war seine Lebenserfahrung. Er hat Gott seinen Vater genannt, weil Jesus in der Geschichte seines Volkes und in seiner eigenen Geschichte Gott erfahren und erkannt hat als den, der sich ihm in verschenkender Liebe zuwendet - auch und gerade in den schmerzvollen Momenten seines persönlichen Lebensschicksals.
    Weil diese Erfahrung für Jesus bestimmend war, weil er so sein Leben ganz und gar als Geschenk seines himmlischen Vaters erfahren hat, ist in dem Menschen Jesus die Universalität Gottes gegenwärtig und wirksam. Deswegen kann seine Liebe alle einschließen, selbst seine Henker.
    Jesus hält es für möglich, dass seine Jünger und seine Kirche daran Anteil haben. Deswegen kann Jesus seine Jüngern in allem zu allen Menschen senden. Er tut dies und betont, ihm sei "alle Macht gegeben, im Himmel und auf der Erde". Er hat diese "alle Macht", indem er alle in seine Liebe einschließt.

3. Trinitarischer Glaube

  • Das zu glauben bedeutet: Darauf zu vertrauen, dass dies auch mir möglich ist - als Möglichkeit geschenkt werden kann.
    Daran zu zweifeln könnte einen Grund haben: Ich könnte meinen, dass ich letztlich aus mir selbst heraus bin und lebe. Ich wäre dann als Mensch durch mich begrenzt. Es mag zwar als Selbstverständlichkeit gelten, dass ich als Mensch erst einmal ich selbst bin und mich selbst finden und verwirklichen muss; dann erst könne die Zuwendung zum anderen kommen. Dann allerdings wäre ich in meiner Möglichkeit arg beschränkt.
  • Aber vielleicht ist es doch ungekehrt. "Der Mensch ist primär nicht ein Ich, das auch fähig ist, Du zu sagen, sondern kraft des Angesprochenseins als Du wird er in ursprünglicher Art fähig, Ich zu sagen."1. Christliche Glaubensexistenz macht diese Erfahrung, dort wo die Gotteserfahrung und die Begegnung mit Gottes Schöpfung zusammen kommen. Davon bin ich überzeugt, auch wenn ich selbst dieses Glaubensgeheimnis bestenfalls ahne und wie den Saum eines unendlichen Kleides berühre.
  • Ich werde dieses Geheimnis auch nie mehr als ahnen und berühren. Es ist das Geheimnis des Menschen, der nach dem Antlitz Gottes geschaffen ist. Es ist daher auch das Geheimnis Gottes.
    In der Geschichte Israels schon zeigt er sich als ein schenkender Gott. In Jesus Christus zeigt sich Gott als einer, der sich so sehr verschenkt, dass Jesus zum Vater im Gebet sagen kann "Alles was dein ist, ist mein" (Joh 17,10, vgl. Lk 15,31). Der Mensch Jesus lebt ganz aus Gott, seinem Vater. Er ist der Mensch, der ganz und gar daraus lebt, angesprochen zu werden von Gott und den anderen Menschen.
  • Jene Liebe, die alles umfassen kann, weil sie in Gott ihren Ursprung hat, jene Kraft, die alle Grenzen durchbricht und Verbindung schafft zwischen Menschen weit über das uns Menschen Vorstellbare, jene Liebe und Kraft ist Gott selbst, Heiliger Geist. Wo wir Menschen auf das Geheimnis dieses dreifaltigen Gottes bauen, dort berühren wir das Geheimnis, dass Gott selbst immer schon Beziehung und Liebe. Darauf dürfen wir vertrauen, in allem und gegenüber allen. Amen.

 


 

Zitat: Ernst Michel, Der Partner Gottes, Heidelberg 1946, 100f.; zitiert nach Hans Urs von Balthasar, Pneuma und Institution, Skizzen zur Theologie IV, Einsiedeln 1974, S. 204 FN1