Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zur Hochzeit - Ein Siegel auf deinem Herzen

Das Brautpaar wollte diesen Gottesdienst in kleinem Rahmen und vor allem ihre Familienangehörigen feiern. Sie haben zusammen eine kleine Tochter, die vergangenes Jahr am selben Ort getauft worden war.

1. Bleibendes

  • Es soll etwas bleiben. Mir scheint, jeder Mensch hat etwas, von dem er möchte, dass es bleibend bei ihm ist. Für manche ist das ein Kettchen oder ein Ring, für manche ist es ein Bild oder sonst irgend etwas. Sie haben es dabei, auch wenn sie mit leichtem Gepäck durch die Welt ziehen.
    Für ein Menschen im alten Israel war so etwas das Siegel. Das Siegel trug man an einem Kettchen um den Hals oder als Armreif. Es war das wertvolle Erbstück aus der Familie. Nie würde man es hergeben oder ablegen.
  • In der Bibel ist eine Sammlung von alten Liebesliedern aus dem Volk Israel. Wir nennen diesen Teil des Alten Testamentes das "Hohelied"; Irina und Daniel wollten, dass daraus die erste Lesung zu ihrer Hochzeit genommen wird. "Stark wie der Tod ist die Liebe", dieses Bekenntnis wollen sie vor uns allen ablegen. Sie haben ihre Familien eingeladen, dass sie dabei sind, wenn die beiden dies hier tun, in einer Kirche und vor Gottes Angesicht.
  • Die Liebestexte im Hohenlied sind voll von Anspielungen und Bildern, viele davon erotisch. Der Würzwein und die Granatäpfel, die die Braut dem Bräutigam verheißt, die Küsse, die sie ihm schenken will, und die Kammer, in die sie ihn führen will, sind solche Bilder.
    "Leg mich wie ein Siegel auf dein Herz", ist dabei ein besonderes Bild. Braut und Bräutigam wollen nicht nur, dass sie einander das Wichtigste und Wertvollste sind, das kostbare Siegel. Sie wollen es als Schmuckstück auf der Brust tragen - ganz nah beim Herzen und doch für jedermann sichtbar, dass sie einander gehören und einander das Bleibende und Beständige, der Schmuck und der Schatz des eigenen Lebens sind.

2. Kammer

  • Am Anfang des Abschnitts, den wir gehört haben, wünscht sich die Braut voll Sehnsucht, dass der Geliebte wie ein leiblicher Bruder gelte. Denn damals durfte ein unverheiratetes Mädchen nicht mit einem fremden Mann zusammen gesehen werden. Wäre er ihr Bruder, dürfte er bei ihr im Haus sein, er wäre ganz nah bei ihr, jeder könnte es sehen und niemand dürfte sie "deshalb verachten".
  • Heute ist es kein Skandal, wenn Liebende auch in der Öffentlichkeit zusammen und zärtlich zu einander sind. Im Gegenteil: Wer würde sich nicht darüber freuen wollen. Selbst wenn zwei, die nicht verheiratet sind, bei einander wohnen und gar ein Kind zusammen haben, dürfen wir uns an der Liebe und Treue freuen, die sie zu einander haben und in die sie das Kind mit hineinnehmen, das ihnen geschenkt wurde. - Was für eine wunderbare Vorstellung müsste das für das Mädchen aus Israel gewesen sein, das sich so nach ihrem Geliebten sehnte und deren Verse der Sehnsucht ein Teil der Bibel geworden sind.
  • Es ist etwas Anderes, das heute in der Öffentlichkeit und auf der Straße nicht gern gesehen wird. Ein wenig muss man in unserer Zeit und Kultur fürchten, dass die Leute einen "deshalb verachten" könnten und man sich fürchten müsste, nicht verstanden zu werden.
    Wir wollen es auch deshalb nicht so gerne in die Öffentlichkeit oder sogar vor unseren weiteren Bekanntenkreis tragen, weil es in uns zerbrechlich ist. Dieses Andere zu benennen fällt uns schwer; darüber zu reden haben wir nicht gelernt. Wenn ich aufgefordert würde, darüber zu sprechen und Auskunft zu geben, würde ich merken, wie sehr ich auf der Suche bin und es vor mir selbst kaum in Worte fassen kann. Dieses Andere heute ist der Glaube an Gott, nicht wie damals die Intimität einer Liebe. Die Verliebtheit darf jeder sehen. Den Glauben, so fragil und fragmentarisch, wie er ist, behüten wir oft lieber in der Stille der eigenen Kammer.

3. Gott

  • Und doch haben sich Irina und Daniel entschlossen, heute hier her zu kommen und ihre Familien dazu einzuladen. Es war ein wahrhaft kurzfristiger Entschluss, aber nicht minder ernst gemeint. Der Vertrag, der vor dem Standesbeamten heute unterschrieben wurde, ist recht betrachtet doch etwas sehr Vergängliches. Im Kleingedruckten des Vertrages sind die Auflösungsklauseln schon enthalten. Aber Irina und Daniel wollen etwas, das bleibt, wie das Siegel auf ihrem Herzen (auch wenn sie das Siegel vielleicht lieber unter dem Hemd tragen, weil es nicht gleich jeder sehen muss).
  • Was hier nun geschieht ist tatsächlich etwas Bleibendes. Es ist nicht deswegen allein bleibend, weil diese Ehe vor Gottes Angesicht von Menschen nicht geschieden werden kann. Das Bleibende geht viel tiefer: "Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!". Das ist das Wort Jesu aus dem Evangelium dieses Hochzeitsgottesdienstes. Er selbst ist das Sakrament jener Liebe, in der Gott uns liebt, annimmt und trägt. Denn ein Sakrament ist Zeichen von Gottes Gegenwart in unserer Welt, heiliges Zeichen und göttliche Wirklichkeit, die wir sehen, berühren, hören und schmecken können. "Bleibt in meiner Liebe!", sagt Jesus den Jüngern und damit auch der Gemeinschaft der Getauften heute, damit die Liebe Gottes in eurer Zeit sichtbar und spürbar wird. Diese Liebe, die kein Strohfeuer der Verliebtheit ist, sondern wahre, treue Liebe, ist das Bleibende, auf das wir bauen können.
  • Wenn Irina und Daniel heute einander das Eheversprechen geben, dann wird ihre Liebe zum Sakrament, zum heiligen Zeichen der Gegenwart Gottes. Das geschieht nicht, weil beide Heroen der Liebe wären, die etwas besonderes sein wollen. Es geschieht, weil beide ihre Liebe Gottes Segen anvertrauen. So wie wir in der Taufe Gottes Kinder werden, nicht weil wir ihn erwählt, sondern weil er uns erwählt hat, so hat letztlich Gott selbst die beiden hier her geführt. "Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt." Gott hat Sie beide dazu bestimmt, in Liebe bei einander zu bleiben und dass diese Liebe Frucht bringt in dieser Welt und vor den Menschen, die sich daran freuen, zwei (oder mit Ina: drei) sehen zu dürfen, die einander lieben. Amen.