Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zur Hochzeit - Eid der Treue 9. Oktober 2010

Das Brautpaar stammt aus Irland und Deutschland und lebt in Australien.

1. Witwentreue

  • Christiane und David wollen in eine gemeinsame Zukunft gehen. Dafür legen sie heute ein Fundament. Sie heiraten inmitten des Volkes Gottes, der Kirche, und versprechen einander vor Gott die Treue. Die Beziehung von diesen zwei Menschen wird so mit vielen anderen Beziehungen verwoben. Nach oben, zu Gott; zu den Seiten zu uns und der ganzen Kirche; und in die Vergangenheit all der Jahrtausende, in denen Menschen auf Gott vertraut haben und ihren Weg mit Gott gegangen sind. Deswegen wurden heute auch nicht irgendwelche Texte gelesen, sondern zwei Abschnitte aus der Bibel. Denn dieses Buch sammelt das Zeugnis von Erfahrungen, die Menschen mit dem einen Gott Israels gemacht haben, der in Jesus Christus selbst Mensch geworden ist. David und Christiane wollen ihre Ehe auf diesen Gott bauen.
  • Dafür haben sie eine Geschichte ausgewählt, die vor über 3.000 Jahren in Palästina spielt. Sie erzählt von zwei Frauen, Noomi und ihre Schwiegertochter Rut. Noomi ist Jüdin und war mit ihrem Mann und ihren Söhnen wegen einer großen Hungersnot aus Israel ausgewandert. In der Fremde haben ihre Söhne geheiratet, sind aber früh gestorben. Auch Noomi ist schon Witwe und ihre Schwiegertochter Rut ebenfalls. Witwe zu sein bedeutete damals, als - ganz anders als heute? - alles von Männern abhing, für eine Frau die schlimmste soziale Not. Noomi will daher zurückkehren nach Israel, wo sie vielleicht Verwandte findet, die ihr helfen. Ihre Schwiegertochter Rut entscheidet sich mitzukommen. Zwei Frauen in Not stehen einander bei. Die jüngere legt einen Eid ab: "Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich." Sie verspricht die Treue aus echtem Mitleid (englisch: ruth).
  • Als Christiane und David den Text ausgesucht haben, war ihnen nicht ganz klar, dass dieses schöne Versprechen ursprünglich keine Liebeserklärung, sondern ein Treueversprechen zwischen zwei Witwen in Not war. Aber sie haben den Text ausgewählt, weil sie gespürt haben, dass darin etwas steckt, das auch für sie wesentlich ist.
    Denn Noomi hatte ihre Heimat verlassen. Dort, in der Fremde, hat Rut ihren Sohn geheiratet und gut auch an ihr gehandelt. Beide sind sie Witwe geworden. Rut, die Jüngere in dem fremden Land, verspricht nun, der mittellosen Noomi aus Israel treu zu bleiben. Dafür geht Rut sogar mit, als Noomi in ihre Heimat Israel zurückkehrt. Rut wagt den Aufbruch in die Fremde und sagt zu Noomi: "Dein Volk ist mein Volk", und mehr noch "Wo du stirbst, da sterbe auch ich, da will ich begraben sein", - das bedeutet: Deine Vorfahren sollen nun auch meine Vorfahren sein. - Hier wird die Geschichte einer großen Treue vor 3.000 Jahren erzählt.

