Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zur Hochzeit - Glaube befreit zur Liebe

1. Erfahrung macht dumm

  • Die Älteren dürften anderer Meinung sein, die Eltern zumal. Dennoch gilt: Erfahrung macht dumm. Denn wer viel Lebenserfahrung hat, verfällt leicht der Meinung, er wüsste viel - und lernt nicht mehr viel dazu. Erfahrung macht eben dumm.
  • Nicht nur die Zeiten ändern sich, auch sind die Menschen höchst verschieden, auch Eltern und ihre Kinder. Deswegen gehört für Jesus sogar das Verlassen von Vater und Mutter zur Beschreibung dessen, was die Ehe ausmacht.
  • Julia und René stehen heute hier, um gemeinsam etwas Neues zu beginnen. Dem Vater der Braut war noch das kurze Vergnügen gegönnt, seine Tochter zum Altar zu führen; wenigstens für einen Augenblick sollte er in dem Wahn verweilen dürfen, er hätte hier noch etwas zu sagen gehabt.
    Tatsächlich aber waren es die beiden jungen Leute selbst, die entschieden haben, dass Gott sie für einander bestimmt hat und sie deswegen voll Freude und Vertrauen vor den Altar treten dürfen, um einander die Treue zu versprechen in guten und in schlechten Tagen in Gesundheit und Krankheit bis dass der Tod sie scheide.

2. Glauben macht frei

  • So spricht niemand der sich nur auf skeptische Erfahrungen andere beruft. So spricht vielmehr jemand, der ganz auf das Vertrauen setzt das Gott ihm schenkt. Das Ja-Wort, das René und Julia einander geben wollen beruht zugleich auf dem Vertrauen, das sie in sich selbst, das sie in den Partner und das sie in Gott haben. Macht euch keine Sorgen! Dieser großartige Satz aus dem Evangelium steht über dem, was wir heute feiern.
  • Denn Glauben bedeutet sich aufzumachen und neugierig zu sein. Keiner von uns mit sich fertig. Für René und Julia gilt das genauso. Auch miteinander sind sie nicht bereits irgendwie "fertig", so als hätten sie alles schon einmal ausprobiert, alles ausgetestet, alles auf die Probe gestellt, oder als wäre alles vorgegeben, alles festgelegt, alles schon entschieden. Vielmehr ist und bleibt das Leben eine Baustelle; wer anderes meint, hat zu viele Erfahrungen gemacht und ist blind für neue Erfahrungen.
  • Das ist im tiefsten und besten Sinne christlicher Glauben. Dieser Glaube schaut ja auf die in der Bibel überlieferte Erfahrung von Menschen, die sich im Vertrauen auf Gott auf den Weg gemacht haben. Das steht nicht deswegen in der Bibel, weil wir die Erfahrung dieser Menschen nun als eigene ausgeben sollten. Vielmehr geht es darum, im Blick auf die, die vor uns und mit uns glauben, selbst Erfahrungen zu mache. "Sorgt euch nicht", ist die Aufforderung die Jesus mitgibt, weil er selbst erfahren hat, dass Gott der Vater ist, der uns auf dem Lebensweg begleitet. Glauben bedeutet immer und zuerst, auf diesen Gott zu vertrauen. Deswegen hat der Glaube Sehnsucht danach, diesen Gott mehr und mehr kennen zu lernen. Deswegen drückt sich der Glaube in der gemeinsamen Feier des Gottesdienstes aus, weil wir in ihm unser Herz verankern können, um frei zu werden, das zu suchen, was Gott in dieser Welt für uns bereit hält.

3. Liebe macht stark

  • Es gibt etwas, das Julia und René zu solch einem vertrauenden Glauben hilft. Das ist die Liebe, die sie erfahren. Da war die Liebe, die sie von ihren Eltern erfahren haben, von Geschwistern und Freunden. Jeder von uns weiß um die Brüchigkeit auch solcher Liebe, aber gerade durch die Zerbrechlichkeit hindurch vertrauen wir. Da ist nun aber vor allem die Liebe, die Gott jedem der beiden für den anderen ins Herz gelegt hat.
  • Durch das unbedingte Versprechen, das die beiden einander heute geben, verwandeln sie ihre Liebe in verlässliche Treue. Die Zusage gilt.
    Die Liebe muss nicht immer neu erworben werden. Gerade wo Ihr durch Krisen geht und dunkle Zeiten Euch nicht erspart bleiben, könnt Ihr die großartige Erfahrung machen, was treue und geduldige Liebe bedeutet, die den anderen nicht fallen lässt. Das macht stark, es immer neu mit einander zu wagen.
  • So ist denn diese Hochzeit heute ein Sakrament, ein Heiliges Zeichen, das wirksam ist in Eurem Leben. Es ist ein Sakrament, weil durch Eure Liebe Gott seine Liebe zu Euch ausdrückt. Es ist ein Sakrament, weil durch Eure Ehe für uns alle sichtbar wird, dass es geht und das es sich lohnt, nicht stehen zu bleiben bei dem, was immer schon war, sondern mutig weiter zu gehen mit Gott, so wie Ihr es uns heute vormacht. Amen.