Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum 2. Fastensonntag Lesejahr B 2024 (Gen/Mk, Trost)

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25. Februar 2024 - St. Peter, Sinzig

1. Einsamkeit

  • Es gibt eine Einsamkeit, die ich nie erleben möchte. Wenn ich bete: "Führe uns nicht in Versuchung", dann klingt für mich mit: Führe mich nicht in diese Einsamkeit, in der ich eine Entscheidung zu tragen habe, mit der ich ganz allein bin. Bislang ist mein Gebet erhört worden. Diese letzte Einsamkeit, diese letzte Entscheidungsnot habe ich nie erlebt. Nie ging es um Leben und Tod, um diese letzte Verantwortung. Und wo ich schwere Entscheidungen zu fällen hatte, hatte ich sowohl einen guten Freund zum Rat wie die Erfahrung, im Gebet die nötige Sicherheit zu erfahren – den nötigen Trost.
  • Diesen Trost dürfte Abraham schmerzlich vermisst haben. Die Erzählung schildert den langen Weg, den er gehen muss. Überzeugt, dass dieses Opfer ihm aufgetragen ist, war er aufgebrochen. Noch hat er zu organisieren. Es ist eine Gruppe mit Isaak, seinem Sohn, und zwei Jungknechten – vielleicht die beiden, die im selben Alter sind wie Isaak. Und allein mit ihnen Abraham. Allein auch mit der Last seines Auftrags. Allein vielleicht mit Zweifeln aber auch der Hoffnung, dass es irgendwie anders kommt.
  • Womit kann man die Situation vergleichen? Mir kam in den Sinn, dass vor zwei Jahren, als Russland seinen Krieg auf die ganze Ukraine ausweitete, den höchsten Schutz im Land nicht der Präsident bekam, sondern seine Frau und seine Kinder. Wissend, wozu Moskau fähig ist, wollte man so verhindern, dass Präsident Selenskyj erpressbar wäre, wenn er entscheiden müsste: seine Familie zu retten oder die für das Land richtige Entscheidung zu treffen. Bei allen Beratern: Wie unendlich einsam muss ein Mensch in einer solchen Situation sein? – Herr, führ uns nicht in eine solche Versuchung!

2. Trost

  • Der Trost, der uns führen kann. In seinem schwersten Stunden hat Ignatius von Loyola das erfahren. Er hat mühsam gelernt, dass die leise Stimme des Trostes es ist, die ihn aus der Einsamkeit der eigenen Verzweiflung dahin führen kann zu sehen, was der Sinn seines ganzen Lebens ist. Der Trost hat aus dem zweifelnden, verzweifelten Einsiedler einen Menschen gemacht, der in Gemeinschaft mit anderen bereit war, Menschen zu helfen.
  • Warum Trost? Weil Trost Gottes Antwort auf die Einsamkeit ist. Das Wort ist beim Propheten Jesaja zentral geworden: Wie ein Mann, den seine Mutter tröstet, so tröstet Gott sein Volk (Jes 66,13). Es ist also nicht der Trost eines Kindes – das sicher auch! – sondern die Stärkung, die der Erwachsene braucht und von seiner Mutter, ihrer Güte und Weisheit bekommt. Und genau in diesem Sonn verheißt im Johannesevangelium Jesus, als er Abschied nimmt von seinen Freunden, einen parakletos, wie es im Griechischen heißt, wörtlich: einen Herbeigerufenen, einen Beistand. Consolatorübersetzen die Christen das ins Latein und von dort in viele Sprachen. Und schon die mittelalterlichen Bibelübersetzungen vor Luther haben dafür das deutsche Wort Trost verwendet (z.B. Sensenschmidt-Bibel 1476). Trauen und Vertrauen, Treue, Vertrag sind im Deutschen verwandte Wörter. Trost ist wirklich das richtige Wort!
  • Das also meint Ignatius, wenn er auf den Trost vertraut, der ihm Hinweise gibt, welche Entscheidung im geistlichen, im inneren Leben mich mehr zu dem Ziel führt, zu dem ich unterwegs bin. Ignatius ist überzeugt, dass letztlich jeder Mensch diese Erfahrung machen kann: Wenn ich aufrichtig und mit der nötigen inneren Ruhe vor Gott lege, was sich mir als Alternativen anbietet, dieses zu tun oder jenes, diesen Weg zu wählen oder jenen – dann wird Gott mir durch seinen Beistand, seinen Trost zu erkennen geben, was das jeweils Bessere ist. Aufrichtig meint hier: Wenn ich nicht versuche, Gott für mich zu instrumentalisieren, durch Gott zu mehr Ansehen, Reichtum oder Macht zu kommen, wie es so oft in der Kirche geschieht. Das geht, weiß Ignatius, nicht von jetzt auf gleich. Es braucht Menschen, die mich mit ihrer Erfahrung begleiten. Es braucht Zeit, Aufmerksamkeit, Übung und immer wieder Stille: Aber es ist der Weg, wie ein jeder Christ den Beistand findet, der uns vor der Einsamkeit in der Entscheidung bewahrt.

3. Weg

  • Vielleicht war Jesus selbst für die Jünger der Trost, der Parakletos und Consolator. Zumindest auf dem Weg gab es diese Momente. Jesus selbst hatte bei seiner Taufe am Jordan den Zuspruch Gottes erfahren: Du bist mein geliebtes Kind! Geh deinen Weg! Ich bin bei dir! – Die drei Jüngern, die er später mitnimmt auf den Berg, dürfen diese Erfahrung teilen. Auch für sie ist es Orientierung auf dem Weg: "Dieser ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören."
  • Doch es ist an der Stelle auch deutlich: So sehr Petrus sich das vielleicht wünscht – und wir mit ihm – dieser Trost ist nicht festzuhalten. Das "Hütten bauen" geht nicht. Der Beistand, der Gotte Heiliger Geist und Trost für uns ist, ist immer ein Beistand auf dem Weg. So wenig wie Gott selbst, ist Gottes Trost etwas, das wir als festen Besitz reklamieren und festhalten können. Gott ist nicht privat. Deswegen spricht Ignatius bei dem, was wir suchen sollen, auch nie von dem Besten, sondern immer nur von dem jeweils Besseren ("mehr", lateinisch: "magis").
  • Doch auf dem Weg, immer neu in meinem Leben, ist Gott da. Genauer, christlich gesprochen, der Beistand und Trost, der Heilige Geist. Ich muss mich ehrlich machen, ich muss in die Stille und in das Gebet gehen. Dann ist es möglich, dieses leise Wehen des Geistes zu spüren. In der Stille des Gebetes gibt des den Unterschied von Trost und Trostlosigkeit, Gottesnähe und Gottesferne, die wie ein Wegweiser sein können.