2. In der Fremde bei Gott daheim

  • Die Geschichte von Noomi und Rut steht in der Bibel, weil sie von Auswanderung und Rückwanderung, von Fremden in der Fremde und Fremden daheim erzählt. Rut ist dabei für alle Zeiten die Frau, die dafür Zeugnis ablegt, dass nicht das Herkunftsland und nicht die Sprache entscheidend ist. "Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott", sagt Rut und schwört es nicht bei irgendeiner beliebigen Gottheit der damaligen Welt, sondern bei dem einen Gott, den die Bibel bezeugt: "JHWH soll mir dies und das antun - nur der Tod wird mich von dir scheiden." Diese Zusage ist einzigartig in der ganzen Bibel (vergleichbar vielleicht nur der Freundschaft von David und Jonathan, 1 Sam 20,13.17).
  • Lieber David, liebe Christiane, es ist gut, dass diese Lesung nicht von einem verliebten Brautpaar handelt. Denn, so schön die Verliebtheit ist, hier geht es um mehr. Die beiden Frauen sind sicher gute Freundinnen. Entscheidend ist aber, dass Rut die mittellose Noomi nicht im Stich lässt, sondern zu ihr steht. Würde Rut zu ihrer eigenen Familie zurückkehren, hätte sie bessere Chancen. Sie schließt sich aber Noomi an, die zu ihrer Familie nach Israel zurückkehrt. Dort ist Rut eine Fremde, ihre Zukunft ist ungewiss. Sie kann auf ihre Pfiffigkeit und ihre eigene Kraft vertrauen. Sie tut dies aber nicht einfach nur für sich, sondern auch für eine andere.
  • Da sie bei ihrem Versprechen den Namen Gottes nennt, hat sie offensichtlich schon gelernt: Der Name dieses Gottes ist JHWH, und das bedeutet: Ich bin da für euch und ich werde da sein. Die Treue ist der Name des einen wahren Gottes. Er ist nicht unnahbar in seiner Ewigkeit, sondern in diesem Volk Israel erfahrbar. Darauf baut Rut, wenn sie ihr eigenes Treueversprechen gibt. Es ist nicht mehr entscheidend, ob wir in diesem Land leben oder in jenem, ob wir diese Sprache sprechen oder jene. Die Treue, in der wir einander Gutes tun (ich vermeide bewusst das Wort 'Liebe'!), ist an jedem Ort möglich. Sie ist auch zu jeder Zeit möglich, in guten und in schlechten Tagen, in Gesundheit und Krankheit, weil diese Treue nicht allein auf sich selbst vertraut, sondern einen Ursprung und eine Richtung hat, die in Gott liegen.

3. Frucht bringen

  • Wenn man die Lesung nicht in der Bibel sucht sondern im Internet, wird man schnell auf eine Version stoßen, die der amerikanische Benediktiner Gregory Norbet für ein Lied verfasst hat und die vielleicht dazu führt, dass der Text zu weich wird: Da findet sich als Schlusssatz: "Wir werden für immer zusammen sein und unsere Liebe wird das Geschenk unseres Lebens sein." Das steht nicht in der Bibel - und ich denke: zum Glück. Eure Liebe ist etwas Wunderbares! Bewahrt und hütet sie mit Achtsamkeit und Sorgfalt. Aber das Geschenk Eures Lebens kann und soll etwas anderes sein als nur das Gefühl der Liebe von zwei Menschen für einander.
  • Das bringt das Evangelium auf den Punkt, das ihr aus Johannes ausgewählt habt: "Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe. Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage." Auch hier wird ja nicht ein verliebtes Pärchen angesprochen, sondern jeder Christ. Die Liebe füreinander baut auf die Liebe, mit der uns Gott in Christus zuerst geliebt hat.
    Die größte Liebe aber ist, das eigene Leben hinzugeben für seine Freunde, wie Jesus es am Kreuz getan hat. Diese Freundschaft aber ist der Auftrag für andere da zu sein. Jesus nennt das die "Frucht" der Liebe, wenn wir nicht nur für uns selbst da sind, sondern für die Menschen, die uns brauchen. Eine Zweierliebe, die sich beschränkt auf sich selbst und nur für einander Geschenk bleibt, ist statisch und unfruchtbar. Jesus aber hat Euch dazu bestimmt "dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt".
  • Ich bin überzeugt, dass Ihr das könnt. Ihr werdet den Weg finden, nicht nur für einander, sondern für andere da zu sein. Die Liebe zu einander hat Euch zusammen geführt. Heute versprecht Ihr Euch öffentlich und vor Gott die Treue. Ihr feiert das Sakrament, in dem Gott, der Euch zusammen geführt hat, Euch zu Zeugen seiner Liebe und Treue macht. Dass wir alle dabei sein können zeigt, dass Ihr Menschen zusammen führt. Wo immer Ihr leben werdet, in diesem Land oder einem anderen, in Australien, Irland, Deutschland oder sonst wo: Ihr habt Gott eingeladen, in dem Haus, das Ihr Euch baut, das Fundament zu sein. Und Ihr werdet dieses Haus öffnen: Für Kinder, die Euch geschenkt werden, für Freunde, die bei Euch willkommen sind und für Menschen, denen Ihr begegnet und die Euch brauchen: Als Menschen, die miteinander den Weg der Treue gehen. Amen.