Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zur Hochzeit - Maritime Gefühle

1. Die Gefühle

  • Bei einer Hochzeit geht es um Gefühle. Natürlich, zumal in einer Stadt, die so sehr am Wasser gebaut ist wie Hamburg. Gefühle sind heute also sehr in Ordnung. Sie gehören dazu.
  • Ich vermute aber, dass K. und F.  nicht aufgepasst haben. - Sie haben die beiden Lesungen aus der Bibel ausgewählt, die wir gehört haben. Bei der ersten, aus dem Brief von Paulus an die Christen in der Stadt Kolossae, haben sie noch alles richtig gemacht: Wir sind von Gott geliebt und sollen daher auch einander in Liebe begegnen und dürfen von Gottes Geist erfüllt Lieder der Dankbarkeit singen. Das sind die richtigen Gefühle für heute. So etwas dürfen wir von der Bibel für heute zu recht erwarten.
  • Dann aber, bei der Auswahl des Evangeliums ist Euch ein Schnitzer passiert. Da war der Blick zu sehr auf das Bild des Bootes fixiert, die Erfahrung dass wir im Leben unterwegs sind - und mit einander unterwegs. Dieses Bild wurde in der Kirche in allen Jahrhunderten gerne genommen, um zu beschreiben worum es geht, wenn wir mit einander Kirche sind: Zusammen unterwegs, in einem Boot, in dem auch Gott gegenwärtig ist. Ja, die Kirche ist zudem immer Kirche des Himmels und der Erde, die Kirche derer, mit denen wir heute uns in den vielen Kulturen auf allen Kontinenten die Zeit teilen, aber auch immer zusammen mit denen, die vor uns gelebt und geglaubt haben. Auch sie sind mit Gott und vom Himmel her mit uns unterwegs im Boot. So weit, so gut.
    Aber als am Ende des Evangeliums von Emotionen die Rede ist, sind es zwei Gefühle, die so wirklich gar nicht zur Hochzeit zu passen scheinen: Angst und Furcht. Jesus fragt seine Freunde "Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?" Und dann heißt es, weil sich auf das Wort Jesu hin der Sturm legt: "Da ergriff sie große Furcht". - Einmal nicht aufgepasst bei der Auswahl des Textes aus der Bibel, und schon hat man bei seiner Hochzeit das Thema Angst und Furcht.

2. Im Boot

  • Und es geht dennoch um Liebe. Die Erlebnisse der Gruppe mit Jesus im Boot zeigt letztlich diesen tiefen Zusammenhang. Das Wort, das da im griechischen Original des Markusevangeliums steht, ist "deilós" und bedeutet "Angst haben" und "verzagt sein". Es ist also jenes Beklemmende, tief Sitzende, das wir manchmal gar nicht wahrnehmen, das uns aber zurückhält, den Schritt zu tun, der über das Gewohnte und Abgesicherte hinaus führt.
  • Nun scheinen mir weder K. und F. von grundverzagtem Naturell zu sein. Aber vielleicht wissen sie genau deswegen und in den Augenblicken, in denen das Leben richtig Freude macht, wie viel sie der bergenden Liebe verdanken, die sie vor Verzagtheit bewahrt. Wenn Jesus fragt: "Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?", dann spricht er genau diese Erfahrung an, dass das Vertrauen die Grundlage dafür ist, den Schritt hinaus zu wagen, vom sicher geglaubten Ufer aufzubrechen, Nebel nicht zu scheuen und auch nicht den "heftigen Wirbelsturm", einen dieser tückischen Winde, für die das galiläische Meer so berüchtigt ist.
  • Wenn K. und F. heute einander das Eheversprechen geben, dann ermutigen sie einander für das Leben. Durch das Versprechen der Liebe drückt sich Vertrauen aus und kann Vertrauen wachsen. Das bewahrt nicht davor, das Gefühl der Verzagtheit, vielleicht der Angst in sich zu entdecken; auch diese Momente gibt es im Leben, in Krankheit und im Angesicht des Todes. Wer jedoch auf das Versprechen der treuen Liebe baut, wird anders auf diese Gefühle antworten.
    Und wenn das Wort der liebenden Treue, das Ihr beide heute einander sagt, ein Sakrament, ein heiliges Zeichen ist, dann verweist es Euch und uns alle auf den Gott, der uns die Zusage gegeben hat, dass er uns treu ist, in allem, selbst im Tod.

3. Das Ereignis

  • Verwunderlicher als das Gefühl der verzagten Angst ist das zweite Gefühl, das im Evangelium benannt wird. Als die Gruppe der Jünger realisiert, was da passier ist, heißt es "Da ergriff sie große Furcht." Das Wort, das hier dahinter steckt, ist ein ganz anderes. "Phobos" mein letztlich immer eine Distanz, ein Zurück-Schrecken, weil jemand oder etwas oder eine Situation aus dem Normalen herausbricht.
    Furcht kann in Richtung des Schreckens gehen, aber auch in Richtung der Ehrfurcht. Diese beiden Gefühl, Ehrfurcht und Schrecken, sind ganz ähnlich, auch wenn die Sache grundverschieden ist.
  • Wer sich auf ein Boot begibt und hinaus fährt auf die See, wird den Zusammenhang vielleicht besser verstehen. Gerade dort, wo große Liebe und Zuneigung da ist, hat auch die wohl verstandene Furcht ihren Platz. Denn die Liebe ist immer in Gefahr, Besitz ergreifen zu wollen und zu meinen, man könne alles über den anderen wissen können. Dort wo die Liebe aber echt ist und nicht nur ein hormongesteuertes Besitzen-Wollen, lässt sie die Furcht zu, dieses Zurückschrecken, das den anderen Geheimnis sein lässt: Ein Mensch, den man nicht wissen und besitzen kann, auch und gerade nicht, wenn man liebt. Vielmehr ein Mensch, dessen Geheimnis immer größer ist, als alles, was ich schon weiß und womit ich vertraut bin. Ein Geheimnis, das den anderen Ozean sein lässt und ihn oder sie nicht zum Badeteich abstempelt.
  • Und auch darin ist die Liebe Sakrament. Besonders darin. Denn das Heilige Zeichen des Sakramentes, das Wasser, in dem wir taufen, das Brot, das wir brechen als den Leib Christi, und heute die Ehe, die K. und F. heute schließen, alle Verzagtheit bei Seite lassend und zugleich in großer Ehrfurcht für einander, ist ein Heiliges Zeichen, ein Sakrament, das uns ahnen lässt, wie groß und weit das Meer des Lebens ist, in das aufzubrechen wir berufen sind. Amen.