Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zur Hochzeit - Bedachter Schatzerwerb

1. Erst mal die Ruhe

  • Das Brautpaar wusste nicht mehr genau zu sagen, welche der beiden Lesungen aus der Bibel sie zuerst ausgesucht hätten. War es dieses Stück aus dem Brief des Apostels Paulus an die Christen in Kolossae mit den vielen netten Ratschlägen, wie man gut zu einander sein soll. Oder hatten M. und D. sich zuerst die beiden kleinen Gleichnisse aus dem Evangelium nach Matthäus ausgesucht. Was zuerst war, wussten sie nicht mehr. Fakt ist nur, dass auf die Nachfrage, was sie sich bei der Auswahl gedacht hätten, viel mehr zur Lesung als zum Evangelium kam. Vielleicht liegt das daran, dass in diesem Stück des Paulus-Briefes lauter Dinge stehen, die jedem wohlerzogenen Brautpaar selbstverständlich sind.
  • Zum Evangelium brachte M. nur einen knappen Kommentar. Doch der war bemerkenswert. Vielleicht sagt es viel über das klare nüchterne Denken des Ingenieurs aus. Auf jeden Fall hatte ich bislang so noch nie darüber nachgedacht. Vielleicht finden sich M.s Gedanken noch nicht einmal in einem der vielen Bibelkommentare.
  • M. nämlich meinte, ihm gefalle an dem Gleichnis vom Schatz im Acker, dass der Finder den Schatz erst einmal vergrabe, um in Ruhe darüber nachzudenken, bevor er am nächsten Tag den Acker kauft, um den Schatz zu besitzen.

2. Realismus in der Liebe

  • Das Sympathische an den Gleichnissen Jesu ist, dass sie anschaulich und praktisch sind. Das haben D. und M. betont. Zudem erzählt Jesus seine Gleichnisse immer ganz knapp mit vielen offenen Stellen, in die wir unsere eigenen Fragen und Erfahrungen eintragen können. Insofern verrät die Überlegung von M. (der Kaufmann wolle erst einmal Ruhe darüber nachzudenken) viel über M..
    In welcher Vorlesung M. seine D. das erste Mal gesehen hat, weiß ich nicht. Aber es dürfte schon so sein, dass er es sich gut überlegt hat, bevor er sich seinen Schatz zu sichern begonnen hat. Vermutlich war zwischenzeitlich D. schon längst ihrerseits aktiv geworden, bevor ihr Ingenieur mit der Qualitätssicherungsanalyse fertig geworden ist. Denn hier stand ja einiges auf dem Spiel!
  • Die beiden Gleichnisse passen gut zum Sakrament der Ehe obwohl oder weil sie eigentlich als Gleichnis für das Himmelreich erzählt werden. Die Ehe ist noch nicht das Himmelreich. Aber die Freude der Liebe in der Familie kann, dort wo sie gelingt, ein Vorgeschmack des Himmels sein. Das gilt nicht einfach nur dann, wenn alles nur gut ist und eitler Sonnenschein herrscht. Vielmehr hat die Ehe gerade dann besonders viel Vorgeschmack auf den Himmel, wenn sich die Liebe in der Bereitschaft zum Verzeihen und im gemeinsamen Neubeginn zeigt. Das liegt vielleicht auch daran, dass praktizierte Versöhnung niemanden einfach so in den Schoß fällt, sondern immer für beide Seiten bedeutet, etwas aufzuheben und dem anderen entgegen zu kommen. Diese Liebe ist insofern realistischer als das Bad im Hormonrausch der Verliebtheit es je sein kann.
  • Die beiden Gleichnissen, mit denen Jesus wie mit vielen anderen versucht, ein Gespür dafür zu vermitteln, wie Gottes Gegenwart und Sinn Himmelreich erlebt werden, bestechen mit ihrem Realismus. Um den Schatz im Acker oder diese einmalige Perle zu erwerben, muss der Kaufmann etwas investieren. Dieser Schatz ist nicht umsonst zu haben, auch wenn es ein großes Glück und eine unverdiente Gnade war, dass er diesen Schatz gefunden hat. Um ihn nicht wieder zu verlieren, muss er hingehen und verkaufen, was er hat, um den Acker zu erwerben.

3. Freude des Schatzerwerbes

  • Manche meinen, nie etwas Sinnvolles in ihrem Leben gefunden zu haben. Sie haben das Gefühl, etwas verpasst zu haben und zu kurz gekommen zu sein. Vielleicht ist es aber so, dass sie immer davor zurück geschreckt sind, etwas zu investierten. Beim Himmelreich, von dem Jesus spricht, reicht es nicht etwas zu investieren. Ausdrücklich sagt er, der Kaufmann verkaufte alles, was er besaß.
  • Damit das niemand missversteht betont Jesus: "In seiner Freude verkaufte er alles, was er besaß." Es ist ausdrücklich die Freude über das, was er entdeckt hat, das den Kaufmann motiviert, alles dafür zu geben. Wer sich auf Gott nur einlässt, weil irgendwelche Vernunftgründe ihn bewegen (die gibt es durchaus), wer den Glauben nur akzeptiert, weil er hilft moralisch zu leben (was in der Realität keineswegs immer garantiert ist), wer nur aus Gewohnheit und Reminiszenz an die Kindheit noch Kontakt zur Kirche hält, der dürfte dann auch eine Ehe nur aus Vernunft, zur Hebung der Moral oder aus Gewohnheit schließen. Das wäre alles mit viel Bedacht, aber reichlich wenige Freude.
  • D. und M., Sie haben sich den Schritt hin zu diesem Tag sehr wohl überlegt. Aber gerade Sie beide dürften gute Kronzeugen dafür sein, dass es nicht diese Vernunftüberlegungen sind, die dazu motivieren, solch einen Schritt zu tun, sondern die unbeschreibliche Freude, einen Menschen für die gemeinsame Liebe gefunden zu haben. Das allein motiviert, alles daran zu setzen, das eigene Leben und in eigene Zukunft. Alles wollen sie einbringen in das gemeinsame Leben und die gemeinsame Zukunft: Ein Schatz, wie das Himmelreich, das Ihnen niemand nehmen kann. Amen.