Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zur Hochzeit - Bleiben um Frucht zu bringen

1. Bleiben

  • Für Jesus ist es der Weinstock. Dem Deutsche läge vielleicht das Bild einer Eiche näher, die im voll Safte steht. Für Laoten mag es der Banyan-Baum oder der Bodhi-Baum sein. In der Bildrede Jesu aber ist es ein Weinstock, der dann, wenn er voll im Saft steht, in der Lage ist Frucht zu bringen.
  • Das ist sein Bild dafür, was "bleiben" bedeutet. Im Johannesevangelium, aus dem wir gehört haben, ist "bleiben" geradezu ein Schlüsselwort: Der Rebzweig, der im Weinstock bleibt; "Bleibt in mir, dann bleibe ich in Euch"; "Bleibt in meiner Liebe!"
  • Wenn Jesus mit dem Saft des Weinstocks erklärt, was er mit "bleiben" meint, dann hat das nichts mit sitzen-bleiben oder zurück-bleiben zu tun. Keiner Behäbigkeit oder Spießigkeit wird das Wort geredet. Vielmehr passen Wendungen wie 'an einer Sache dran bleiben' oder 'einander treu bleiben' zu dem, was hier gemeint ist und warum unser Brautpaar sich das Evangelium ausgesucht hat.

2. In Christus

  • Mit den Lesungen aus der Bibel haben Alexandra und Wannaleth dynamische Texte für das, was ihnen heute wichtig ist, gefunden. Zusammen wollen sie das Leben angehen. Zusammen wollen sie aufbrechen. Zusammen wollen sie aber vor allem bleiben - bei einander, und dadurch einen Ort schaffen, der ihnen und anderen die Geborgenheit zu geben vermag, die Menschen brauchen, die aktiv sein wollen, ohne den Boden unter den Füßen zu verlieren.
  • Bezeichnender Weise benutzt Jesu das Wort "bleiben" ja nicht für einen Ort, ein Haus, eine Stadt oder einen Tempel. Vielmehr sagt er: "Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch." Er lädt also dazu ein, eine Beziehung einzugehen. Denn der christliche Glaube besteht ja nicht in etwas Statischem, sondern in eben dieser dynamischen Beziehung zu Gott. Die Beziehung ist so dynamisch wie das Leben, das wir führen, mit Auf und Abs, guten und schlechten Zeiten, Lachen und Weinen. All das, was Euer beider Leben ausmacht, soll durchdrungen sein von der Beziehung, die ihr durch Jesus Christus zu Gott haben könnt, der Euch geschaffen hat, der euch zusammen geführt hat und euch heute segnen will.
  • Für Alexandra hat dieses Bleiben einen ganz konkreten Ursprung: Ihre Taufe. Das Bild des Hinein-Tauchens, ursprünglich in einen Fluss, geht in die selbe Richtung wie das Bild vom Rebzweig, der seinen Lebenssaft aus dem Weinstock bezieht. Die konkrete Kirche, in die hinein Alexandra getauft wurde und in der Sie beide heute heiraten, ist das Geschenk Gottes an Sie, als ein Ort mit seinem Schatz an Traditionen und Formen, damit sie eine ganz eigene, lebendige Beziehung zu Gott aufbauen. Und ebenso wie die Taufe ist die Ehe das Sakrament, das heilige Zeichen, durch das ein Ort geschaffen ist, an dem sie beide zu einander kommen, mit einander in Christus bleiben und so aus der Quelle des Lebens schöpfen - Alexandra durch ihre Taufe und Wannaleth, indem er sozusagen auf dem Ticket seiner Frau mitsegelt.

3. Frucht

  • "Das ist mein Gebot: Liebt einander". Was Jesus hier ein Gebot nennt, ist viel mehr ein Versprechen, eine Zusage: "Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe" und wie ich euch Tag für Tag liebe. Denn Liebe lässt sich nicht verordnen. Auch ist hier nicht von der romantisch-verliebten Liebe die Rede, sondern von etwas, das fundamentaler ist und dessen ich jedem Menschen gegenüber und auch Gott gegenüber fähig bin: Die Freude an einander und der Respekt für einander.
  • Die entscheidende Verheißung ist also einerseits, dass Gott vor Euch beiden Respekt hat und dass er seine Freude hat an dem, was Ihr seid. Andererseits ist es durch diese Zusage Gottes möglich, dass Eure Liebe nicht unfruchtbar bleibt.
  • Sicher, es ist ein Geschenk, wenn aus der Verbindung zweier Menschen neues Leben entsteht und wächst. Aber das größere Geschenk ist, wenn nicht nur biologisch etwas neues aus der Verbindung entsteht, sondern die Liebe ausstrahlt auf andere, eine Frucht bringt, die über Sie beide als Paar hinaus weist auf die Freude, die wir jedem Menschen wünschen, die von Ihnen beiden heute ausgehen kann, wenn sie sich miteinander verbinden und dabei in ihm, Jesus Christus, bleiben durch den uns Gott alles Leben geschenkt hat. Amen.