Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum 2. Fastensonntag Lesejahr A 2008 (Matthäus)

17. Februar 2008 - Universitätsgottesdienst, St. Antonius Frankfurt,

1. Sinnlose Einsamkeit

  • Vierzig Millionen Chinesen führen ein sinnloses Leben. Es könnten auch ein paar mehr oder weniger sein. Ich rede nur von Männern. Jahrzehnte der Einkindpolitik führen zu massivem Männerüberschuss: auf 100 Mädchen kommen 118 Jungs - mal zig-Millionen Chinesen. Massiver Männerüberschuss ohne Aussicht auf eine Frau. Ein Teil mag anders geneigt sein; das mildert den Druck. Gott mag Berufungen zum klösterlichen Leben schenken, aber das dürfte die Millionengrenze nicht überschreiten. Wenn also der Sinn des Lebens eines Mannes darin besteht, eine Frau als Partnerin zu finden, führen plus-minus siebzig Millionen Chinesen ein sinnloses Leben.
  • Dass diese Männer nicht einfach Hand an sich legen (!) und dies sinnlose Leben beenden, hat einen einfachen Grund: Niemand weiß, ob er selbst dazu gehört. Es gibt ja doch die hundert Frauen für die hundertachtzehn Männer (mal zig-Millionen). Deswegen hoffen sie wie bei der 'Reise nach Jerusalem': Im Kreis laufen sie alle hundertachtzehn um die hundert Stühle bis die Musik abbricht. Dann gehen achtzehn leer aus. Wann aber bricht die Musik ab? Wann ist es zu spät, eine Partnerin zu finden? Mit dreißig, vierzig oder fünfzig? Lohnt es zu warten - bis ich siebzig bin? (denn da Frauen länger leben verbessert sich dann wieder die Relation).
  • Es geht also darum, ob Hoffnung mein Leben trägt. Und darum, was ich derweil mache. Es geht darum, ob mein Leben sinnvoll ist hier und jetzt, auch wenn sich die Hoffnung noch nicht erfüllt hat. "Noch nicht"? Bleibt alles sinnlos, wenn sich diese konkrete Hoffnung nicht erfüllt und ich mein Lebtag lang der souverän die Ikea-Einrichtung allein auswählende Single bleibe? Sie merken, ich spreche vom heutigen Evangelium.

2. Geschenkte Erfahrung

Drei Dimensionen aus dem Evangelium von der Verklärung Jesu auf dem Berg sind in unserem Zusammenhang wichtig:

  • Erstens Erfahrungen der Hoffnung sind Gegengift gegen Einsamkeit. Denn diese Erfahrungen sind Geschenk und daher Auftrag: Gott schenkt dir diese Erfahrung nicht nur für dich selbst. Daher sind es zwar nur drei, die Jesus auswählt mit zu gehen auf den Berg: Petrus, Jakobus und Johannes. Was sie dort erfahren ist jedoch Auftrag: Indem sie Zeugnis davon geben, entsteht die Gemeinschaft des Volkes Gottes. Gott schenkt einzelnen Erfahrungen, damit wir sie der Gemeinschaft 'mit teilen'. Gegengift gegen Einsamkeit.
  • Zweitens die Hoffnung hat eine Geschichte. 'Mose und Elija' stehen dafür. Gott hat eine Geschichte mit uns Menschen, und es ist großartig, dass wir darum wissen können durch das Wort der Heiligen Schrift. Mose steht für den Beginn des Bundes mit Israel. Von dem Propheten Elija wurde gesagt, dass er erscheint, bevor Gottes Gesalbter kommt am Ende der Zeiten. Petrus, Jakobus und Johannes sehen Jesus strahlend und klar im Gespräch mit Mose und Elija. Deswegen denkt Petrus, jetzt sei die Geschichte vorbei. Deswegen will er drei Hütten bauen. In Filmen ist das bis heute so: Im Augenblick des größten Glücks, wenn die zwei sich endlich gefunden haben, ist der Film vorbei. In Wirklichkeit aber beginnt da erst das Leben. Jetzt erst kann sich zeigen, was die Erfahrungen der Verliebtheit, der Hoffnung, des großen Glücks wert sind.
  • Im Evangelium geschieht - drittens - aber erst etwas anderes, das das Bisherige in lichtvollen Schatten stellt. In drei Zeilen ist hier verdichtet, was Christen glauben. In Wolke und Licht, verhüllend und erleuchtend, offenbarte sich Gott einst seinem Volk Israel auf dem Berg und in der Wüste. Hier nun verweist Gottes Stimme auf die Gegenwart Gottes im "geliebten Sohn". Die drei, die dabei sein dürfen, haut das erst mal um. Gott ist aber unter uns nicht als angstmachende Erscheinung, die uns umhaut: "Als sie aufblickten, sahen sie nur noch Jesus", Gott in der Gestalt eines Menschen, der mit ihnen wieder vom Berg herabsteigt, der Last und Kreuz auf sich nimmt, um durch dieses Leben hindurch ganz in die Gemeinschaft mit Gott hinein aufzuerstehen. Wenn dies geschehen ist, sollen die drei von ihrer Erfahrung berichten in der Gemeinschaft der Schwestern und Brüder, wenn "der Menschensohn von den Toten auferstanden ist".

3. Hoffnung trägt

  • Die Erfahrung, einen geliebten Menschen gefunden zu haben, ist ein Geschenk. Wenn du einen Menschen hast, der dich liebt und den du liebst, einen der sich auf dich einlässt und mit dem du ganz verschmilzt, dann ist das ein wunderbares Geschenk. Aber an dem Punkt ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Die Erfahrung ist dir aufgegeben, als Gegengift gegen die Einsamkeit. Wenn du es nur für dich behältst, wirst du es verlieren. Wenn ihr es mit anderen teilt, dann wird daraus Gemeinschaft, die auch euch trägt und die auch andere trägt. Einsames Glück gibt es nicht, auch nicht zu zweit. Die Erfahrung der Liebe ist Euch geschenkt, dass ihr sie versteht als Teil des Erfahrungsstromes - von Mose bis Elija - und als Auftrag, es weiter zu geben.
  • Aus der Einsamkeit wird so Gemeinschaft. Wir dürfen mit einander vom Berg steigen. Wir wissen nicht, wie viel Kreuz das Leben bereit hält. Das Glück ist nicht festzuhalten, nicht in "drei Hütten", nicht in trauter Zweisamkeit. Das Glück begründet die Hoffnung, die dem Alltag Gestalt gibt, für Singles wie für Paare wie für Familien. Wir teilen es mit einander dort, wo einer auf dem Weg ist, ebenso wie dort, wo heimtückische Krankheit einen geliebten Menschen wegrafft. Wir können es teilen und uns mitteilen lassen, weil es nicht schon Erfüllung ist, sondern Verheißung und Auftrag.
  • Deswegen ist Leben nicht sinnlos, wenn es auf der Suche ist. Das gilt auch dann noch, wenn es siebzig Millionen chinesische männliche Singles sind - oder ein paar Zehntausend in dieser Stadt. Das gilt auch für Verliebte, die sich gefunden haben. Wir sind eingeladen, Gemeinschaft zu sein, Volk Gottes, Kinder des einen Vaters, um die Hoffnung mit einander zu teilen, die den Alltag verändert. Jeder von uns hat andere Erfahrung. Sie ist uns geschenkt und aufgetragen, dass wir mit einander leben. Ein großes Geschenk der Liebe. Amen.