Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zur Hochzeit - Hartnäckige Liebe Gottes

7. Juni 2014 - Kleiner Michel (St. Ansgar), Hamburg

1. Gleichnisse verstehen

  • Gleichnisse versteht nur, wer sie lebt. Deswegen spricht Jesus in Gleichnissen. Er hat keine fertige Theorie abzuliefern, sondern hilft, dass wir das, was wir kennen und leben, neu verstehen - und sich dabei eine überraschend neue, größere Wirklichkeit auftut.
  • Das Brautpaar hat lange zusammen gesessen, um die Bibeltexte für ihren Hochzeitsgottesdienst auszusuchen. Beim Evangelium haben sie sich schlussendlich für das Gleichnis vom Sämann entschieden. Zugleich bringen sie es uns in der Langfassung, mit einer Deutung gleich inklusive. Aber das ist natürlich die eine Deutung, die für die Jünger in der bestimmten Situation damals den Sinn des Gleichnisses erschlossen hat. Aber, wie gesagt, Jesus will, dass sich der Sinn jedes Mal beim Hören erschließt, sonst würden wir doch nur "sehen und doch nicht sehen, hören und doch nicht verstehen".
  • Bei Julia und Stefan jedenfalls hat etwas geklingelt, als sie das Gleichnis gelesen haben von dem Bauern, der mit der Saat auf das Feld geht um zu säen und bei dem es lange so aussieht, als käme nichts dabei raus: " auf den Weg ... und die Vögel fraßen sie.... auf Felsen ... und dann verdorrte sie ... mitten in die Dornen... und die Dornen erstickten die Saat".
    Ich kann mir vorstellen, dass in einem Leben von gerade dreißig oder bald dreißig Jahren Erfahrungen da sind, die diese Bilder anklingen lassen. Erfahrungen von Versuchen und Scheitern, Erfahrungen von Hoffnungen und Enttäuschungen.
    Aber das Gleichnis belässt es ja nicht dabei, sondern hat die Pointe in jenem vielleicht kleinen, vielleicht unerwarteten Teil der Saat, der dann doch auf fruchtbaren Boden fällt: "... und er ging auf und brachte hundertfach Frucht".

2. Hartnäckigkeit der Liebe Gottes

  • Jesus bietet auch eine Deutung des Gleichnisses. Er sagt: "Der Samen ist das Wort Gottes". Die dann folgende Deutung klingt erst einmal anstrengend, moralisch und etwas platt. Er schildert Lebenssituationen, in denen Menschen das Wort Gottes hören und es geht ihnen zum einen Ohr rein und - früher oder später - zum anderen wieder heraus. Und dann gibt es noch die, "die das Wort mit gutem und aufrichtigem Herzen hören", und bei denen bringt es Frucht. Lauscht, hieße die platte Version, den Mahnungen der Bibel "mit gutem und aufrichtigem Herzen" und alles wird gut!
  • Aber vielleicht ist es ja doch nicht so platt. Jesus spricht ja nicht von irgendwelchen Texten, wenn er "Wort Gottes" sagt. Das erste und ursprüngliche Wort Gottes ist keine Aneinanderreihung von Texten, gar belehrender Art.
    Christen bezeugen vielmehr: In Jesus selbst 'spricht sich Gott aus'. Das, was Gott uns sagen möchte, sagt er durch den lebendigen Menschen, das menschgewordene Wort, durch Jesus und damit durch jede Faser seines Lebens, seiner Liebe, seiner Hingabe, seiner Bereitschaft den Tod auf sich zu nehmen, um ihm die Kraft zu nehmen. Das "Wort Gottes" ist also primär nicht eine grammatische Erscheinung, die ich höre, sondern lebendige Begegnung, von Mensch zu Mensch, von Gott im Menschen Jesus Christus zu einem jeden Menschen.
  • Dann klingt das Gleichnis gerade in der Deutung Jesu ganz anders: Es erzählt die dramatische Geschichte von der Sehnsucht Gottes nach der Begegnung mit dem Menschen, es erzählt von dem immer neuen Scheitern dieser Sehnsucht, von den Enttäuschungen, von den Ansätzen, die sich gut anlassen und dann doch "in den Sorgen, dem Reichtum" ersticken, die sich wichtiger machen als alle Beziehung. Das Gleichnis erzählt dann von der Hartnäckigkeit der Liebe Gottes, der nicht aufhört in immer neuen Anläufen den guten Samen zu säen, die Begegnung mit dem Menschen zu suchen, in dem Vertrauen, dass es den einen Augenblick gibt, in dem wir uns nicht in uns selbst vergraben und verstecken, sondern Gott uns "mit gutem und aufrichtigem Herzen" antrifft und es zu einer echten Begegnung kommt. Es sind dies die Augenblicke, in denen uns die ganze Wucht der Liebe Gottes aufgeht, die so ganz anders ist, als alle kleinlichen Vorstellungen von Gott, die wir sonst mit uns rumtragen. In diesem Augenblick Fällt Gottes Liebeswerben um uns "auf guten Boden, geht auf und bringt hundertfach Frucht".

3. Hundertfache Frucht

  • Reichtum ist denn auch das Stichwort, das das Evangelium mit der ersten Lesung aus dem Buch Kohelet und mit dem Brautpaar verbindet. Damit ist ausdrücklich nicht jener Reichtum gemeint, der sich auf dem Gehaltskonto niederschlägt - obwohl man bei dem Beruf der beiden daran denken könnte. Aber sie wollten ganz ausdrücklich die Lesung aus Kohelet dabei haben: Dass aller Reichtum nichts wert ist, wenn es keinen Menschen gibt, der an ihrer Seite ist.
  • Die "hundertfache Frucht" aus dem Evangelium ist daher der Reichtum des Herzens. Die Liebe zu einander, mit der sich die beiden auf den Weg machen und heute den Bund der Ehe schließen, entspricht das "mit gute und aufrichtige Herz" aus dem Gleichnis Jesu. Diese Liebe der beiden ist noch nicht selbst die Erfüllung, sondern sucht ganz im Gegenteil die Fülle, indem die Ehe sie öffnen soll für die "hundertfache Frucht". Die Hundert ist dabei erkennbar nicht die Zahl der Kinder (und auch nicht inklusive Enkel).
  • Es geht darum, dass sie offen sein wollen für die Kinder, die sie von Gottes Güte erhoffen. Aber so wie die Taufe, die beide empfangen haben, das Sakrament ist, durch das Gott sie beruft für andere da zu sein, so soll nun die Ehe das Sakrament sein, das dieser Berufung einen Ort und eine Gestalt gibt: Hundertfache Frucht in Liebe für einander, in Gastfreundschaft, in einem aufmerksamen Herz für ihre Freunde aber auch für den Nächsten, dem sie begegnen - und auch, ja auch für ihre Kinder und Enkel! "Hundertfache Frucht".