Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zur Hochzeit - Freundschaft Gottes

1. Gottes Freunde

  • "Liebt einander!", schließt das Evangelium. Als ob Amelie und Felix diese Ermahnung nötig hätten. Hätten wir einen Text ausgesucht, der passgenau Ratschläge für diesen Anlass, diesen Ort und diese Stunde bereit hält, dann wären wir auch fündig geworden. Aber dann hätte es geheißen: "Sorgt euch nicht, was sollen wir essen, was sollen wir trinken, was sollen wir anziehen....".
  • "Liebt einander!", das steht heute nicht als Ermahnung unseres Paares, sondern weil sie durch diesen Text aus dem Johannesevangelium etwas ausgedrückt sehen, was ihnen für das, was sie heute hier feiern und vollziehen und wozu sie uns eingeladen haben, ganz wichtig ist. Der Satz steht daher auch nicht isoliert, sondern als Abschluss einer Zusage: "Ihr seid meine Freunde". Diesen Satz spricht Jesus am Abend vor seinem Tod. Es ist also sein Testament. Jesus aber ist die Offenbarung Gottes: In ihm zeigt uns Gott, wie er ist. Es ist also Gott selbst, der den Jüngern im Abendmahlssaal sagt: "Ihr seid meine Freunde".
  • Das ist vielleicht der Kern der ganzen Bibel: Dass der allmächtige, ewige, unbegreifliche Gott uns in seiner Barmherzigkeit so nahe kommt, dass wir uns als seine Freunde erleben dürfen. Nicht als Sklaven eines göttlichen Gesetzes und nicht in Furcht vor Strafen vom Himmel sollen wir leben. Vielmehr bietet uns Gott seine Freundschaft als Fundament an, um das eine zu können und zu leben, was wirklich zählt: "Liebt einander!".
  • Die Liebe von Amelie und Felix ist in dieser Liebe mit gemeint. Aber so wie die Ehe als Sakrament über sich hinaus strahlt, Frucht bringt als Familie, in der Sorge für Arme, in der Gastfreundschaft, in der Verantwortung für diese Welt und die Kirche in ihr - so strahlt die Liebe der Brautleute durch das Evangelium, das die beiden uns ausgesucht haben, über sie hinaus. Wir alle sollen uns aufmachen und dieses Fundament entdecken, diese Freundschaft Gottes, die fähig macht, einem jeden Menschen mit respektvoller, dienender Liebe zu begegnen.

2. Die eine Freundschaft

  • Das Stichwort Freundschaft hat die beiden zur Lesung geführt, die wir zuvor aus dem Buch Jesus Sirach gehört haben. Diese Schrift ist etwa 200 Jahre vor dem Evangelium entstanden. In Zeiten des Umbruchs und des kulturellen Aufbruchs trägt darin ein jüdischer Schriftgelehrter Gedanken zusammen, die ganz in der Heiligen Schrift wurzeln; er zeigt damit, dass der Glaube an Gott nicht nur mit der Philosophie der Zeit mithalten kann, sondern Wesentliches dazu beizutragen hat.
  • Und ein wichtiges Thema der griechisch geprägten Philosophie dieser Zeit war eben 'Freundschaft'. Für gläubige Menschen geht es dabei nicht nur um Geschäftsfreunde oder darum, wie die antiken Athener mit anderen sklavenhaltenden Männern tiefsinnig philosophierend über den Marktplatz gehen zu können. Vielmehr ist für gläubige Menschen Freundschaft untrennbar damit verbunden, in welchem Verhältnis wir zu Gott stehen.
  • Den ersten Gedanken aus der Lesung kann man dann so lesen: Wenn ich Gott zu meinem Freund machen will - und so die Freundschaft annehmen, die Gott mir anbietet - dann kann ich das nicht einfach anderen Freundschaften hinzufügen. Die Freundschaft mit Gott kann nicht eine unter vielen, sondern nur die Grundlage aller anderen sein.
    Deswegen ist die Ehe auch ein Sakrament des Bundes, weil hier nicht eine Beziehung anderen hinzugefügt wird, sondern Ihr beide Euren Bund zur Grundlage aller anderen Beziehungen und Freundschaften machen wollt.

3. Erprobung und Gottesfurcht

  • Der zweite Gedanke wird in der Lesung breit entfaltet, war den beiden Brautleuten aber erklärter Maßen auch etwas unangenehm: Erprobung. Denn sie wollen ja keine Ehe auf Probe, sondern das unbedingte "Ja" zueinander sprechen. Doch vielleicht hatten die letzten Jahre ihrer Beziehung dann doch so etwas wie eine Probe.
  • In Bezug auf Gott kommt aber etwas anderes hinzu: Die Bibel ist überzeugt, und die Glaubenserfahrung bestätigt es, dass Gott uns in aller Freundschaft Erprobungen zutraut. Wo wir im 'Vater Unser' "Versuchung" sagen, da ist eigentlich solche Erprobung gemeint. Denn es fällt nicht leicht, wenn Gott einen Menschen auf die Probe stellt, wenn der Glaube auf einmal hart wird und das Beten schwer fällt, wenn Fragen kommen und die Dunkelheit der Nächte länger ist als das Licht der Tage. "Vater Unser, führe uns nicht in die Erprobung!"
    Wo es doch geschieht, da führt Gott uns zu der radikalen Frage, worum es uns in der Freundschaft geht. Ob wir auf die Freundschaft zu Gott schnell verzichten, wenn Gott nicht mehr den erwünschten 'output' an glücklichen Tagen in ungetrübter Selbstsicherheit liefert. Oder ob wir Gott lieben, weil er Gott ist, nicht wegen des benefit, den der Glaube manchmal mit sich bringt.
  • Auch hier wieder ist Eure Ehe ein Sakrament der Freundschaft Gottes mit uns. Wir wünschen Euch gute Tage, Glück und Gesundheit. Euer Bund aber ist nicht auf Widerruf, dass Ihr vorhabt eine bessere Partie zu suchen, sobald es schwer wird. Vielmehr versprecht Ihr Euch ausdrücklich einen Bund in guten und schweren Tagen, in Gesundheit und Krankheit. Wir, die wir dabei sind, beten dass Gott euch nicht in solche Erprobung Eurer Ehe führen mag. Aber wenn er es tut, bin ich mir sicher, wird er Euch damit einen Weg zeigen zu erkennen, wie viel mehr wert Ihr einander seid als jede Nutzenrechnung je ermessen kann.
  • So schließe ich mit dem letzten Gedanken der von Amelie und Felix ausgesuchten Lesung, der Gottesfurcht. Das Wort mag merkwürdig klingen, als müssten wir uns vor Gott fürchten. Das Gegenteil ist gemeint. Die Gottesfurcht befreit von Menschenfurcht. Das Wissen und Ahnen der Größe Gottes kann deswegen Eure ganze Ehe tragen. Denn dieser Gott lädt Euch heute ein, Euren Bund auf seinen Bund, Eure Freundschaft auf seine Freundschaft zu bauen. Nicht ein Dritter ist er in Eurem Bund und Eurer Freundschaft, sondern der Grund, der alles durchdringt, der alles trägt und allein Euch die Kraft geben kann zu der Liebe, die Jesus uns aufgetragen hat. Amen.