Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum Ostermontag 2014

21. April 2014 - Kleiner Michel (St. Ansgar), Hamburg

1. Brennendes Herz

  • "Brannte uns nicht das Herz?"Es ist nur ein Randereignis, dass zwei der Jünger nach Emmaus gelaufen sind und unterwegs ihr ganz eigenes Ostererlebnis hatten.
  • Während wir in der Lesung aus dem Ersten Korintherbrief ein ganz frühes Zeugnis für die Ostererfahrung haben, ist die Emmauserzählung wahrscheinlich nur eine von vielen. Sie hat aber ihren Weg in das Gedächtnis des Glaubens gefunden, weil hier in dem, was die beiden erlebt haben, so viel Typisches ist, Angefangen vom gemeinsamen Weg, über die Erfahrung, dass Jesus bei ihnen ist, obwohl sie ihn lange nicht erkennen, über die Andeutung, dass die Feier der Hl. Messe - " nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach das Brot und gab es ihnen" - der Ort ist, wo sie Jesus dann doch erkennen, ihn aber nicht festhalten können, bis hin dazu, dass sie den Weg zurück in die Gemeinschaft der Kirche um Petrus finden und feststellen, dass sie mit ihrer Erfahrung nicht allein sind.
  • Aber irgendwie steht in der Mitte all dessen Begeisterung: "Brannte uns nicht das Herz?". Ohne dieses Bekenntnis blieben mir die beiden Emmausjünger fremd und uninteressant. So aber machen sie neugierig. Menschen, deren Herz sich für etwas entflammt, das nicht nur sie selbst und ihre Gefühle ist, sind selten.

2. Der Trend

  • Es sind kleine Kinder, die wir heute taufen. Keiner von uns weiß, wie die Welt aussehen wird, in die diese Kinder hinein wachsen.

  • Die neue Akzeptanz von autoritärem Gehabe von Russland über die Türkei bis nach Ungarn - und nicht wenig Zustimmung hierzulande, scheint ein Trend zu sein. Immer mehr Menschen sind müde, unterwegs zu sein wie die beiden Emmausjünger. Statt die Offenheit der demokratischen Gesellschaft mitzutragen, wollen manche ihre Freiheit lieber wieder abgeben, weil sie nur noch ihre zynische Seite sehen.

  • Mehr noch aber bewegt mich die Frage, ob diese Kinder, wenn sie größer werden, Zeit geschenkt bekommen, sich überhaupt für etwas zu begeistern. Werden sie Zeit haben, etwas und jemand so gut kennen zu lernen, dass mehr als ein Strohfeuer, ein wirkliches Feuer der Begeisterung entfacht werden kann? Wird ihnen die Chance gegeben werden, sich für etwas zu begeistern?

  • Wir haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten erleben müssen, wie Erfahrungen und Beziehungen systematisch zerstückelt werden. Es gilt nur noch, was in Kurzmitteilungen auf den Touchscreen gehuscht werden kann. Es lohnt nur noch zu lernen, was sich wirtschaftlich verwerten lässt. Dauerhafte Beziehungen, Konzentration auf eine Sache, wirkliche Bildung statt gegoogeltem Halbwissen haben es schwer.
  • Keiner von uns weiß, wie lange so ein Trend noch anhalten wird, oder ob er irgendwann in sich zusammen bricht und Menschen anfangen wollen, sich für etwas zu begeistern.

3. Gottes Mitgehen

  • Ich habe in meiner eigenen Biographie Jahre erleben dürfen, in denen ich mich ganz für eine Sache begeistern konnte und mich voll für etwas eingesetzt habe. Im Nachhinein kann ich auch sehen, wie wichtig es war, dass diese Begeisterung auch ihr Scheitern kannte. Es zeichnet die echte Begegnung mit Gott aus, dass man sie nicht festhalten kann, gerade in dem Augenblick nicht, in dem man wie die Emmausjünger Jesus endlich erkannt hat.
  • Wahrscheinlich irritiert dieser merkwürdige Satz im Evangelium: "Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten ihn; dann sahen sie ihn nicht mehr." Vor allem irritiert, dass sich die Jünger daran offenbar gar nicht stoßen. Das beweist mir aber, dass sie wirklich Gott in Jesus erkannt haben und nicht irgend eine selbstgestrickte Ideologie, einen Pseudoglauben, der nur den eigenen Wunschträumen und nicht dem lebendigen Gott vertraut. Die Erfahrung, dass Gott lebendig ist, igelt nicht ein, sondern ermöglicht einen neuen Aufbruch.
  • Dazu passt auch das Detail, dass die beiden Jünger anfangs über Jesus nur meinen: "Er war ein Prophet, mächtig in Wort und Tat". Unterwegs aber macht Jesus ihnen klar, dass der "Messias" mehr ist als ein Prophet. Der Messias, das ist Gott selbst, der sich in einem Menschen offenbart, der sich aus Liebe verschenkt und hingibt. Diese treue Liebe Gottes ist es letztlich, die das Herz der Jünger zum Brennen gebracht hat. Sie haben unterwegs gelernt, dass Gott sich von Anfang an - "ausgehend von Mose und allen Propheten" - auf die Geschichte von uns Menschen eingelassen hat und dass die Hilflosigkeit und das Leid des Messias nichts als die reine, treue Liebe ist, die dem anderen auch dort zur Seite ist, wo andere weglaufen, umschalten, abtwittern. Weil Gott nicht so ist, können sich Menschen für ihn begeistern, mit brennendem Herzen, bis heute. Amen.