Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zur Hochzeit - Demütige Liebe

1. "Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne."

  • Zum Glück habe ich Euch beide in der Vorbereitung der heutigen Hochzeit gut genug kennen gelernt, um mir sicher zu sein, dass Ihr tatsächlich heiraten wollt. Das Eheversprechen, das Ihr heute vor Gott und uns, als der gegenwärtigen Kirche, ablegen wollt, da bin ich mir sicher, ist ernst gemeint. Allerdings habt Ihr den Zweifel an der Ernsthaftigkeit selbst gesät. Denn das Motto der Feier, das Ihr vorne auf das Liedheft geschrieben habt, ließe das Gegenteil erwarten: "Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne."
  • Die Zeile stammt aus einem Gedicht von Hermann Hesse (wie ich erst vorgestern festgestellt habe). In diesem Gedicht verherrlicht Hesse das Gegenprogramm zur Ehe. Selbst war er ja auch gleich drei Mal verheiratet. Da hat das gut in das Gedicht gepasst: "Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, / An keinem wie an einer Heimat hängen, / Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, / Er will uns Stuf um Stufe heben, weiten." So weit Hesse. Ich aber meine: Traut nicht dem Weltgeist. Traut Euch, traut Eurer Liebe, die gegründet sein darf in der Treue der Liebe Gottes.
  • In der Tat, wenn Ihr heute heiratet, dann ist das Euer ganz eigener Protest gegen den Weltgeist. Dieser suggeriert uns, wir würden nur dann glücklich, wenn wir alles ausprobiert haben, alle Optionen offen lassen, uns immer neu selbst verwirklichen. Die Opfer dieses Weltgeistes sind ungezählt, mag er mit seinen Zaubern auch noch so verführen. Ihr könnt Euch wappnen vor der irrigen Versuchung, immer wieder vor sich selbst davon zu laufen, statt mit einander das Wagnis einzugehen, das eine Leben für unendlich wertvoll zu erachten und in Treue mit einander an den Herausforderungen zu wachsen, die diese Treue bedeutet.

2. Die Liebe hält allem Stand

  • Wie anders als das Hesse-Gedicht klingen die Lesungen aus der Bibel, die Ihr mit Bedacht ausgesucht habt. Aus dem Brief des Apostels Paulus an die Christen in Korinth: "Die Liebe erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand." Und dazu aus dem Evangelium nach Johannes: "Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt." Diese Sätze atmen nicht trügerische Leichtfüßigkeit, sondern die tiefe Freude, die ein Mensch entdeckt, der um die Größe der Freude weiß, die nur die Treue bereit hält.
  • Was macht die einzigartige Größe dieser Liebe aus? Sie ist Verliebtheit, aber nicht nur. Die Biochemiker erklären uns, dass es der Geruch ist, der zwei einander sympathisch macht. Das ist schön und hilfreich, aber zu klein gedacht. Ihr habt erfahren, wie viel Ihr einander schenken könnt. Das ist größer, aber immer noch nicht groß genug gedacht, weil der andere noch Zweck bleibt. Jesus jedoch bringt es klar auf den Punkt: Liebe ist das, was einen fähig macht, im Extremfall sogar das Leben hinzugeben. Das macht es ganz deutlich. Denn wenn er am Kreuz stirbt, dann hat das nichts mehr mit Selbstverwirklichung und Glückserlebnissen zu tun, sondern nur noch mit dem Größten, der Liebe.
  • "Bleibt in meiner Liebe!", heißt die Einladung Christi. Um Eurer Liebe willen bleibt in seiner Liebe. Auf sie hin seid ihr getauft (und bleibt Stefan getauft, auch wenn er aufgrund ganz konkreter Erfahrungen sich entschlossen hat, aus der Kirche auszutreten). In der Liebe Christi zu bleiben bedeutet, die Größe Gottes in das eigene Leben einzulassen. Diese Größe Gottes ist lebendig in Christus und seinem Heiligen Geist - und sie zeigt ihre Größe darin, dass sie sich schenken kann, ohne irgend etwas für sich zurück zu behalten.

3. Demütige Liebe

  • Keiner von uns ist solcher Liebe fähig. Das brauchen wir aber auch gar nicht. Denn die Liebe ist nicht ein Diktat, wie wir sein müssen. Sie sagt nicht 'Bevor ich mich mit dir abgebe musst du....'; sie sagt: 'Ich weiß nicht wie und warum, aber ich liebe dich und will zu dir stehen...' Die Liebe ist nicht Endpunkt einer Geschichte, sondern ihr Anfangspunkt.
  • Im Unterschied zum Weltgeist ist die Liebe konkret. Der Weltgeist ist jener Terror, der uns vor sich hertreibt, um uns zu sagen, was gerade in und was out ist. Er ruft "Seid umschlungen, Millionen!", (Schiller) will aber an "keinem wie an einer Heimat hängen" (Hesse). Die Liebe aber macht genau das. Sie verliert sich an einen ganz bestimmten Menschen nicht als Wegstation, sondern als Weg. Sie ist die Zusage: "Ich bin bei dir in guten und in schweren Tagen." Sie kann Zeit schenken und Aufmerksamkeit, Sorge und Zärtlichkeit. Sie sorgt sich nicht um sich selbst, weil sie sich selbst geborgen weiß in ihrem Ursprung.
  • Und da, ja da, wohnt tatsächlich dem Anfang ein Zauber inne. Denn dieser Anfang, den ihr heute setzt, ist nicht so ein beliebiges immer mal wieder Anfangen. Deswegen lauten die ersten Worte der Bibel insgesamt wie auch des Johannesevangeliums "Im Anfang". Im Anfang ist Gottes Wort, der "Ja" sagt zu dieser Welt und "Ja" sagt zu uns Menschen, indem er selbst Mensch wird. Diese Zusage Gottes, dass er Liebe ist und uns in seiner Liebe bergen will, wohnt zauberhaft in diesem Anfang, den Ihr, Greta und Stefan, miteinander erlebt. Deswegen feiert ihr Euren Bund als Sakrament und Bild des Bundes, in dem Gottes Liebe zu konkreten Menschen konkret wird. Nicht jeder Anfang, sondern dieser eine. Er ist nicht ein Zeitpunkt, am Beginn, sondern ein Wurzelgrund im Anfang.
  • Dann habe mich mir all die Lieder und Texte, die Ihr für heute ausgesucht habt, noch mal angesehen. Da hat sich bestätigt, dass Ihr sicher nicht nach Hesse leben, sondern mit Gott den Bund der Ehe wagen wollt. Und dann ist mir klar geworden, dass das "jeder" in eurem Motto, "jedem Anfang wohnt ein Zauber inne" Eure Botschaft an uns und Euer Gebet für uns ist. Jedem von uns ist ein solcher einmaliger Anfang geschenkt; vielleicht wartet er auf uns, vielleicht haben wir es noch nicht gemerkt, vielleicht dürfen wir schon daraus leben. Wie Ihr. Amen.