Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zu Pfingsten 2017 (Apostelgeschichte)

4. Juni 2017 - Kleiner Michel (St. Ansgar), Hamburg

1. Grenzen öffnen und einander Verstehen

  • 'Grenzen öffnen' einerseits und 'einander Verstehen' andererseits steht zunächst im Widerspruch zu einander. Entweder das eine oder das andere. Verstehen ist immer nur möglich, wo es einen gemeinsamen Raum der Erfahrung gibt. Grenzen öffnen überwindet solche Räume - eigentlich. Denn vielleicht gilt die Regel an Pfingsten nur noch bedingt.
  • Pfingsten bedeutet für die Kirche: Jesus ist nicht einfach abhakt und in den Himmel abgeschoben. Durch Gottes Gegenwart im Heiligen Geist kann Christus bleibens die Mitte der Kirche sein. Nur durch diesen Geist ist diese Veranstaltung mehr als eine kulturelle Traditionsveranstaltung. Durch den Geist wirkt Gott im Herzen, im Denken, im Sprechen und im Handeln der Menschen. Durch den Geist werden wir eins trotz aller Verschiedenheit. Durch den Heiligen Geist ist das Brot, das wir teilen, der Leib Christi. In diesem Sinn ist Pfingsten kein einmaliges Ereignis, sondern Initialzündung. Das Pfingstfest beruht auf dem Ereignis, dass die Jünger zu einer Gemeinschaft werden, indem sie durch den Heiligen Geist die Grenzen öffnen und überschreiten.
  • Doch das betrifft dann alle Menschen: Grenzen werden heute dauernd überschritten; viele meinen: unkontrolliert. Aber das gilt nicht erst für Flüchtlinge, die zu uns kommen, das gilt schon längst für wirtschaftliche Interessen, die Grenzen ebenso überschreiten wie ökologische Probleme. Gleichzeitig scheint der innere Zusammenhalt der Gesellschaften abzunehmen. Das wäre die Bestätigung: Wo keine Grenzen mehr gelten, wird das Verstehen unmöglich. Der gemeinsame Raum, in dem gemeinsame Werte und Traditionen entstehen, wird durchflutet von grenzenloser Informationen, grenzüberschreitendenden Wirtschaftsinteressen und eben auch Migration.

2. Das Paradox des Heiligen Geistes

  • Pfingsten ist dabei erst einmal ein Paradox, etwas, das sich eigentlich widerspricht. Einerseits fügt es die Jünger zu einer Gemeinschaft erst so richtig zusammen. Andererseits gehen sie raus und verlassen den gemeinsamen Raum. Einerseits wird betont, dass alle verschiedene Sprachen sprechen. Andererseits sprechen die Apostel so, dass sie jeder in seiner Sprache hören kann.
  • Das erste Paradox löst sich an Pfingsten, weil der Heilige Geist immer ein Geist der Sendung ist. Die beiden Versuchungen der Kirche sind entweder eine möglichst enge Gemeinschaft zu bilden oder möglichst offen und niederschwellig zu sein. Die Antwort von Pfingsten ist: Vertraue auf die Kraft des Heiligen Geistes und lass die Sendung zu den Menschen, nach draußen, zu dem Anderen und Fremden, das "sich-selbst-verlieren" zum Kern deiner Identität werden - und du wirst entdecken, dass der Heilige Geist die Kirche mehr zusammen zu führen vermag als alles, was Menschen sich Identität-Stiftendes ausdenken.
  • Das zweite Paradox löst sich, wo Menschen im Heiligen Geist sprechen und hören. Lukas schildert in der Apostelgeschichte das auch heute bekannte Phänomen der Zungenrede, menschliche Laute die Gottes Größe verkünden jenseits aller Grammatiken und Sprache, vergleichbar am ehesten einer spontanen Musik. Aber dieses Sprachenwunder weist zugleich den Weg: Dass wir als Christen es riskieren sollten von dem zu sprechen, was uns trägt und Hoffnung gibt, auch von dem was uns bedrängt und Angst macht. In dem Maß, in dem es gelingt auf Gott zu vertrauen, gelingt es, zu sprechen ohne Angst zu haben. Das selbe gilt vom Hören. Es ist eine Gabe des Heiligen Geistes, hören zu können ohne Angst, ob mich das Gehörte überfordert, meine Selbstverständlichkeiten und Sicherheiten zerstört etc.

3. Leben im Geist Christi

  • Es ist eine solche Kirche, die etwas bewirken kann. Ich bin überzeugt: Es ist diese vom Heiligen Geist erfüllte Kirche, die an ganz vielen Stellen dieser Welt, dieses Landes und dieser Stadt heute real etwas bewirkt. Es ist die Saat dieses Pfingstfestes, die in den Herzen von Menschen aufgeht, oft auch bei solchen Menschen, denen der Ursprung aus der christlichen Verkündigung gar nicht mehr bewusst und zugänglich ist, weil er durch ein enges, auf Institution und Tradition reduziertes Kirchenbild verstellt ist. (Ein Problem übrigens nicht allein von Kirchenleitung, sondern vor allem von vielen, die sich bescheiden "einfache Christen" nennen, um sich alle Verantwortung für den Glauben vom Hals zu halten.)
  • Den Ursprung des christlichen Europa können wir nicht wach halten durch die Definition irgendwelcher Regeln oder Leitbilder, mit denen wir uns nach außen abschließen. Wir können ihn auch nicht dadurch bewahren, dass wir ihn leugnen, verwässern oder in sekundären Allgemeinplätzen bis zur Unkenntlichkeit verkommen lassen. Diesen Ursprung können wir nur lebendig halten, wenn es überall Christen und Menschen guten Willens gibt, die das Vertrauen leben, das der Geist uns schenkt.
  • Daran allein wird man letztlich den Geist Jesu erkennen und unterscheiden. Der Heilige Geist ist es, in dem Jesus lebte im Vertrauen auf Gott, seinen und unseren Vater. In der Bergpredigt können wir nachlesen, wie das konkret wird. Dort hebt Jesus keines der Gebote und keine der Regeln auf, die die Gemeinschaft des Volkes Gottes bestimmen, doch zugleich sprengt er den Raum auf indem er nachfragt: Und wie sieht es aus, wenn du das lebst im Vertrauen auf Gott allein, erfüllt von seinem Heiligen Geist? Mutig, vom Geist erfüllt! Amen.