Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum 4. Fastensonntag Lesejahr A 2020

22. März 2020 - Aloisiuskolleg Bonn-Bad Godesberg / Internet

1. Blind geboren

  • Wer blind geboren wurde, kann nicht wissen, was Sehen ist. Er braucht andere, wie ihm davon erzählen. Ob er sich „Sehen“  innerlich dann vorstellen kann? Vielleicht manche mehr, manche weniger.
  • Wer in eine Welt geboren wird, in der es kein Vertrauen gibt, hat vielleicht keine Vorstellung davon, was es bedeutet, nicht in ständiger Anspannung zu leben.
  • Wer später im Leben erblindet, wird sich erinnern, was für ein Geschenk es ist, sehen zu können. Wem durch einschneidende Ereignisse das Vertrauen zerstört wurde, könnte in sich die Sehnsucht danach bewahrt haben. Da reichen sicher nicht ein paar Tage oder eine Woche, in der die alte Sicherheiten weg sind, um die Sehnsucht vergessen zu machen: Wie normal war doch das Leben noch vor acht Tagen.

2. Der Weg zum Sehen

  • Das Johannesevangelium greift einige wenige Ereignisse und Begegnungen aus dem Leben Jesu heraus und entfaltet sie exemplarisch. Sie sind herausgegriffen, weil viele Christen, vielleicht auch Gemeinden in diesen Begegnungen und Erfahrungen ihre eigenen Erfahrungen wiedergefunden haben und im Glauben verstehen konnten.
  • Blind geboren, das ist eine Beschreibung die erst aus dem späteren Sehen-Können verständlich ist. Erst wenn ich in der Welt des Lichtes lebe, kann ich Ermessen, wie viel die Finsternis dem Leben raubt.
    Das auffällige an diesem Evangelium ist, dass die Initiative nicht von dem Blinden ausgeht, sondern von Jesus. Der Blinde fragt nicht danach sehend zu werden, weil in ihm vielleicht nie jemand die Sehnsucht geweckt hat. Es war ein unverhofftes Geschenk.
  • Was sich daran anschließt, ist der Weg, den manche sehr gut kennen, die als Erwachsene zum Glauben gekommen sind: Das Unverständnis der Umgebung, die Aggressionen, die der neue Lebensweg bei anderen weckt, und die lange Phase, in der auch der Geheilte selbst nicht versteht, was ihm geschehen ist – Das ist eine sehr präzise Beschreibung dieser Erfahrungen.

3. Blind oder Sehend

  • Das Evangelium will jeden von uns zu der Frage hinführen, ob wir blind oder sehen sind. Wir meinen vielleicht wir sehen, in Wirklichkeit sind wir vielleicht blind. Wir meinen vielleicht wir vertrauen, in Wirklichkeit sind wir einsam. Es braucht Menschen, die uns vom Licht erzählen. Es braucht Situationen, die wir deuten können, um zu verstehen, was uns fehlt.
  • Oft jedoch sind es biographische Einschnitte, die der Beginn eines Weges werden. Vielleicht können wir ihn irgendwann  im Rückblick als Geschenk erkennen. Doch erst einmal aber gilt es, den Weg zu gehen.
  • Es hat mich überrascht, ein wenig auch erschüttert, dass wenige Tage schon gereicht haben, um offenbar werden zu lassen, wie schwer es manchen Menschen fällt zu vertrauen.  Hamsterkäufe von Klopapier sind da fast noch die lustige Seite. Aber bei manchen Jugendlichen und Erwachsenen kommt ein Egoismus an die Oberfläche, den man sonst nur beim Run auf das Buffet erlebt. Bei vielen Alten  hingegen, wo ich dachte lange Lebenserfahrung hilft, kommen tief sitzende Ängste zum Vorschein.
    Und dennoch sind vielleicht die in der Mehrheit, die in ruhiger Gelassenheit das tun, was getan werden kann, auch wenn es darüber keine letzte Sicherheit gibt. Die anderen beistehen, auch wenn sie nicht wissen, was morgen kommt. Die vielleicht selbst überrascht entdecken, wie viel Kraft zum Vertrauen ihnen geschenkt ist. Amen.