Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zur Hochzeit - Geborgenheit zum Tun

1. Sehnsucht, die trägt

  • Kein Selig denen, die einen lieben Menschen gefunden haben, der mit durchs Leben geht. Kein Selig denen, die eine Familie haben, die sie stützt. Kein Selig denen, die gesund, im Beruf erfolgreich und bei ihren Freunden beliebt. Damit das Leben nicht fade und ohne Salz, nicht dunkel und ohne Licht bleibt, braucht es etwas anderes.
  • S. und D. haben sich sehr bewusst und sorgfältig aus der Bibel die Lesungen zu ihrem Hochzeitsgottesdienst ausgesucht. Sie lieben einander und sind glücklich miteinander, sie hoffen auf eine gemeinsame Familie, die in Wohlstand wachsen kann. Ich bin mir sicher, auch ihre Freunde und Verwandten wünschen es ihnen von Herzen. Aber beide, S. und D., haben mir ganz deutlich gemacht, dass das alleine ihnen nicht genug ist. Sie wollen Menschen sein, hungernd und dürstend nach Gerechtigkeit und Frieden. Sie wollen ihr Glück und ihre Interessen nicht um jeden Preis und nicht mit Gewalt durchsetzen. Sie wollen lieber arm sein vor Gott, als reich vor den Menschen.
  • Nicht weil sie das alles schon leben würden, sondern weil sie eine Sehnsucht danach im Herzen tragen, haben sie die Seligpreisungen als Evangelium für Ihre Hochzeit ausgesucht. Hier strahlt etwas von dem faszinierenden Vertrauen auf, das Menschen haben können, wenn sie Geborgenheit erfahren. Hier wird etwas von der Großzügigkeit sichtbar, die Menschen auszeichnen kann, wenn sie keine Angst mehr haben, zu kurz zu kommen. Darin atmet etwas von der Ehe und Familie, die S. und D. sich vornehmen.

2. Vertrauen vor Gottes Angesicht

  • Die beiden haben sich neben dem Evangelium eine Lesung aus dem Hebräerbrief ausgesucht, weil es darin ganz praktisch wird: Wie wollen wir leben? Welche Werte sind uns wichtig? Und fast nebenbei, in den Nebensätzen, zeigt dieser Text aus der Bibel, wie das möglich ist, danach zu leben und das zu verwirklichen. "Gott hat versprochen: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht." Gastfreundschaft üben, Mitgefühl haben mit den Misshandelten, von Habgier frei zu sein, das sind gute Werte. Doch die wichtigste Hilfe, um nach diesen Werten dann auch wirklich zu leben, ist die Erfahrung getragen zu sein.
  • Wer im Leben dauernd darum kämpfen muss, nicht runter zu fallen, dem bleibt wenig Luft an andere zu denken. Die Erfahrung des Glaubens hingegen ist, mehr frei zu werden von der Sorge um sich selbst, mehr frei zu werden von der Sorge, andere Menschen könnten mich ausnutzen, mehr frei zu werden von der Sorge zu kurz zu kommen. "Der Herr ist mein Helfer ich fürchte mich nicht; was können Menschen mir antun?"
    Diese Freiheit nach jenen Werten zu leben, die ich für richtig halte, wird für Christen in der Person Jesus Christus sichtbar. An die Auferstehung des Gekreuzigten von den Toten zu glauben bedeutet für mich, zu sehen das selbst in solch einer Situation Vertrauen stärker sein kann als Angst.
    D. und S. sind keine Superhelden des Glaubens. Aber sie wollen ihrer Ehe ein Programm geben. Der Tag heute soll eine wunderbare Feier sein, aber eben auch mehr. Er soll Bedeutung haben für ihr Leben, über ein paar Erinnerungsfotos hinaus.
  • In dem kurzen Text aus dem Hebräerbrief geht es auch um die Ehe. Es heißt dort die Ehe soll "von allen in Ehren gehalten werden". Der folgende Satz wird bei Lesungen in Hochzeitsgottesdiensten gerne weggelassen. "Unzüchtige und Ehebrecher wird Gott richten!" Ich denke, es wäre schade das auszublenden. Denn dieser Satz sagt in wenigen Worten sehr viel darüber, was die Größe und Würde der Ehe bedeutet: Dass ein Mensch in dieser Partnerschaft von einem anderen angenommen ist, so wie er ist. Ehebruch dagegen ist zumeist von der uneingestandenen Angst gesteuert, ich könnte nicht mehr attraktiv genug sein, um von anderen begehrt zu werden; er ist nie ein Zeichen von Stärke sondern immer von Schwäche. Und Würde hat das auch ganz bestimmt nicht, weil immer andere Menschen benutzt werden.
    Deswegen ist auch die Vorstellung falsch, "Gott richtet", meine, da sitze ein lustfeindlicher Buchhalter im Himmel und fälle willkürliche Urteile. Vielmehr spricht sich der Mensch selbst das Gericht im Angesicht Gottes, wenn er meint, er müsse erst Ehe brechen, um an sich zu beweisen, dass er noch etwas Wert ist. Vor dem Angesicht Gottes, im Angesicht der Treue Gottes fällt das richtende Urteil über solches Verhalten.
    Dabei kann das Angesicht Gottes statt ein Gericht zu sein so viel Segen bedeuten, wie heute wieder sichtbar werden wird. Durch ihr Ja-Wort ohne wenn und aber, schenken Sie beide sich heute die Gewissheit dass Sie angenommen und getragen sind, ganz so wie Sie sind.

3. Ein Haus des Vertrauens bauen

  • Wir feiern diese Hochzeit als Sakrament, das S. und D. einander spenden. Sakrament bedeutet, dass in unserer menschlichen Wirklichkeit Gottes Wirklichkeit erfahrbar wird. Konkret möchte Gott zwei Menschen, die er in Liebe zusammengeführt hat, zu der Gemeinschaft führen, in der beide erfahren können, was es bedeutet: "Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht!"
  • Wir Menschen sind endlich und haben unsere Grenze. Die letzte Grenze ist immer der Tod; es gibt auch bei einer Hochzeit keinen Grund, das zu verschweigen. Aber innerhalb der Zeit, die uns geschenkt ist, strahlt die Würde des Menschen dort auf, wo sie einander lieben und achten. Auch als gebrechliche Menschen können zwei zusammen ein Haus bauen, in dem sie einander und denen, die zu ihnen kommen die Erfahrung schenkt, hier geborgen zu sein. Auch als Menschen, die auch an einander ihrer wieder einmal schuldig werden, können Sie beide, S. und D., hier in der Kirche ein Sakrament spenden, durch das im heiligen Zeichen Gott selbst unter uns aufscheint.
  • Sie beide helfen uns allen etwas mehr, im Vertrauen auf Gott zu wachsen und engagiert in das Leben zu gehen. Das ist die große Fête heute wert. Amen.