Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zur Hochzeit - Demut aus Vertrauen

1. Vertrauen

  • Die Braut hatte dem Evangelium zugestimmt. Sie war ausdrücklich dafür, dass diese Rede Jesu heute so verkündet wird - wissend dass sie gleichzeitig ganz offenkundig eben diese Worte des Herrn in den Wind schlagen wird. Statt sich um die Kleidung zu sorgen, meint Jesu, sollten wir darauf blicken, wie Gott die Lilien auf dem Feld, ohne dass diese sich darum sorgen und mühen müssten, prächtiger kleidet als König "Salomo in all seiner Pracht". Salomo hatte auch nicht mit der Brautmutter zu diskutieren.
  • Aber C. und F. wollten, dass gerade heute dieses Evangelium vorgelesen wird, gerade wo heute alles so prächtig vorbereitet ist. Denn für die beiden ist völlig klar: Bei aller Freude über die Pracht und Schönheit der Feier, ist das nicht das Entscheidende; ja, es ist fast nebensächlich gegenüber dem, was in der Mitte des heutigen Gottesdienstes geschehen soll: Zwei Menschen vertrauen so sehr auf Gottes Treue, dass sie es wagen darauf zu bauen und einander die Treue zu versprechen: "die Treue in guten und bösen Tagen, in Gesundheit und Krankheit, bis der Tod uns scheidet".
    F. und C., Ihr gebt mit Eurem vertrauensvollen Eheversprechen der Treue Gottes einen Ort. Im Segen über die Brautleute wird daher es heißen: "Wo Mann und Frau in Liebe zueinander stehen und füreinander sorgen, einander ertragen und verzeihen, wird deine Treue zu uns sichtbar."
  • Katholiken zählen die Ehe zu den Sakramenten. Das ist deswegen möglich, weil sie auf der Taufe aufbaut. In der Taufe nimmt Gott uns als seine Kinder an. Heute wird für zwei Menschen konkret, was Gott ihnen in der Taufe zugesagt hat. Im vertrauensvollen Glauben allein kann man das leben. Nicht Riten und Zeremonien, keinem irdischen Ding können wir so vertrauen, sondern Gott allein.
    Was immer diese Ehe bringen wird, wo immer Eure Zukunft liegt, wie viel Glück und wie viel Unglück Euch beiden beschert sein wird - viel wichtiger ist der Bund, den Ihr heute schließt und der Euch durch die Zeiten tragen soll - im glaubenden Vertrauen auf Gott. "Deswegen sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, dass ihr etwas anzuziehen habt."

2. Respekt

  • Nun aber haben die Brautleute die schöne evangelische Tradition aufgegriffen, sich für ihre Ehe einen einzelnen Vers aus der Bibel auszusuchen. Vorne auf dem Liedheft ist er abgedruckt. Er stammt aus einem Brief, den der Apostel Paulus an die Christen in der griechischen Stadt Philippi geschrieben hat. Das ausgewählte Zitat lautet: "In Demut schätze einer den anderen höher ein als sich selbst". Das Zitat hat es in sich und hat sehr viel mit dem bisher Gesagten zu tun.
  • Wie unerhört das Zitat als Trauspruch ist, wird Ihnen vielleicht deutlich, wenn ich die Alternative formuliere. Die Alternative ist nicht moralisch verwerflich oder abwegig, etwa: In Hochmut mache einer den andern zur Schnecke. Vielmehr wäre die Alternative wahrscheinlich den meisten von uns völlig selbstverständlich und einleuchtend. Sie würde lauten: In gegenseitigem Respekt lasse einer dem anderen jederzeit den nötigen Freiraum, damit sich beide in der Ehe verwirklichen können; setze deiner Freiheit Grenzen, wo sie die Freiheit des anderen verletzt.
  • Dieses Motto ist ethisch wertvoll. Es ist die Grundlage einer freiheitlichen und friedlichen Gesellschaft und ist uneingeschränkt gut zu heißen. Ich denke, dass nicht wenige Paare nach dem Grundsatz eine gute Ehe führen - und manchen Paaren der Grundsatz sehr dabei helfen könnte. C. und F. würden dem auch nicht widersprechen, denn es liegt kein Widerspruch zu ihrem Trauspruch. Vielmehr ist ihr Trauspruch auf provozierende Weise radikaler, vielleicht sogar verstörend und irritierend. Denn während die Alternative 'Respekt vor der Freiheit des anderen' Bereiche absteckt, lassen sie sich auf eine Dynamik ein, von der sie nicht wissen können, wohin sie führt: "In Demut schätze einer den anderen höher ein als sich selbst" ist das Motto einer Dynamik des Dienens, nicht der Maximierung von Freiheit.

3. Demut

  • Dieser Trauspruch hat doppelt mit dem zu tun, was eingangs über das Vertrauen in Gott gesagt wurde. Denn zunächst mal bedeutet der Spruch ja, ganz radikal, es könne gar nicht passieren, dass man in der Ehe zu kurz kommt, selbst wenn ich in allem mich dem anderen unterordne, denn Gott sorge für mich weit mehr als für die Vögel und die Blumen, die er verlässlich nährt und prächtig kleidet. -
    Warum pocht jemand auf seiner Position? Doch aus der zumeist nicht grundlosen Sorge sonst zu kurz zu kommen. Radikaler Glaube wäre die atemberaubend souveräne Lebenshaltung, darauf verzichten zu können, um mich selbst besorgt zu sein.
    Auch Ihr, C. und F., werdet einen solchen Glauben wohl nicht unbedingt erreichen. Aber ich kann mir vorstellen, dass Ihr zumindest fasziniert seid von dieser Perspektive, in solchem Vertrauen leben zu können. Und ihr könnt dankbar für Freunde und Verwandte sein, die Euch durch ihre Ehe zeigen, dass es möglich ist, dieser Faszination zu folgen. Und die Erfahrung im Libanon, sich für den Dienst an anderen die freie Verfügung über die eigene Zeit nehmen zu lassen, ist auch keine schlechte Schulung für das Vertrauen.
  • Der Trauspruch hat noch in einem anderen Sinn mit dem Vertrauen in Gott zu tun. Denn er beschreibt ja letztlich die Grundhaltung Jesu, des Sohnes Gottes. Durch sein Vertrauen hat Jesus gezeigt, dass Gott selbst nicht aus Sorge lebt, zu kurz zu kommen, noch nicht einmal dort, wo Menschen ihn ausstoßen, seiner Kleider berauben und ans Kreuz hängen. Christlich glauben bedeutet immer auch: Vertrauen, dass dieser Weg kein Scheitern ist, sondern ein Sieg!
  • Am Ende des Evangeliums haben wir Jesus sagen gehört: "Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Königreich zu geben." Jesus ist sich also sehr wohl bewusst, dass gegenüber dieser ungeheuren, weltumstürzenden Perspektive des radikalen Vertrauens, in dem uns zugemutet wird, in Demut stets den anderen im Bunde "höher einzuschätzen als sich selbst", wir eher wie eine kleine, zerrupfte Herde wirken.
    Dennoch: "Fürchte dich nicht, du kleine Herde!" Ihr habt Gott selbst zum Vater. Er baut sein Königreich unter uns, und Ihr seid seine geliebten Kinder, Königskinder, also wahrhaft Prinz und Prinzessin, die heute einander das Sakrament der Ehe spenden. Amen.