Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zur Hochzeit - Familie als Kirche

1. "Liebt einander!"

  • "Liebt einander!"Lieber Christian, liebe Corinna, so steht es in beiden Lesungen, die Ihr für heute ausgesucht habt. "Das ist mein Gebot: Liebt einander!", sagt Jesus, und Paulus meint: "Bekleidet euch mit der Liebe!". Besser, treffender, schöner und herzerwärmender kann man doch heute, an Eurem Hochzeitstag, kaum etwas sagen. Möge Eure Liebe in allen Himmelsrichtungen eine aufstrebende Linie sein (Wie es das Logo einer deutschen Bank so schön zum Ausdruck bringt ;-).
  • "Liebt einander!"Das ist nicht nur eine schöne Aufforderung, sondern zudem heute eine ganz und gar überflüssige. Denn das ist es genau, was Ihr ohnehin schon macht; deswegen seid Ihr ja hier. Ginge es daher vielleicht etwas konkreter?
    Liest man den ganzen Brief des Paulus an die Kolosser, so fällt auf, das er bei der Aufzählung der Laster viel ausführlicher ist, als wenn es darum geht zu sagen, was nun Liebe bedeutet. "Güte, Demut, Milde, Geduld" werden da genannt, und dass wir einander vergeben sollen. Das alles ist sehr vage. Dahinter aber steckt die Überzeugung, dass zwar die Lieblosigkeit offenkundig ist: Wenn Menschen einander schaden und benutzen, dann ist das offensichtlich. Die Liebe aber ist ein Geheimnis; da ist nicht aufzählbar, was alles dazu gehört. Sie erweist sich im Leben. Sie beginnt mit dem Entschluss zur Liebe und faltet sich unvorhersehbar aus in den konkreten Situationen. Deswegen steht da nur zusammenfassend über das "Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht": "Liebt einander!"
  • Zudem aber richtet sich weder die Aufforderung Jesu noch die Mahnung des Paulus an ein Pärchen am Tag der Hochzeit. Vielmehr ist ein bunter Haufen von Frauen und Männern angesprochen; Reiche und Arme, Menschen verschiedener Herkunft (Sauerland und Köln!) und verschiedenen Alters sind gemeint. Jesus spricht zur Gemeinschaft seiner Jünger, die mit ihm zusammen gelebt haben, und Paulus schreibt an die Christengemeinde in der Hafenstadt Kolossä. Ganz sicher ist also nicht die zärtliche Verliebtheit gemeint, sondern eine ganz handfeste Grundeinstellung, in der eine spannungsreiche Gemeinschaft von Menschen zusammen leben soll. Wir müssten uns also alle zusammen hier in der Kirche sehen und uns angesprochen fühlen: "Liebt einander!"

2. "Singt Gott in eurem Herzen Psalmen"

  • Eigentlich sagt Jesus: "Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe." Das Gebot, einander zu lieben, ist also keine billige moralische Ermahnung. Auch deswegen können Jesus wie Paulus darauf verzichten, detailliert aufzählen, welches Verhalten mit dieser Liebe denn nun verbunden sei. Vielmehr wollen sie umgekehrt, dass wir entdecken, wie sehr unser Leben von jener Liebe getragen und durchtränkt ist, die Gott uns erwiesen hat.
  • Dies lädt dazu ein, zurück zu schauen und wach zu entdecken, wie viel Gutes und wie viel Liebe wir in unserem Leben empfangen haben. In allem wirkt Gott. Die Familien, in denen Ihr aufgewachsen seid, der Leib, den Gott Euch bereitet hat, die Freunde, die zu Euch stehen, und vieles, das jeder von uns hat, sind Erfahrungen dieser Liebe. Selbst diejenigen, die nicht so viel aufzählen können, werden aufgefordert, das zu sehen, was an Gutem da ist.
  • Und nicht zuletzt gilt für die Gemeinde, an die Paulus schreibt: Die Tatsache, dass sie in ihrer Verschiedenheit und ohne allen Verdienst zu einer Gemeinschaft zusammen geführt wurden, ist ein Wunder, das Gott gewirkt hat. Seine Liebe steht am Anfang, denn "es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt", wie Jesus sein Leben am Kreuz für seine Jünger hingibt. Daher "singt Gott in eurem Herzen Psalmen, Hymnen und Lieder", das macht eine christliche Gemeinde aus, dass sie ihren Anfang nimmt in der Liebe Gottes, für die sie dankt und Lieder singt - und aus diesem Gesang heraus dazu findet, als Gemeinschaft, als Kirche Gottes mitten in der Welt das Zeugnis der Liebe zu geben.

3. "Ihr seid Gottes auserwählte Heilige!"

  • Das Eigentliche heute ist nicht, dass wir dem Brautpaar erklären, sie sollten einander lieben. Da hat der liebe Gott schon mit hinreichenden Mitteln dafür gesorgt. Das Eigentliche heute ist ein anderes: Aus der Verliebtheit von Corina und Christian ist der Entschluss geworden, in treuer Liebe mit einander zu leben. Sie wollen dies nicht irgendwie, sondern in genau der Form, von der Paulus schreibt, dass wir sie "anziehen" sollen wie ein Gewand. Sie bekleiden ihre Liebe mit dem Sakrament der Ehe. Das Versprechen, das sie einander geben werden, haben sie sich nicht selbst ausgesucht und formuliert. Sie sprechen vielmehr die Worte nach, durch die vor Gott in der Kirche ein Bund entsteht, dem Gott selbst seinen Segen gibt.
  • Damit bekennen sie: Bei aller Freiheit der eigenen Entscheidung, glauben wir, dass nicht wir uns erwählt haben, sondern dass Gott uns erwählt hat. Jeden einzelnen von uns hat er in der Taufe angenommen als sein Kind und Glied seines Volkes. Gott ist es auch, der uns zusammen geführt und uns diese besondere Liebe zu einander geschenkt hat. Hier wird das Evangelium konkret. "Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt."
  • Die Ehe und Familie gilt als Keimzelle der Kirche und als Kirche im Kleinen. Corina und Christian ziehen gleichsam in den Tempel ein, den Gott für sie bereitet hat.
    "Ihr seid von Gott geliebt, seid seine auserwählten Heiligen"; dieser Satz gilt heute Euch beiden. Das ist Gottes Geschenk an Euch. Ihr seid Gottes Heiligtum. Er hat Euch erwählt und Ihr sagt Euer 'Ja' dazu.
    Ein Tempel und ein Heiligtum ist immer von Menschen gemacht und Menschenwerk. Und dennoch will Gott darin wohnen, will Gott Euch darin seinen Geist geben, dass ihr einen Ort habt, Lieder des Lobes zu singen. Ein Heiligtum, das nicht für sich steht, sondern ausstrahlt und allen, die Euch sehen und allen, die bei Euch einkehren freudig zuruft: "Liebt einander!" Amen.