Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zur Hochzeit - Liebe ist immer konkret

Trauspruch: Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Rut 1,16

1. Konkrete Wege

  • Das Zitat aus dem Buch Rut im Alten Testament hat sich das Brautpaar nicht für die Schlussszene eines Films, sondern für den gemeinsamen Beginn einer Ehe ausgesucht. Sie wollen diese im Zeichen ihrer Taufe als christliches Sakrament leben, Zeichen der Gegenwart Gottes in ihrem Leben.
  • Gemessen daran klingt der Trauspruch eigentlich harmlos. "Wo du hingehst, da will ich auch hingehen". So etwas sagen Verliebte zu einander.
    Weil Sie beide verliebt sind, wollen Sie das Leben mit einander teilen. Sie haben sich entschieden, dass es nicht nur um Verliebtheit gehen soll, das wankelmütige Wirken der Hormone. Vielmehr wollen Sie sich heute einander treue Liebe versprechen, über das Auf und Ab der Gefühle hinaus. Sie wollen das Abenteuer unternehmen, das Leben miteinander zu gehen
    .
  • Doch das Leben ist immer konkret. An diesem Ort und zu dieser Zeit, mit allen Freuden und allen Sorgen, mit dem, was ich an dir liebe, aber auch mit dem, was mir an dir eher auf den Wecker geht - und nicht zuletzt mit dem, was mir an mir selbst auf den Wecker geht. "Wohin du gehst", sind Wege, die die beiden zusammen planen können, aber es wird auch Wege geben, die dieser Familie von außen auferlegt werden. Auch die gilt es zu gehen.

2. Sakrament aus Erfahrung

  • Das es so konkret wird, ist was mir am Glauben wichtig ist. "Wohin du gehst...". Zu allen Zeiten haben Christen die Erfahrung gemacht, dass eben dies von Gott gilt. Er ist der Gott, der ganz konkret Wege mitgeht, sogar dort, wo Menschen ihn verraten und vergessen; selbst da, wo sie ihn ans Kreuz schlagen.
  • Es ist die Erfahrung, die mir niemand einreden, aber auch niemand ausreden kann. Die Erfahrung der Nähe Gottes. Nach meinem Eindruck ist es bei F. und J. zu einem guten Teil Vertrauen in die Tradition, in der sie in ihren Familien und kirchlichen Gemeinden aufwachsen durften, was sie vertrauen lässt, dass Gott auch mit ihnen Wege geht. Es gibt aber vielleicht auch eigene Erfahrung dieses Gottes, der ihnen nahe ist und mit ihnen geht, "wohin du gehst". Vielleicht werden sie auch ganz anders Gott erfahren, fragend, zweifelnd, suchend, wenn sich Gott als der ganz Andere offenbart. Auf jeden Fall wollen F. und J. ihr Vertrauen heute zum Heiligen Zeichen werden lassen, zum Sakrament der Ehe, das sie einander spenden.
  • Finn werden Sie nur das Vertrauen in Gott weiter geben können, das auf eigener Erfahrung aufbaut. Sie haben zwar Traditionsnamen ihrer beider Familien Finn als weitere Vornamen mitgegeben. Diese Tradition ist wertvoll. Doch das Zeichen des vertrauenden Glaubens an Gott, ihr persönliches Sakrament der Ehe, werden Sie letztlich nur aus eigener gelebter Erfahrung als Zeugnis gelebten Vertrauens weiter geben können.
    Glauben wie Liebe ist immer konkret. Global die ganze Menschheit zu lieben ist letztlich billig. Konkrete Wege zu gehen, bedarf des ganzen Menschen, der etwas wagt: "Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott." Diesen Trauspruch haben sich F. und J. ausgesucht, weil darin etwas mitschwingt von der Sehnsucht loslassen zu können und mit dem anderen neue Wege zu gehen.

