Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zur Hochzeit - Gottes Vorwissen und Geduld

1. Freiheit und Gnade

  • Wenn Theologen nicht genug zu tun haben, diskutieren sie schwierige Fragen. Für Jahrhunderte haben sie diskutiert, wie sich die Allmacht, Allwissenheit und Gnade Gottes mit der Freiheit des Menschen in Einklang bringen lässt. Denn, so lautet die Frage, wenn Gott allmächtig und allwissend sei, dann weiß er schon im voraus, wie sich ein Mensch entscheidet, und wie kann man dann noch von der Freiheit des Menschen sprechen? Wenn es ohne Gnade nicht geht, wo bleibt die Freiheit?
    Zweifellos eine gewichtige Frage. Die einen haben dann mehr auf die Souveränität Gottes Wert gelegt (die Dominikaner zumal, die Protestanten ohnehin); die anderen haben mehr die Freiheit des Menschen in den Vordergrund gestellt (hier, wo es nur um Theorie ging, waren das vor allem die Jesuiten). Aber es bleibt doch eine sehr theoretische Diskussion.
  • Daher stelle ich lieber die viel näher liegende Frage: Wusste Gott heute vor 24 Jahren (auf einen Tag genau), dass wir am 8. März 2014 hier diese Hochzeit feiern würden? Und sollte Gott das gewusst haben - waren Irenea und Ewald frei in ihrer Entscheidung, als sie jetzt beschlossen haben, kirchlich zu heiraten?
    Die konkrete Frage macht das Problem nicht einfacher, denn wenn Gott das nicht von Anfang an klar war, dass diese beiden kirchlich heiraten würden, dann könnte es mit seiner Allwissenheit nicht weit her sein. Irgendwie hat das, glaube ich, jeder gewusst.
    Andererseits: Ich habe doch den Eindruck, dass die beiden sich in aller Freiheit und vor allem auch in aller Ruhe entschieden haben, die 24 gemeinsamen Jahre zusammen mit ihren drei Töchtern im Sakrament der Ehe zu .... da sucht man ein wenig nach dem geeigneten Verb .... zu heiligen, zu ratifizieren, zu bestätigen, auf jeden Fall das zu vollziehen, was beiden ganz ohne Zweifel wichtig ist: Ihre ganze Ehe, von Anfang an, mit Gott zu leben, auch wenn die Reihenfolge nicht ganz klassisch und nach Lehrbuch (Standesamt, Kirche, Kinderkriegen) ist.
  • Im Streit um die Gnade Gottes und die Freiheit des Menschen haben vor 300 Jahren die Jesuiten eine Erklärung versucht und gesagt: Gott zwingt den Menschen nicht mit seiner Gnade, aber er macht den Menschen ein ziemlich gutes Angebot - und hilft uns dabei, wenn wir auf das Angebot eingehen wollen. Diese fein durchdachte Theorie scheint mir heute auf das Wunderbarste bestätigt: Denn, lieber Herr Gebhardt, wer wollte bestreiten, dass Gott Ihnen mit Ihrer Irenea ein großartiges Angebot gemacht und Ihnen in all den Jahren beiden geholfen hat, diese Gnade anzunehmen und zu leben.

2. Pragmatisch und Fromm

  • Auch wenn die kirchliche Hochzeit fast schon Silberhochzeit vom Standesamt ist, so wollten wir doch heute das feiern und machen, was eine kirchliche Hochzeit ausmacht. Dass das Brautpaar von den eigenen Töchtern statt von ihren Eltern an den Altar geführt wurde, lassen wir als Variante durchgehen. Klassisch hingegen sind die drei Lesungen, die sich das Brautpaar für diesen Gottesdienst gewünscht hat.
  • Da ist eine erstaunlich nüchterne und pragmatische Betrachtung aus dem Buch Kohelet im Alten Testament der Bibel. Da heißt es: Kein Stress! Vor allem nicht sich allein abrackern, wenn es zu zweit viel leichter geht. Zu dritt, viert und fünft, sind die Kinder erst mal groß, sogar viel, viel leichter!
    Dann aber kam eben das glatte Gegenteil: Eine ganz fromme Lesung aus dem Neuen Testament in der Bibel, aus dem Ersten Johannesbrief: Die Liebe beginnt damit, dass Gott uns begegnet - uns seine Gnade schenkt - indem er Mensch geworden ist in Jesus Christus. Gott zu schauen setzt voraus, dass wir als Schwestern und Brüder in der Kirche einander mit respektvoller Liebe begegnen. Darin besteht die Liebe, dass Gott "uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat".
  • Die beiden Texte mögen ganz unterschiedlich sein. aber sie passen zusammen. Vor allem erlebe ich so Irenea und Ewald: pragmatisch und fromm. Das ist kein Widerspruch, sondern gut katholisch.

3. Im Vertrauen auf Gott

  • Das Evangelium, der dritte Text den wir aus der Bibel gehört haben, zeigt wie das zusammen passt. "Sorgt euch nicht um euer Leben .... Seht auf die Raben: Sie säen nicht und ernten nicht, sie haben keinen Speicher und keine Scheune. Und Gott ernährt sie doch". Hier ist die Nüchternheit im Praktischen die direkte Frucht des Vertrauens in Gott.
  • Ich kann mir nicht vorstellen, dass es damals nicht doch die einen oder anderen Verwandten aus Oberfranken oder den Philippinen gegeben hat, die nicht versucht haben, dem jungen Paar einen Dämpfer aufzusetzen und zu erklären, wie kompliziert das Leben sei und was man alles bedenken müsse, zumal wenn Menschen aus zwei so verschiedenen Kulturen zusammen kommen. Auch wenn die Mehrheit in den Familien die beiden unterstützt hat, mag es auch solche Bedenkenträger gegeben haben, die sich als Sachwalter des nüchternen Verstandes gesehen haben.
    Für mich ist es ganz im Gegenteil Zeichen eines nüchternen Verstandes und einer pragmatischen Haltung, wenn man sich nicht kirre machen lässt von den Bedenkenträgern. Statt dessen haben Ewald und Irenea sehr viel Gottvertrauen gezeigt und ihr Leben darin, wie ich finde, großartig gemeistert. Die kirchliche Hochzeit mag normaler Weise der Tortenboden sein; heute ist er das Sahnehäubchen auf einer Gemeinschaft des Vertrauens in Gott.
  • Das soll Gott vor 24 Jahre nicht gewusst haben? Dann würde er seine Irenea und seinen Ewald aber nicht gut kennen. Nein, Gott kennt uns besser, als wir uns selbst kennen, und hat deswegen viel Vertrauen und Geduld. Mögen sich Menschen göttliche Allmacht so vorstellen, als würde Gott allen seinen Willen aufzwingen. Statt dessen sieht Gott ganz gut, dass aus dem Anfang, der vor 25 Jahren gemacht wurde, eine großartige Familie werden konnte. Dann musste er nur noch warten, bis die Zeit da war, dass die beiden gesagt haben: Und jetzt feiern wir das Sakrament der Ehe, damit alle Menschen sehen, wie viel Gnade Gott uns schenkt! Amen.