Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zur Hochzeit 4. Juni 2011 - Mt 6,24-34 - Sorgt euch nicht

1. Quer zum Evangelium

  • Wahrscheinlich hat sich jemand im vorhinein um den heutigen Tag gesorgt. Sonst würden wir nach dem Gottesdienst wohl alle an's Rheinufer gehen und bei einer Kiste Alt die Füße im Fluss baumeln lassen. Das wäre zumindest eine Hochzeitsfeier, die in Erinnerung bliebe! Zudem würde sich jeder auch nach Jahren noch erinnern, welches Evangelium Alina und Max sich für ihre Hochzeit ausgesucht haben: "Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug eigene Plage."
  • Die vorbereitende Sorge für den heutigen Tag entspricht dem Evangelium auf den ersten Blick genauso wenig wie das Brautkleid der Aufforderung Jesu: "Was sorgt ihr euch um eure Kleidung? Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen" - nun, Salomo vielleicht nicht, aber die Braut heute vielleicht schon.
  • Wozu verkünden wir dann ein solches Evangelium, wenn wir es doch selbst nicht ernst zu nehmen scheinen? Schließlich heißt der Kernsatz des Textes: "Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon," wobei ich nicht den Eindruck habe, hier auf einer Armenhochzeit gelandet zu sein.
  • Vielleicht ist es aber genau das, was Alina und Max mit der Auswahl dieses Textes bezweckt haben: Uns einen Stachel in unser Fest zu setzen. Bei aller Freude, dass dies eine riesige Fete wird, bei aller Dankbarkeit für die Eltern, die das ermöglichen, so wollen sich die beiden heute doch hier vor uns alle stellen mit etwas mehr als nur einem gelungenen Fest. Mitten in diesem Gottesdienst brechen zwei Zeichen in den Ablauf ein, die sich quer stellen, wie dieses Evangelium quer steht zu unserer Gewohnheit, uns um den nächsten Tag zu sorgen und zu fragen: "Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen?"

2. Zeugnis für eine andere Welt

  • Alina und Max sind als Kinder dieser Welt getauft - hineingetauft in eine andere Welt, als es unser vernünftiger, geplanter, überschaubarer Kosmos zu sein scheint. Mitten in dieser Wirklichkeit haben einst ihre Eltern sie hineingegeben in die größere Wirklichkeit Gottes. Die beiden wurden bei ihrer Taufe zu dem priesterlichen Dienst gesalbt, den sie heute in besonderer Weise ausüben, wenn sie ein Sakrament spenden.
    Sakramente sind diese Querzeichen, durch die Gott selbst unsere Welt aufbricht. In dem Eheversprechen, dass Ihr beide Euch heute gebt, gibt also Gott selbst sein Versprechen. In Eurem Ja sprich Gott selbst ein Ja zu Euch. Priesterlich sprecht Ihr nach, wozu Ihr berufen seid. Ein heiliger Dienst, zu dem ihr entschlossen seid, um ganz nach dem Ruf des Evangeliums diesem Herrn allein zu dienen.
  • Gäbe es diesen Herrn und Gott nicht, wäre dieses Unterfangen Hochmut und Irrsinn. Es wäre Hochmut, etwas zu verschenken, was wir gar nicht besitzen: unsere Zukunft. Es wäre Irrsinn, sich so zu binden: "bis dass der Tod uns scheidet". Wer verfügt denn schon über seine Lebenszeit? Wer sollte so irrsinnig sein, sich aus der Liebe heute alle Eventualitäten des Morgen zu verbauen? Das wäre doch alles sträfliche Sorglosigkeit.
  • Sinn ergibt diese Feier nur, wenn nicht nur Alina und Max sich binden, sondern, zuvor schon, Gott sich an uns gebunden hat. Nur wenn seine Zusage real ist, kann ich es wagen, dieses eine Leben, das ich auf Erden habe, ganz auf eine Karte zu setzen. Das "nicht zwei Herren dienen" übersetzt sich hier: ein Leben leben und es ganz einem Bund anzuvertrauen, dessen Realität die nüchterne Wirklichkeit unserer Welt durchbricht. Glaube heißt das Vertrauen, das Ihr auf Gott setzt, wenn Ihr Euch so in der Ehe aneinander und an Gottes Zukunft mit Euch bindet.
  • Mit großer Entschiedenheit schließen Alina und Max ihren Bund in der Kirche. Sie ist der Bund Gottes mit seinem Volk, auf den ihr Bund aufbaut. Deswegen wollen sie in dieser Feier auch das Brot empfangen, von dem Jesus Christus sagt: "Das ist mein Leib", und aus dem Kelch trinken, von dem er sagt "Das ist der neue Bund in meinem Blut". Für die Katholische Kirche ist der Empfang dieses heiligen Zeichens, dieses Sakramentes, nicht zu trennen von dem Bund, der sichtbar quer liegt zu allen weltlichen Strukturen in der Kirche. Wenn ich Christi Leib empfange, sage ich mein Ja und Amen zu der Kirche, in der der Neue Bund für mich Wirklichkeit wird. Ohne Christus gibt es diese Wirklichkeit nicht, und wir könnten uns beschränken auf ein sicher geselliges Abendessen später am heutigen Tag.
  • Durch die Feier der beiden Sakramente gebt Ihr beide uns daher ein Zeugnis. Ihr schreitet aus auf eine Brücke, vor der manch andere zögernd stehen bleiben. Nicht Hochmut ist es, nicht Irrsinn, sondern der Glaube, dass Gottes Wirklichkeit mehr trägt, als alles andere, und Gott zu dienen alternativlos ist.

3. Mit unseren Kräften

  • Es bleibt zu sagen, dass ich nicht von Titanen und Übermenschen spreche, sondern von Max und Alina. Beide haben ihre Eigenheiten. Es zeugt für Gottes feinen Sinn für Humor, dass er Wege ersonnen hat, diese beiden zusammen zu führen. Weder scheinen sie in ihrem Sinn für herausragende Kleidung voll kompatibel, noch in ihrem Sinn für Planung und Strukturen komplementär. Das hat manche skeptische Resonanz gefunden.
  • Gerade deswegen sagen sie nun mit der Auswahl des Evangeliums: Seht her, schon in der Bergpredigt zeigt Jesus mehr Sympathie für fromme Chaoten als für Menschen, die alles geplant und abgesichert haben. "Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie?" Gott hat den beiden ein Charisma gegeben, diese frohe Botschaft glaubwürdig zu leben. Was manche als Schwäche ansehen mögen, lässt sich flugs verwandeln in ein Zeugnis des Glaubens. "Um all das geht es den Heiden" denen, die keinen Gott kennen, der uns trägt in Zeit und Ewigkeit. "Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles braucht."
  • So lasst Euch von nichts und niemand kirre machen. Schließt Euren Bund und gebt uns allen damit das Zeugnis Eures Glaubens, dass Gott für jeden von uns eine Berufung hat. Mit unsern Kräften und dem, was wir sind, beruft er uns. Mit unseren Kräften und dem, was wir sind, können wir Zeugnis geben von der einen, tragenden Wirklichkeit Gottes: mitten in und quer zu unserer Welt. Amen.