3. Liebe

  • Die Lesung hingegen haben sich die beiden nicht selbst ausgesucht. Sie wurde ihnen von Pastor Knauer anempfohlen. Sie ist ein Hochzeits-Klassiker. Es lohnt sich, diese Sätze aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth immer wieder mit neuen Ohren zu hören. Was bedeutet dieses Hohe Lied der Liebe, wenn zwei zusammen im Vertrauen auf Gott das Sakrament der Ehe feiern? 'Liebe zu einander' haben J. und F. zweifelsfrei. Doch heute geht es um das Fundament, darauf ein Leben zu bauen.
    • Paulus schreibt: "Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe." Es sind alle drei, das Vertrauen in Gott, das Ausschauen nach der von ihm geschenkten Zukunft, und die Liebe, die ja mehr meint als ein Gefühl: Liebe ist der grundlegende Respekt vor dem anderen, die tiefe Anerkennung, dass es gut ist, dass es den anderen gibt. In der Liebe werden Glauben und Hoffnung konkret im Leben. Das gibt ihr den Vorrang im Dreiklang mit Glaube und Hoffnung.
    • Allerdings: Es gibt ja auch eine Art Liebe, der es letztlich nur um das eigene Gefühl und Wohlergehen geht. Wenn der emotionale Nutzen einer Beziehung abfällt, ist solche 'Liebe' am Ende. Paulus billigt es Kindern zu, so nur an sich selbst zu denken. "Als ich aber erwachsen wurde, legte ich ab, was Kind an mir war." Sich wie im Spiegel immer nur selbst zu sehen, übernimmt keine Verantwortung. Doch das Ganze gerät in den Blick, wenn ich erfahre, dass auch ich als ganzer Mensch, mit meiner ganzen Lebensgeschichte von Gott mit liebendem Respekt angeschaut werde: "so wie auch ich durch und durch erkannt worden bin."
    • Die Liebe "erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand". Gemeint ist hier nicht, dass Liebe so blöd ist alles zu glauben und zu ertragen; das machen Menschen nur so lange die Hormone verrückt spielen. Die respektvolle Liebe ist in allem konkret: Sie erträgt nicht einfach alles, aber sie will in allem, was kommt und was zu ertragen ist, festhalten an dem grundlegenden Respekt für den anderen. Im Ertragen, im Glauben, im Hoffen, im Standhalten - da bewährt sich die Liebe.
  • F. und J., Sie haben mir vor drei Tagen erzählt, was der Glaube - und damit eine kirchliche Hochzeit - für Sie beide bedeutet. Sie haben darüber gesprochen, dass sie gute Erfahrungen in ihrer Kindheit, in ihren Familien und Gemeinden gemacht haben. Halten Sie diese Erfahrungen dankbar fest. Es ist ein großes Geschenk. Doch Liebe und Glauben sind mehr als nützliche emotionale Versatzstücke; sie sind das Wagnis Gott zu vertrauen und Gott zu lieben, dort wo es konkret wird.
    Ich zeige Ihnen - so sagt das Paulus - "noch einen anderen Weg, einen, der alles übersteigt". Wenn Sie nur ein Gefühl von Liebe für einander hätten, aber daraus nicht konkrete Erkenntnis, konkrete Glaubenskraft, konkret gelebter Respekt würde für einander, für ihr Kind und für den Armen, der an Ihre Tür klopft- ihre Liebe wäre abgehoben wie schluchzende Geigen über einer kitschigen Filmszene. Wenn Sie nur die Erinnerung an Traditionen haben, hätten aber nicht die Sehnsucht der Liebe nach Gott, dann wäre es nicht mehr als eine bald verglimmende Glut.
  • Doch mit dem, was Sie heute tun, setzen Sie das heilige Zeichen einer konkret gelebten Liebe und haben den Mut, sich auf Gott einzulassen, der mit Ihnen auf dem Weg ist. Ich wünsche Ihnen, Ihrer jungen Familie, dass das Leben zur Entdeckung wird, dass gelebte Treue und Liebe im Vertrauen auf ihren Gott das Schönste ist, was Ihnen passieren kann. Amen.