Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum Fest Herz Jesu 2017 (Lesejahr A) (1. Johannesbrief)

23. Juni 2017 - Kleiner Michel (St. Ansgar), Hamburg

1. Sühne

  • Vergebung kann unbarmherzig sein. Vergebung hat dann etwas Gewaltsames an sich. Vergebung kann dem, der durch seine offenbare Schuld bereits erniedrigt ist, öffentlich den Rest geben. Vergebung kann zur tödlichen Waffe werden.
  • Dieser Kreislauf wird durchbrochen durch die Sühne. Dadurch gibt der Vergebende etwas von seiner Macht über den Schuldigen ab. Er erlaubt ihm, mitzuwirken und etwas beitragen zum Weg der Versöhnung.
    Dabei ist natürlich unverzichtbar, dass der Schuldige eingesteht, schuldig geworden zu sein. Er liefert sich damit gleichsam aus und macht sich angreifbar. Aber wenn der Vergebende barmherzig ist und nicht rachsüchtig, dann nutzt er die Situation nicht aus, um den Schuldigen bloß zu stellen und ihn zu demütigen, sondern bietet dem, dem er die Schuld vergeben hat, an dass dieser Sühne leistet. Sühne macht die Vergebung barmherzig.
  • Damit hilft sie vielleicht auch dem, der schuldig geworden ist, sich selbst zu vergeben. Die Initiative kommt von dem, dem er geschadet hat. Zugleich wird er eingeladen, selbst aktiv zu werden und an Versöhnung mitzuwirken. Die Schuld stand wie ein großer, dunkler Block im Raum. Die Versöhnung wird zu einem Prozess, der Schritte ermöglicht.

2. Barmherzigkeit

  • Die größte Barmherzigkeit ist die Bereitschaft zur Vergebung von Schuld. Denn in der Vergebung gebe ich die Macht auf, die ich über den anderen habe, sobald dieser seine Schuld zugegeben und betreut hat. Ich triumphiere nicht über den Sünder, sondern ermögliche es ihm (wenn die Schuld eingestanden und betreut ist! ) seine Würde wieder zu gewinnen.
  • Die Sühne ist deswegen nie Voraussetzung der Vergebung, sondern immer die Folge oder der nächste Schritt. In der Sühne erlaubt der, dem Unrecht geschehen ist, dem, der Unrecht getan hat, aktiv etwas zur Versöhnung beizutragen.
  • Deswegen ist Sühne so wichtig, weil sie den Kreislauf von erniedrigen und erniedrigt werden durchbricht und beiden ermöglicht aufrecht zu gehen. Die Barmherzigen sind es, die Frieden schaffen

3. Herz Jesu

  • Was nun bedeutet es, dass Gott "uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat", wie der Johannesbrief sagt? Da Sühne Ausdruck der Vergebungsbereitschaft ist, bedeutet es zunächst, dass Gott elementar und immer darauf aus ist, zu vergeben. Er hat "kein Gefallen am Tod des Schuldigen, sondern daran, dass er auf seinem Weg umkehrt und am Leben bleibt." (Ez 33,11). Gott will den Kreislauf der Gewalt überwinden, indem er gleichsam dazwischen tritt und sowohl die Gewalt am eigenen Leib erträgt, als auch dem Gewalttäter zur Seite steht und für ihn die Sünde trägt - indem Jesus zur Sühne wird.
  • Damit nimmt Gott uns unsere Versöhnung nicht ab, im Gegenteil, er ermöglicht sie. In den Worten des Johannesbriefes: "Wenn Gott uns so geliebt hat, dann müssen auch wir einander lieben." Es ist also die erlebte Liebe Gottes, die zum entscheidenden Impuls werden kann, selbst die Liebe zu leben. Nichts anderes verehren wir im Herzen Jesu. Denn in Jesus zeigt Gott selbst uns sein Herz. Im Blick auf das Herz Jesu können wir ermutigt werden, unser eigenes Herz verletzlich zu machen, indem wir bereit sind zu vergeben.
  • Das ist nur für den abstrakt, der nie die heillose Verstrickung in Schuld erlebt hat. Das ist nur für den blasse Theorie, der nie die Herausforderung erlebt hat, im entscheidenden Ausblick, wenn der Feind seine Schuld eingestanden hat (und damit die Macht, ihn zu vernichten, gegeben wurde) diese Macht loszulassen und Frieden zu schließen. Das ist für den Frohe Botschaft, der nicht fähig war, sich selbst zu vergeben, und hier behutsam einen Pfad geführt wird. Solche Barmherzigkeit ist göttlich. Und zu nichts weniger sind wir berufen. Amen