Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zur Beerdigung 23. Januar 2015

Beerdigung eines gläubigen und den Glauben praktzierenden jungen Mannes, der durch unabsehbaren Suizid gestorben ist.

1. Trauer und Trost

  • Das Evangelium vom Sämann und der Saat trägt in sich Trauer und Trost. Es ist Evangelium, Gottes, gute Botschaft, nicht nur, wegen des Trostes, sondern auch, weil es der Trauer Raum gibt. Es spricht davon, dass nicht alles sogleich gut ist und gut geht.
    Vieles im Leben bleibt Bruchstück und erreicht nicht, was es hätte erreichen können. Das Evangelium birgt in sich Kraft und gibt uns Kraft, das auszusprechen: Es gibt sie, die Härte des Weges und die Kälte des Steins und die Tücke der Dornen. Samen, der bestimmt war aufzugehen, verdorrt und erstickt. Dass anderer Samen auf guten Grund fällt, ist Trost; er bringt "hundertfach Frucht". Aber es ist auch gut, dass der andere Samen nicht verschwiegen und der Trauer Raum gegeben wird.
  • Die Familie von M. hat dieses Evangelium ausgesucht, weil sie spüren, dass bei ihm sehr viel von Gottes Samen auf guten Boden gefallen und aufgegangen ist. Vielleicht ist sogar diese Stunde, dass wir hier sind, gute Frucht aus dem Samen, den Gott einst in M.s Herz gesät hat.
    Es wäre schrecklich, einen hundertjährig als Greis Verstorbenen zu Grabe tragen zu müssen, der nie für andere da war, nie anderen Liebe geschenkt, nie Hoffnung gemacht und nie im Glauben gestärkt hätte. M. ist jung gestorben, doch reich an all dem, was allein Gottes Gnade wirken kann.
  • Doch das Evangelium wie die ganze Heilige Schrift ist Gute Botschaft auch deswegen, weil es eben auch das andere benennt, das es gibt, das Steinige und Dornige. M. hatte zu kämpfen, mit sich, seit Kindertagen mit einer Krankheit und tief drinnen offenbar mit einer Dunkelheit, die alles ersticken will und gegen die ein Mensch, der so empfindsam ist für andere, ganz sicher mit aller Kraft, die er hatte, gekämpft hat.

2. Dunkelheit

  • Ich weiß nicht, warum es M. auferlegt war, eine schreckliche Dunkelheit in sich zu tragen. Sie muss für ihn furchtbar gewesen sein. Nach allem, was ich von ihm weiß und in den letzten Tagen noch gehört habe, bin ich mir sicher: Er hat dieser Dunkelheit seine Zustimmung nicht gegeben. Er hat gegen sie gekämpft und hatte offenbar dennoch am Ende nicht mehr die Kraft, diesen Kampf zu gewinnen.
    Aber ich hoffe und vertraue, dass ihn in dieser letzten Einsamkeit die Ahnung nicht verlassen hat, dass Gott selbst in der Dunkelheit eines solchen Todes bei ihm ist. Das, genau das, glauben wir, wenn wir das Kreuz bekennen. Gott will das Kreuz nicht, aber er erspart es dennoch so vielen Menschen nicht, auch wenn wir deswegen mit ihm hadern und in den Zweifel getrieben werden. Jedoch erspart Gott das Kreuz auch sich selbst nicht. Auch und gerade in diese Dunkelheit ist er gekommen, um bei den Menschen zu sein. Er hat die Dunkelheit für uns getragen
  • Ich weiß nicht, warum es M. auferlegt war, diese Dunkelheit in sich zu tragen. Ich kann mir vorstellen, dass er selbst keinen Namen dafür hatte und auch deswegen mit niemand darüber sprechen konnte. Wir Menschen sind ja so, dass wir versuchen, allem ein Etikett und so scheinbar eine Erklärung zu geben. Dann scheint es handhabbarer zu sein. Wir wären schon beruhigt, wenn wir es mit einer Diagnose belegen und 'Depression' nennen könnten, auch wenn nur Wenige aus eigener Erfahrung wissen, was sich dahinter verbirgt. Auch so eine Diagnose ist nur ein Etikett für etwas, das uns im Konkreten unfassbar bleibt.
  • M. war es auferlegt, eine schreckliche Dunkelheit in sich zu tragen. Ich ahne, dass er sie auch für uns getragen hat. Denn er hatte eine Sensibilität, im wörtlichen und im übertragenen Sinn, dass er vieles an sich herangelassen hat - manchmal an sich heranlassen musste -, das an den meisten von uns Anderen abperlt. Sein großes Talent, für Andere da zu sein, ist Ausdruck dafür. Die Dunkelheit, die M. getragen und ertragen hat und vor der ihm am Ende die Kraft versagte, war nicht 'seine' Dunkelheit. Er hat in seiner Familie viel Liebe erfahren; aber vielleicht hat ihn das sensibel gemacht für das, was Krankheit und Unrecht für andere bedeutet.
    Es ist manchen Menschen auferlegt, durch diese Welt zu gehen und in besonderer Weise Mit-Leid zu haben, wenn die Nachrichten und das, was ihnen andere Menschen anvertrauen, sie berührt. Tief in sich müssen sie das Dunkel durchleiden, das in all den Ländern dieser Erde aus so vielem Mangel an Liebe und so viel Gewalt rührt und worunter Gottes gute Schöpfung seufzt. M. hat dies auch für uns getragen. Wie sollte Christus nicht bei ihm gewesen sein - bei ihm sein!

3. Liebe Christi

    • "Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not?" M. hat so viel Liebe gezeigt, wenn er für andere da war, in Lourdes oder in Rumänien oder wo auch immer. Ob dagegen das Dunkel, das ihn in den Tod gezogen hat, aus der konkreten Erfahrungen gespeist war? Wir können und werden es nicht wissen. Wahrscheinlich hätte er selbst es nicht sagen können. Und dennoch gilt, was aus dem Römerbrief gehört haben: "Um deinetwillen sind wir den ganzen Tag dem Tod ausgesetzt". Wer mit Christus verbunden lebt, hört wach das Seufzen der Kreatur. Mit Christus lieben heißt auch, mit ihm ein Kreuz zu tragen.
    • Aber auch das: "Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn." M. hat einen seinen Kampf gekämpft. Seine Familie und seine Freunde hätten ihm gerne beigestanden. Es ging nicht. Der Kampf wurde zu tief in seiner Seele ausgefochten.
    • In der Liebe Christi sind und bleiben wir mit M. verbunden. Bei ihm ist die entscheidende Saat auf guten Boden gefallen. Sie kann "hundertfach Frucht" bringen bei allen, die ihn kannten. Wenn wir uns heute gemeinsam unter Gottes Segen stellen, dann hat uns Gott dies durch M. geschenkt. Und ein Leben in der Freude Gottes möge für ihn die unvergängliche Frucht sein, die Gott ihm in seiner Gnade und Liebe schenkt. Amen.