Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zur Hochzeit - Gemeinschaft mit Christus

1. Hoch gegriffen

  • Wie gut für diese Stunde Freunde zu haben. Alle sind wir heute Freunde des Brautpaares, wahrscheinlich sogar die Familie. Aber es gibt besonders verdienstvolle: Denn in der Auswahl der Musik für den Gottesdienst heute haben sich T und Y leichter getan, als bei den Texten. Wir haben bei den Liedern einen guten Mix aus verschiedenen Stilen und Epochen. Da wussten die beiden, was sie wollten. Aber bei den Texten haben sie dankbar auf Vorschläge zurück gegriffen, die von anderen kamen: Das betrifft sowohl die biblischen Lesungen wie die Meditation über die Liebe, mit der sie uns auf den Gottesdienst eingestimmt haben; letztere haben sie bei einer anderen Hochzeit gefunden.
  • Dieser Meditationstext ist steil: "Liebe ist ohne Grenzen. / Sie ist das einzige Unendliche, / das wir Menschen wirken können. / Wahre Liebe macht aus dem Menschen etwas Neues, / einen Liebenden." Y und T wollten, dass alle, die heute hier sind, erleben sollen, dass diese Feier in der Kirche für sie etwas Herausragendes und besonders Wertvolles ist. Aber angesichts dieses Textes hätte ich Verständnis für jeden, der milde lächelnd sich im Herzen fragt, ob die beiden sich im Überschwang der Gefühle da nicht etwas übernommen haben.
    Dass sie einander lieben, schön und gut. Und alle wünschen ihnen, dass diese Liebe trägt und hält. Aber dass diese Liebe dann gleich Gott, dem Schöpfer ähnlich sein und Unendlichkeit bewirken können soll, das klingt ein wenig sehr nach poetisch schön, aber praktisch etwas schwierig.
  • Tatsächlich bewegen sich Y und T, wenn sie solche Worte übernehmen, etwas auf des Messers Schneide. Denn es tut keiner Beziehung gut, wenn man sie so lange mit Erwartungen überfrachtet, bis sie alternativlos unter der Last dieser Erwartungen zusammen bricht. Wenn man sich gegenseitig vergöttert und die gegenseitige Liebe zu Gott erklärt, ist das auf Dauer schon eine Last.
    Aber so, wie ich unsere beiden Musiker kennen gelernt und erlebt habe, ist es bei den beiden genau das nicht. Beim Vorbereitungskurs hat sich Y ein Zitat ausgesucht, das das deutlich macht: "Auch die zärtlichste Verliebtheit kann die grundlegende, die treue und respektvolle Liebe nicht ersetzen."
    Sie sind also weit davon entfernt, sich vom Überschwang der Gefühle wegreißen zu lassen, vielmehr geht es beiden, bei aller Verliebtheit, wenn sie heute vor Gott einen Bund mit einander schließen, um "treue und respektvolle Liebe", die Liebe, die sich nicht auf Hormonausschüttungen im Gehirn beschränkt, sondern auf unvergleichlich mutige Weise ein 'Ja' zum anderen sagt, das aufbaut auf dem großen 'Ja', das zu T und Y gesagt worden ist, als sie die Heilige Taufe empfangen haben.

