Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum Ostermontag 2013

1. April 2013 - Kleiner Michel (St. Ansgar), Hamburg

1. Nach Hause zurück

  • Die beiden Emmaus Jünger sind nach Jerusalem zurück gekehrt. Sie haben die anderen Jünger getroffen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. An der Stelle bricht der Bericht ab. Was passiert jetzt? Wie lebt man nach einer solchen Erfahrung?
  • Es bleibt uns überlassen uns vorzustellen, was sie jetzt gemacht haben. Haben sie erst einmal ein Bier aufgemacht nach den Aufregungen? Haben sie unterwegs schon eifrig über das Smartphone getwittert und gepostet? Haben sie gespannt darauf gewartet, was das Fernsehen zu den Ereignissen der letzten Stunden und Tage bringt?
  • Nichts von dem dürfte zu unseren Erwartung an Apostel und Jünger passen, die Jesus selbst kannten. Irgendwie sollte doch schon etwas Bedeutungsvolleres geschehen.

2. Real genug

  • Doch was jetzt? Ist das, was da im Evangelium geschildert wird, ein Ereignis der Art, dass es unser Leben verändern würde? Ist es überhaupt ein Ereignis, wie es der Karfreitag war. Der ist historisch fassbar: Ein Schauprozess gegen den Wanderrabbi, der sich anmaßt im Namen Gottes zu sprechen, eine Hinrichtung, eine Beerdigung. Das sind harte Fakten, die beweisbar sind.
  • Ein leeres Grab hingegen, Frauen, später auch Männer, die sagen sie hätten ihn gesehen und gehört und er habe einen Leib, ganz real und doch geistig. Jünger, die ihn doch gut kannten, ihn aber erst nach einem langen gemeinsamen Weg bis Emmaus und beim Brechen des Brotes, wie es in der Hl. Messe geschieht, erkennen - all das sind keine herkömmlichen Fakten mehr.
    Dennoch sowohl an Karfreitag wie an Ostern die Frage: Was davon würde mein Leben verändern? Oder sollten wir besser fragen: Welches von beiden wäre für mich ein Grund, mein Leben zu ändern, so dass es ein unterscheidbares 'vorher' und ein 'nachher' gäbe? Was ist 'real genug' für einen Neuanfang?
  • Die Dinge können real sein wie sie wollen, das allein ändert nichts. Die allerrealsten Ereignisse sind uns oft die allerbanalsten. Gehört, gesehen, vergessen. Würde uns die Auferstehung Christi vom TÜV zertifiziert und von den führenden physikalischen Forschungsinstituten bestätigt, sie könnte dennoch für uns selbst bedeutungslos bleiben. Eine solche Auferstehung wäre sogar ganz sicher bedeutungslos, denn wenn Physiker etwas bestätigen können, dann ist das nur ein Teil der physikalischen Welt - und eben gerade nicht die Auferstehung in ein neues, ganz und gar verwandeltes Leben.

3. Taufe an Ostern

  • Ostern ist der klassische Termin für die Taufe. Denn die Realität von Ostern kann sich nur daran erweisen, dass die Taufe auf den Namen Jesu Christi trägt, im Leben und im Sterben. Die Realität von Ostern ist von der Art, die nur im Zusammenhang eines Menschenlebens plausibel werden kann. Wie die Taufe hat die Auferstehung eine Geschichte, davor und danach.
  • Davor liegt einerseits das Kennenlernen Jesu, wie die Jünger ihn kennen gelernt haben in seinen Predigten, seinen Zeichen, seinen Blicken, seinem Beten. Davor liegt auch das Kreuz; die Jünger haben den ganzen Schmerz der enttäuschten Hoffnung und die überwältigende Macht der Ungerechtigkeit erfahren - und sind daran gescheitert.
    So hat auch jede Taufe eines erwachsenen Menschen eine Vorgeschichte (und wer als Kind getauft wurde, wird diese Vorgeschichte nachholen müssen). Zur Taufe gehört es, mit Jesus Christus und seiner Kirche vertraut zu werden, ihn im Gebet und aus der Heiligen Schrift nahe zu kommen. Dazu gehört aber auch das eigene Scheitern angesichts des Kreuzes - wer von uns möchte schon behaupten, dass er nicht davongelaufen wäre?
  • Vor allem aber hat Ostern - und hat die Taufe - eine Nachgeschichte. Recht betrachtet ist das, was danach geschieht, das eigentliche Ostern, denn auch die Bibel schildert nicht die Auferstehung, sondern die Erlebnisse danach.
    Unser Osterglaube beruht letztlich auf den Erlebnissen davor und danach.
  • Die Person Jesu, wie er gelebt hat, muss uns glaubwürdig als Gottes Wort vorkommen, gerade auch im Licht der ganzen Geschichte des Glaubens vor ihm.
  • Das Kreuz Jesu muss uns berühren als Offenbarung der ohnmächtigen Liebe Gottes, die aus den Schriften den Bibel nicht vorhersehbar war, sich aber im Rückblick aus ihnen erhellt, denn Gottes Liebe zu seinem Volk erfüllt und vollendet sich hier.
  • Schließlich müssen uns die Zeugen seiner Auferstehung glaubwürdig sein durch ihr eigenes Leben - und die Bereitschaft, für dieses Evangelium ihr eigenes Leben dranzusetzen.
  • Für kein isoliertes Ereignis würde es sich lohnen, sein eigenes Leben dran zu geben. Kein isoliertes Ereignis würde unseren Alltag verändern, auch kein isoliertes Osterfest, auch keine Taufe ohne Vorgeschichte. "Brannte uns nicht das Herz?" sagen die Emmaus-Jünger zu einander. Ostern braucht solch ein brennendes Herz, damit wir mitfeiern und mitgehen, ein Weg, den wir gemeinsam mit Christus, dem Auferstandenen beginnen, ein Hineingehen in das Vertrauen auf Gottes Macht, die den Tod überwindet, das kann etwas verändern. Real. Bei uns. Amen.