Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zur Hochzeit - Der bessere Wein

1. Eine Szene, zwei Filme

  • Eine Hochzeit zu Kana. "Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen." Aus dieser Geschichte kann man zwei grundverschiedene Filme machen. Beide handeln von einer Hochzeitsfeier im orientalischen Stil: Zahllose Gäste von nah und fern, und auch die Nachbarschaft selbstverständlich, über mehrere Tage ein rauschendes Fest. Wein fließt in Strömen. Offenbar war so viel Trinkfreudigkeit nicht geplant. Der Wein droht auszugehen.
  • An dem Punkt aber würden sich die beiden Filme unterscheiden.
  • In dem einen Film merken die Gäste nur, dass in Unmengen neuer, besserer Wein aufgetragen wird, und langen noch mal so richtig zu. In der Version hat offenbar jemand den Festmanager überredet, das Weinlager zu plündern und den besseren Wein heraufzuholen.
  • In der anderen Version derselben Szene aber geschieht ein Zeichen. Auch hier ist es neuer, besserer Wein in großen Mengen. Aber hier kann man ahnen, dass dies wie ein Zeichen auf eine andere Wirklichkeit verweist. Und in dieser Version steht ein Hochzeitsgast im Mittelpunkt: Jesus, der das Wasser in den Krügen zum Wein werden lässt. Er steht dafür, dass das freudige Hochzeitsfest nicht nur für Kater am nächsten Morgen steht, sondern zum Zeichen einer größeren Wirklichkeit werden kann, die weit über das aktuelle Hochzeitsfest hinausreicht.
  • Die erste Version kann jeder sehen. Die zweite, die tiefere Version sieht nur, wer zwar auch beim Fest dabei, aber nicht nur Weinkonsument ist, sondern sich auf den Weg gemacht hat, mit Jesus zu gehen. "Seine Jünger glaubten an ihn", heißt es. Das Wort "Jünger" bezeichnet Menschen, die ihr eigenes Leben auf Jesus ausrichten. Und das "an ihn glauben" bedeutet: Auf den Gott vertrauen, dessen Gegenwart in Jesus erlebbar ist.

2. Ein Fest uns mehr

  • Was Kirstin und Riccardo heute tun, hat sehr viel mit den beiden Versionen zu tun, in denen man sehen kann, was damals bei der Hochzeit zu Kana geschehen ist. Vielleicht kann man die beiden Versionen gar nicht so deutlich trennen.
  • Die eine Version sieht das feierliche Fest, Orgelklang, ein kitschiges "Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer", auf das die Brautleute nicht verzichten wollten. Weißes Kleid, Bilder für das Bilderbuch. Ein wunderschöner Tag, ohne Frage.
  • Die andere Version feiert dasselbe Fest, sieht die selben Bilder. Und dennoch wird alles, was da geschieht zu einem Zeichen für mehr. Es wird zum Sakrament, zum heiligen Zeichen, das für Kirstin und Riccardo weit über den heutigen Tag hinausreicht.
  • Dieses "mehr" hinter dem Fest kommt in dem Versprechen zum Ausdruck, das Kirstin und Riccardo einander heute geben werden: "Vor Gottes Angesicht" wollen sie zu einander stehen und die Tage mit einander leben.
  • Mit diesem "Vor Gottes Angesicht" greifen die beiden zurück auf den Glauben, dass das ganze Leben, von Anfang an, getragen ist von Gott, der uns liebend ansieht und der heute ebenfalls 'Ja' sagt: Ich werde bei Euch sein, alle Tage Eures Lebens, in guten und in schlechten Tagen - und selbst wenn der Tod euch scheidet, werdet ihr in mir sein und ich in euch.

3. Vertrauen aus Erfahrung

  • Liebe Kirstin, lieber Riccardo, es liegt an Ihnen, was heute beginnt. Es kann ein Fest sein, das morgen vorbei ist. Es kann aber auch ein Fest sein, das ein Zeichen in sich trägt. Entscheidend ist, ob wir uns auf den Weg machen und auf dem Weg bleiben, diesem Zeichen nachzuspüren.
    "Auch Jesus war zur Hochzeit eingeladen", hieß es damals in Kana. Aber nur diejenigen, die mit ihm unterwegs sind, sehen und verstehen, dass hier mehr geschieht.
    Alle können die erste Fassung der Geschichte erleben. Den anderen Wein, der nicht nur für dieses Fest, sondern für das ganze Leben und darüber hinaus gilt, den ahnen nur diejenigen, die sich mit Jesus auf den Weg gemacht haben.
  • Viele von uns hier, auch Riccardo und Kirstin, haben von dem anderen Wein nur von Ferne gehört. Sie haben es von Ihren Eltern oder einzelnen Freunden gehört, sie haben gelegentlich bei einer Hochzeit oder bei einem Weihnachtsgottesdienst etwas davon mitbekommen, dass da die Erfahrung des anderen Weines ist, das Zeichen, das hinweist auf die Erfahrung eines Gottes, der eine tiefere, treuere Freude schenkt.
  • Es liegt an uns. Der erste Schritt ist vielleicht einfach nur zu beten. Es zu versuchen wie Menschen, die ein Radiosignal in's Weltall schicken, ohne zu wissen, ob da jemand ist, der es hört. Vielleicht ist dieser Gott, der mein Beten hört, obwohl ich mir nicht sicher bin, schon von Anfang an bei mir und wartet nur darauf, dass ich dieses Signal sende. Das kann ich nur mit meinem eigenen Leben tun; es funktioniert eben nicht, im Restaurant dasselbe zu bestellen wie das glückliche Pärchen nebenan, um selbst glücklich zu werden ("I'll have what she's having", um aus dem Film zu zitieren, aus dem die beiden das romantische Zitat auf ihrem Liedheft genommen haben).
  • Liebe Kirstin, lieber Riccardo, Sie haben sich entschlossen, heute in einem Gottesdienst zu heiraten und einander das Sakrament der Ehe zu spenden, weil das in Ihren Familien irgendwie noch Tradition ist. Es sind die Spuren der Erinnerung an den anderen, den bleibend besseren Wein. Machen Sie sich nun zusammen auf Spurensuche. Spüren Sie diesem Wein nach. Belassen Sie es nicht bei der ersten, der äußeren, schon morgen vergänglichen Version der Geschichte, sondern suchen Sie die eigene Erfahrung, die lebendig ist und von der sie eines Tages ihren Kindern erzählen können: Da ist ein Gott, dem wir bei unserer Hochzeit vertraut haben, ein Gott dem wir zusammen vertrauen können. Amen.