2. Der große Zusammenhang

  • Ganz sicher also haben unsere beiden nicht vor, Gott zu spielen, weder allein noch einzeln. Die Formulierung des Textes im Überschwang ist zwar etwas abgehoben, aber sie verweist auf den ganz, ganz großen Zusammenhang dessen, was T und Yeun heute machen. Wir befinden uns sozusagen an einem kosmischen Brennpunkt, wenn wir Zeugen dieser Hochzeit sind. Dazu muss ich ein wenig ausholen - sprechen wir daher kurz über die Erschaffung der Welt.
  • Am treffendsten kann man das in Bildern ausdrücken, wie es um uns Menschen und um unsere Welt vom Ursprung und Prinzip her steht: Die Bibel beschreibt die Welt in ihrem von Gott kommenden Ursprung als einen Garten, in dem Mensch und Gott ganz entspannt im Abendwind spazieren gehen. Woher aber kommt dann die Hitze der Gewalt, des Egoismus und des ewigen Konkurrenzkampfes? Die Bibel beschreibt das sehr präzis: Weil "das Mensch" (mit "Adam" ist jeder Mensch gemeint) sein will wie Gott - oder genauer gesagt, sein will wie Menschen denken, dass Gott sei. Dazu der Griff nach dem einzigen, was im Garten des Paradieses verboten ist, weil es tödlich ist: Die Frucht des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse verleitet den Menschen dazu, sich über andere zu erheben, selbst festzulegen, was als gut und böse zu gelten habe und andere zu verurteilen. Das ist die Wurzel aller Sünde und Gewalt. Wir nennen es die Erbsünde. In "Adam" dachte der Mensch, er würde wie Gott, wenn er sich zum Herrn über Gut und Böse erhebt. Ein tragischer, folgenreicher Irrtum.
  • In diese Weltgeschichte hinein geschieht etwas erstaunliches. Gott offenbart sich. Gegen den tragischen Irrtum, es mache den Menschen gottgleich, über andere zu herrschen, offenbart Gott sich als Dienender. Diesen Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit beschreibt die Lesung, die wir gehört haben. Die alte Geschichte des Adam ist noch nicht überwunden, aber die neue Geschichte hat begonnen, weil es jeder Mensch wissen kann: Nicht die Herrschaft über einander ist göttlich, sondern das Einander-in-Liebe-dienen; "in Demut schätze einer den andern höher ein als sich selbst".
    Und Gott, nicht der alte Adam wird sich am Ende durchsetzen; wider allen Augenschein ist die Ohnmacht der Liebe mächtiger. Es lohnt darauf zu vertrauen. Es lohnt Gott zu vertrauen, der in Jesus Christus gezeigt hat, wer und wie er ist: "Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: 'Jesus Christus ist der Herr' - zur Ehre Gottes, des Vaters."

3. Ehe nach dem Ebenbild Gottes

  • Das ist der große Hintergrund dessen, was Y und T heute tun. Stellen sie sich die Gemeinschaft aller, die auf die Offenbarung des liebenden Gottes vertrauen, stellen sie sich die Kirche, zu der T und Y durch ihre Taufe gehören, vor als ein Orchester, das alle Kulturen, Länder und Kontinente umgreift; ein Orchester, in dem die tragende Melodie alle einzelnen Instrumente stützt und hält, weil es keine von Menschen gemachte Melodie ist, sondern eine von Gott geschenkte und ermöglichte.
  • Wenn wir uns die Taufe und die Kirche und die Offenbarung Gottes so vorstellen: Dann ist heute der Augenblick, an dem eine Es- und eine B-Klarinette aus dem kosmischen Orchester hervortreten und das Wunder geschieht. Gott offenbart sich in einem Duett, zwei Klarinettenstimmen verschmelzen zu einer, obgleich jede einzelne Stimme unverwechselbar sie selber bleibt. Die beiden haben die Melodie, die sie spielen nicht gemacht und nicht komponiert. Aber sie sagen ihr "Ja" dazu und vertrauen darauf, dass Gott, der die Lebensmelodie geschaffen hat, treu zu ihnen steht, wenn sie heute im Vertrauen auf ihn einander die Treue versprechen.
  • Lieber T, liebe Y, ich habe keinen Augenblick Sorge, dass sie sich selbst mit Gott verwechseln. Und doch sind sie heute eingeladen, wie Gott zu sein, als dessen Ebenbild wir erschaffen sind: "Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Dienender und den Menschen gleich" - damit wir Menschen einstimmen können in seine Melodie, und die vollkommende Freude in einer solchen treuen Liebe finden. Amen.