Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zur Trauerfeier Hamburg 28. März 2018

28. März 2018 - Maria Grün, Hamburg

Der Verstorbene war Arzt und starb völlig unerwartet während des Dienstes.

1. "Euer Herz lasse sich nicht verwirren!"

  • "Euer Herz lasse sich nicht verwirren!" Der Satz fällt dort, wo zum ersten Mal begangen wurde, was auch heute hier geschieht, das Mahl, das zu unserer Eucharistie wurde, Abendmahl. Damals war es der kleine Kreis der Freunde und Jünger, mit denen Er am Vorabend des Paschah-Festes zusammen war. Die Gruppe kannte einander gut; Jesus wusste, zu wem er sprach. Heute sind wir eine sehr große Gemeinschaft, manche von uns sehen sich heute zum ersten Mal. Aber eines ist beiden Situationen gemeinsam: Wir sind zusammen aus Freundschaft zu einem, von dem wir Abschied nehmen.
  • "Euer Herz lasse sich nicht verwirren!" Im Evangelium sagt diesen Satz Jesus zu seinen Freunden, den Jüngern, die er auf seinen kurz bevorstehenden Tod vorbereiten will. Er sieht vor sich die Menschen, die ihm sehr nahe stehen, mit verwirrtem Herzen. Sie haben nicht damit gerechnet. Abstrakt ahnten sie vielleicht die Möglichkeit eines zu frühen Todes; aber jetzt bricht diese Wirklichkeit über sie herein und verwirrt ihr Herz. Ein verwirrtes Herz zieht sich zusammen. Es kommt aus dem Rhythmus. Wer verwirrt ist, tut sich schwer, einen klaren Gedanken zu fassen und die Richtung zu finden. Wie ungemein wichtig kann da dieser Satz werden, wenn man ihn hört mit der Stimme eines geliebten Menschen: "Euer Herz lasse sich nicht verwirren!"
  • Ich stelle mir Jesus vor als einen herzens-kundigen Menschen. Für ihn ist das Herz nicht ein beliebiges Organ, ein Muskel mit ein paar Gefäßen, durch den das Blut fließt. Das Herz ist vielmehr die Mitte des Menschen, in dessen Brust es schlägt. Wenn ein Herzens-Kundiger das Herz sieht, dann sucht er immer auch den Menschen zu sehen, diese einmalig wertvolle Person. Das Herz ist verletzlich. Ein Herzens-Kundiger vergisst das nicht, indem er einen Eingriff am Herzen nur als Routine-Operation sähe. Vielmehr ist hier wie selten sonst erlebbar, dass wir Menschen verletzlich sind. Wer anderen sein Herz öffnet, hat großes Vertrauen. Wie dankbar können wir sein, einen wirklich herzens-kundigen Menschen gekannt zu haben. "Euer Herz lasse sich nicht verwirren!"

2. Vertraut auf mich

  • Den verwirrten Herzen Richtung geben, das vermag keine abstrakte Theorie und kein leeres Wort. Das geschieht allein in der Begegnung. Du, du kannst mein Herz beruhigen und mir Richtung geben. "Glaubt an Gott und glaubt an mich!" Dabei umfasst das griechische Wort "pisteuete!" die Bedeutung der deutschen Wörter "glauben" und "vertrauen": "Trust in God. Trust also in me", finden wir in englischen Übersetzungen. Heute ist die Stunde des Vertrauens gegen die Verwirrung des Herzens.
  • A. konnte Vertrauen ausstrahlen durch die Weise, wie er offen auf andere Menschen zuging. Ohne Vertrauen können wir keine Wege gehen, wir würden durch das Leben nur stolpern - und tun es oft genug. Vertrauen aber ist keine Leistung. Es ist vielmehr ein gnadenhaftes Geschenk. Deswegen beschenken auch Menschen, die Vertrauen ausstrahlen, uns andere mit der Gnade des Vertrauens.
  • "Glaubt an Gott und glaubt an mich!", oder "Vertraut in Gott und vertraut in mich!" bindet den Glauben an den Einen, alles umfassenden, den Ewigen und Heiligen, mit dem konkreten Vertrauen in den Menschen, der diesen Satz spricht. Es ist ein ungeheurer Anspruch, den Jesus jetzt, am Ende seines Weges, gegenüber seinen Freunden erhebt; in ihm, so sagt er, sehen wir Gottes Gegenwart. Dieser Satz ist deswegen möglich, weil ihn einer sagt, der selbst das Vertrauen lebt, zu dem er uns einlädt; wer bereit ist, ein Kreuz auf sich zu nehmen aus Liebe für seine Freunde, muss durchflutet sein von Vertrauen, mitten im Dunkel und im Zweifel der Stunde.

