Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zur Hochzeit - Fundament der Ehe

1. Auf der Suche nach einem Fundament

  • Ein Fundament soll die Ehe sein. Ein Fundament soll sie haben. So haben Karolin und Dirk mir die Auswahl der Lesungen aus der Bibel erklärt, für die sie sich entschieden haben. Die erste Lesung stammt aus dem Weisheitsbuch "Jesus Sirach" im Alten Testament. Das Evangelium ist ein kurze Abschnitt bei Lukas. Es fügt den Gedanken des Wachstums zum Thema Fundament hinzu.
  • Fragt man einen Architekten nach dem Fundament, wird er von Gründung und viel Beton (gemischt aus vielen Sandkörnern) sprechen. Fragt man einen Juristen nach dem Fundament, wird er wahrscheinlich von der Verfassung und Rechtssicherheit sprechen. Wovon mag ein Paar, kurz bevor sie den Bund vor Gott schließen, sprechen, wenn man sie nach dem Fundament fragt?
  • Den beiden ist bei der Suche in der Bibel nach geeigneten Lesungen für ihre Hochzeit aufgefallen, dass dort kaum je von der partnerschaftlichen Liebe der Eheleute die Rede ist. Das hat einen Grund. Dieses Thema war geschichtlich und ist in anderen Kulturkreisen teilweise noch heute nicht so wichtig, wie für unsere Zeit hier. Die Menschen haben das Fundament für ihr Leben in einer Vielfalt verschiedener Beziehungen erfahren. Die Liebe zwischen Mann und Frau war nur eine davon. Dass das heute anders ist, hat nicht nur Vorteile. Denn durch die gestiegene Bedeutung ist auch die Belastung gestiegen. Bei all der Flexibilität die uns abverlangt wird und den stressigen Anforderungen beruflich und privat, hat die Ehe viel auszuhalten. Die Suche von Karo und Dirk nach einem Text in der Bibel für die Hochzeit hat also letztlich ergeben: Das Fundament finden wir eher, wenn der Blick weiter geht, als nur auf uns zwei zu schauen.

2. Der Wert der Treue

  • Die Beziehung in der Familie wird dann gelingen, wenn unser Leben auch sonst in guten Bahnen ist. Wir können daheim nicht plötzlich andere Menschen sein, als wir es draußen sind. Die Ehe funktioniert nicht als Flucht vor dem Leben, sondern nur als der Bund, es miteinander anzugehen. Wenn zwei so gut zueinander passen, wie Dirk und Karo, dann habe ich den Eindruck, dass Gott der Ansicht ist, dass das eine gute Voraussetzung dafür ist.
    In der Ehe könnt Ihr miteinander finden, wie es möglich ist, dass gute Beziehungen gelingen. Heute schließt Ihr den Bund, durch den klar ist: Ihr wollt zusammen gehen, einander stützen und achten, gerade auch da, wo Ihr - manchmal! - nicht so vollkommen seid.
  • Drei Dinge benennt die Lesung aus dem Buch Jesus Sirach, die nicht tragen: Bestechung, falscher Reichtum und Gewalt.
    • Bestechung ist dort, wo ich andere nicht respektiere, sondern manipuliere. In Eurer Ehe könnt Ihr Euch darauf einlassen, einander anzunehmen. Ihr kennt Euch genug um zu wissen, dass das Manipulieren nicht dauerhaft funktioniert. Ich kann den anderen nicht zu dem machen, was ich will, sondern nur als Geschenk annehmen.
    • Falscher Reichtum ist dort, wo ich mir etwas nehme, was mir nicht zusteht. In Eurer Ehe könnt Ihr Euch einüben, lieber dem anderen Mal das größere Stück Kuchen zu geben. Weil Ihr einander die Treue versprochen habt, wisst Ihr, dass der andere bereit ist, für Euch einzustehen. Darauf lohnt es sich zu vertrauen. Reichtum, sagt Jesus Sirach, reißt den Menschen fort, "wie ein mächtiger Fluss beim Gewitterregen", aber wenn es darauf ankommt, ist der Bach ausgetrocknet.
    • Von der Gewalt schließlich sagt Jesus Sirach, dass sie nicht funktioniert. Wenn ich einen anderen Menschen zu etwas zwinge, wird er sich gegen mich wenden, sobald meine Kraft nachlässt. Deswegen ist die Ehe immer nur möglich als Bund aus freiem Willen und Entschluss.
  • "Liebe aber wird in Ewigkeit nicht ausgetilgt, Barmherzigkeit besteht für immer." Das ist der Satz, auf den die Lesung hinausläuft. Er ist keineswegs naiv und romantisch gemeint. Verliebtheit ist etwas Wunderbares; aber sie kennt Gezeiten, manchmal ist Flut, manchmal ist Ebbe. Die Liebe, die trägt, ist die barmherzige und treue Liebe. Sie ist der Entschluss, die Treue nicht abhängig zu machen davon, ob der andere funktioniert oder mir was bringt. Sie baut nicht auf Berechnung und Kalkulation, wie ein Geschäftsvertrag. Sie baut auf einen Menschen, in den Gott selbst die Ewigkeit gelegt hat.

3. Ein Senfkorn

  • Das klingt manchen vielleicht eine Nummer zu groß. Und doch dürfen wir es wagen. Keiner von uns ist Gott; auch Karo und Dirk müssen einander nicht Gott sein; selbst ihre Liebe zu einander ist nicht der Gott, dem sie vertrauen. Sie ist vielmehr das "Senfkorn", das in den Boden gesenkt wird, damit etwas anderes wird. Jesus benutzt in seinem Gleichnis extra das Bild vom Senfkorn, weil es so unscheinbar ist, und Menschen es aus dem Alltag kennen.
    Eure Liebe ist - in diesem Bild - das Senfkorn. Eure Ehe ist der Entschluss, es zu säen und zu pflanzen.
  • Das Fundament ist also nicht etwas, dass fertig gegossen ist in Beton. Das Fundament ist vielmehr ein Vertrauen darauf, dass die Beziehung, die zwei miteinander leben, ein Teil dessen ist, was Jesus das "Königreich Gottes" nennt, also Gottes erfahrbarer Wirklichkeit unter uns. Die Partnerschaft ist nicht schon alles. Vielmehr beginnt es erst jetzt. Es lohnt sich dranzubleiben, um zu entdecken, was daraus wird.
  • Wir sind heute hier, um dabei zu sein, wenn das Senfkorn für das Reich Gottes gesät wird. Wir sind dabei, Gottes Segen für Euch vom Himmel herabzurufen mit unseren Gebeten und Liedern, dass aus dem Senfkorn ein Baum wird. "Die Vögel des Himmels nisteten in seinen Zweigen", wie es Jesus verheißt. Es werden viele Vögel sein: die kleinen Vöglein, die hoffentlich zu Eurer Familie gehören, aber auch die Freunde, die sich bei Euch zu Hause fühlen, die Menschen, mit denen Ihr im Beruf zusammen seid und die spüren, was Euer Fundament ist, die Bedürftigen, die bei Euch anklopfen - sie alle schauen gespannt aus nach dem Baum, der da nun wächst. Amen.