3. Den Weg kannst Du jetzt noch nicht gehen

  • A. hat wohl seinen plötzlichen Tod nicht erwartet. Noch viel weniger hat dies seine Familie. Dennoch ahne und vertraue ich, dass er auf eine tiefere Weise bereit war, jetzt diesen Weg zu gehen. Denn vor einigen Jahren habe ich mit ihm zusammen einen Abend in der Reihe „Erfahrungen in Stille“ gestaltet. A. hat dabei von seinen beruflichen Erfahrungen berichtet. Für den Kardiologen gibt es neben der konzentrierten Stille nämlich auch die Stille, wenn das Herz aufgehört hat zu schlagen und die Messgeräte abgestellt werden. Es war diese Stille, über die er an dem Abend gesprochen hat. Dieser Moment, wenn alles Mühen des Teams nicht mehr weiter hilft und es gilt, die Stille auszuhalten. Dieser Moment war für ihn nicht der Schrecken, den es gälte zu verdrängen. Vielmehr wusste er davon zu reden, dass in diesem Moment, wo alle Mühe an ein Ende kommt, das Vertrauen steht, dass es einen Größeren gibt als uns; ihm ist an diesem Menschen gelegen.
  • In dem Abschnitt, den die Familie für diesen Gottesdienst ausgesucht hat, fordert Jesus die verwirrten Freunde zum Vertrauen auf. Im Haus seines Vaters, bei seinem und unserem Gott, „gibt es viele Wohnungen“. Er selbst geht den Weg, einen Platz für sie vorzubereiten. Wenig später, berichtet das Johannesevangelium, wird Simon Petrus, der Bruder des Andreas, beteuern, dass er bereit sei, diesen Weg mitzugehen. Doch dafür, antwortet Jesus, ist noch nicht die Zeit. Erst wird Petrus mit seiner eigenen Schwäche konfrontiert werden. Noch ehe der Hahn kräht wird er drei Mal verleugnen, Jesus auch nur zu kennen. Jesus verurteilt den Petrus nicht deswegen. Er schließt ihn vielmehr ausdrücklich in seine Verheißung ein.
  • Die Zeit, zu der wir Menschen den letzten Weg gehen, legen wir nicht selber fest. Nie ist nach unserem Maßstab dafür der richtige Zeitpunkt. Immer sind wir Menschen bei allen Gaben, die uns gegeben sind, auch brüchig und Stückwerk. Für eine Mutter, die ihren Sohn verliert, eine Frau ihren Mann, Söhne ihren Vater, eine Schwester ihren Bruder, viele einen guten Freund, ist sein plötzlicher Tod tief traurig. Aber er ist nicht tragisch. Tragisch ist nicht der frühe Tod eines Menschen, sondern wenn einer lange lebt und doch nie vermocht hätte zu vertrauen und zu lieben.
  • Jesus sagt den verwirrten Freunden: Vertraut! „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Er sagt dies im Angesicht der größten Wahrheit, der ein jeder Mensch sich stellen muss, im Angesicht seines Todes. Wir sind hier als Menschen, die mehr oder weniger oder gar nicht mit dem christlichen Glauben verbunden sind. Doch auch wem das Mysterium der Gegenwart Gottes in diesem Menschen verschlossen bleibt, kann eines spüren: Hier ist ein Vertrauen, das seinen Halt nicht aus sich selber hat, sondern demütig und souverän zugleich, unaufdringlich, fast still, und doch mit großer innerer Stärke ausstrahlt und Hoffnung macht. Hoffnung, die verbindet und stärkt, weil sie über den Tod hinausgeht. Amen.